Was zählt in den Jahren


Lasst uns den Tag aufbrechen.
Wie eine reife Frucht durch den Saft im Innern aufgebrochen wird.
Wie das Geheimnis der Nuss
Mit der Schale bricht
Und an den Tag kommt.
Wir ernten nicht
Was wir sehen.
Sondern das Verborgene.
Die Frucht ist nur Äußerlichkeit.
Ein fliehender Genuss.
Was da ist, um das Bleibende zu zeugen
Ist der Samen für die nächste Saat.
So oft der Zyklus sich wiederholt
Bleibt die Hoffnung.
Auf etwas, das die Vergänglichkeit überdauert.
Welcher Kern verbirgt sich
Unter unseren Schalen?
Welche Nacktheit des Seins bleibt
Wenn alles andere gegangen ist?

Rechter Fleck


Der Vergänglichkeit entgegen
Vom Morgen an.
Alles Beginnen endet am Anfang.
Das Leben gibt uns den Sinn zurück,
Den wir ihm verleihen.
Geborgte Umstände.
Wir halten für Geschenke,
Was nicht behalten werden kann.
Um uns herum nur Spiegel.
Wir sehen uns verkehrtherum.
Gerade gerückt blicken wir in die Gegenrichtung.
Doch wenn das Herz in der Mitte schlägt,
Dann sitzt es.
Am rechten Fleck.

Balance. Ein Akt zwischen Frage und Antwort.

Es heißt, irgendwann spült uns das Wasser alle an den Strand. Irgendein Wasser, irgendein Strand.

Der Blick über das Treibholz und den See zum Horizont verliert sich im Nebel. Berge thronen auf der Grenze zwischen Ebene und Aufstieg und ich frage mich, ob das hier mein Platz ist. Wurde ich angespült? Und wenn, zu welchem Zweck? Welcher Teil meines Weges findet hier seinen Anfang, welcher Abschnitt kam zum Ende und verliert sich nun allmählich in der Erinnerung? Schüchtern flüstern die Wellen undeutliche Antworten in die nach Abschied schmeckende Luft. Winterzeit. Jedes Jahr lassen wir ein Stück Leben hinter uns. Das kommende Frühjahr kennt den nicht mehr, der wir einmal waren. Der da antritt in der nächsten Runde starrt belastet von der Vergangenheit in die ungewisse Zukunft.

Wie hält der Turm aus lose aufeinandergeschichteten Strandsteinen sein Gleichgewicht? Ist es die Ausgewogenheit zwischen der Akzeptanz seines unsicheren Fundaments im Sand und dem Streben nach einer unerreichbaren Höhe in den Wolken?

Was kann ich von den Steinen lernen? Was von dem Turm?

Ich habe nicht zu Ende gedacht an diesem Tag. Die Fragen habe ich als Wispern des Windes in den Zweigen abgetan. Was sollten mir die entlaubten Bäume sagen können? Dabei kennen sie den See und sein Strandgut viel länger als ich. Viel besser.

Wenn wir den Moment nicht nutzen, sind wir doppelte Opfer. Wir versäumen die Gegenwart ebenso, wie wir ihr nachtrauern, wenn sie Vergangenheit geworden ist. Bevor ich meine eigenen Fragen aussprechen konnte, waren die Türme verschwunden. Das Wasser war nicht gestiegen, der Wind hatte nicht aufgefrischt. Und doch lagen die Steine verstreut auf dem Strand. Ein Wille zu Balance und Ausgewogenheit hatte sie aufgerichtet. Ein unkontrollierter Impuls zur Zerstörung war über sie hinweggegangen und hatte ihrem Dasein neue Formen und Perspektiven gegeben.

Ich glaube, sie befinden sich jetzt in einer anderen Phase ihres ganz eigenen Gleichgewichts. Sie liegen auf dem Boden zwischen Schweben und Versinken. Feucht glänzt ihre Oberfläche zwischen Nässe und Trockenheit. Ihre Form ist eine Phase zwischen dem Sein als Fels, aus dem sie ausbrachen und der Auflösung im Wasser, wo sie zum salzigen Geschmack des Meers werden.

Worauf es ankommt an jedem Strand, an den wir gespült werden, ist der Ausgleich zwischen Innen und Außen. Verborgene und offensichtliche Harmonie beeinflussen sich gegenseitig. Bedeutung entsteht durch das gesprochene Wort ebenso wie durch das verschwiegene.

Bevor Balance zu einer Frage der Übung wird, ist sie eine Antwort. Auf unsere Entscheidung, sie zu finden und zu verwirklichen.

Get the balance. Right!

Alle Tage: Helden

Meine Helden haben sich verändert. Das Leben hat sie gezeichnet und Spuren hinterlassen. Es hat an den Hüllen geschliffen, Ecken gerundet und Scharten in die Oberflächen geritzt. Aber das sind nur Äußerlichkeiten. Der Kern der Dinge blieb erhalten und unter der Schale gibt es eines zu entdecken: Die neuen Helden sind die alten.

Für Helden bedeutet es die größte Herausforderung, ihren Status zu akzeptieren. Niemand wird als Held geboren, niemand entwickelt sich dazu. Helden werden durch andere gemacht. Heldentum ist immer Fremdbestimmung. Damit fehlt einem »Helden« genau das, was auch den meisten fehlt, die andere Menschen zu Helden stilisieren: Sich unter seinesgleichen frei zu fühlen.
Vielleicht braucht es einen neuen Blickwinkel, vielleicht braucht es einfach nur die Anerkennung, wie menschlich Helden bei all ihrer Größe sind und wie groß(artig) in ihrer Menschlichkeit. Wer glaubt, für ihn existieren in seinem Leben keine Helden, sollte einmal genauer hinschauen. Wer nach dem Außergewöhnlichen auf gewöhnliche oder selbstzweifelnde Weise sucht, dem bleibt die Entdeckung versagt.

Wenn ich das alles auch für richtig halte, lässt vieles von dem Außergewöhnlichen, das meine Helden mit mir getan haben, sich nicht leugnen. Sie ließen mich ebenso fliegen, wie sie mich trösteten, meine großen und kleinen Wunden heilten und mir die Sterne vom Himmel holten. Sie wussten vielleicht nicht alles, aber sie wussten immer eine Antwort. Meine Helden heute haben viele Fragen. Jedes Mal, wenn wir uns treffen. Sie interessieren sich für mich. Immer noch.

Meine ersten Helden wohnen immer noch in der Nähe des Horizonts im Gedächtnis, der mit dem Einsetzen von Erinnerungen auftauchte. Sie sind riesig in der Erinnerung und menschlich im Heute. Nein, für mich sind sie übermenschlich und werden es bleiben. Eine Zeitlang wusste ich nicht, dass sie die wahren Helden sind. Aber das werden sie immer bleiben. Sie machen meinen Alltag immer noch zu etwas Besonderem und das Besondere zu etwas so alltäglichem, dass es sich leicht und gut anfühlt.
Zum Ende des vergangenen Jahres jährte sich ihr auch für mich entscheidendes Ja-Wort zum 56. Mal.

Wenn wir zu den Menschen mit einer glücklichen Kindheit gehören, heißen unsere ersten Helden alle gleich. Wie nennen sie Mama und Papa. Wir spüren von Anfang an, dass sie unsere ersten Lichtgestalten sind, ohne das zu wissen. Bevor wir es ahnen können, treibt das Leben uns meist ein Stück fort von ihnen und ihrem direkten Einfluss. Als Gepäck haben wir sie immer dabei. Mit etwas Glück trägt uns irgendeine Kehre im späteren Leben zurück zu der Erkenntnis, die für Jahre oder Jahrzehnte in Vergessenheit geriet oder in den Hintergrund gedrängt wurde. Wir erkennen in den alten Helden die neuen. Alle, die es dazwischen gab, waren nur Figuren, mit denen wir uns zu identifizieren versuchten. Einzigartigkeit lässt sich aber nicht übertragen. Weder unsere noch die von denen, die unserem Leben Bedeutung gaben und geben.

Meine neuen Helden werden die alten bleiben, solange ich mich erinnere.

Zum halben Jahrhundert von Ge …

Nicht unsere Forderungen machen uns reich
Und nicht die Wünsche.
Es sind unsere Gaben,
Wenn wir sie nutzen
Und die Dinge, die wir geben.
Die Medaille rollt auf dem Rand
Bis sie auf den Kopf fällt.
Oder die Zahl verdeckt.
Leben lässt sich nicht beziffern
Und ist keine Kopfsache.
Was es wirklich zu sagen gäbe
Darüber lässt sich nur schweigen.
Zwischen den Zeilen findet sich kein Echo
Es sind die Worte, die nur Widerhall sind.
Wir sind mittendrin.
Koordinaten bleiben bedeutungslos,
Solange wir uns nicht selbst kennen.

Vorsätze – Hauptsätze – Nebensätze

Die besten Vorsätze sind mehr Hauptsätze als Nebensätze.
Wie die Menschen mit dieser Tradition umgehen, erfordert aber vielleicht mehr als eine Wortspielerei.
Wem ist es nicht schon so ergangen, dass er weniger Trinken wollte oder endlich eine Diät erfolgreich zu Ende zu bringen gedachte? Ganz zu schweigen vom Vorsatz, endlich die Kippen wegzulassen. Wir wollen besser sein, als wir uns fühlen, ohne uns zu kennen. Ohne zu wissen, wer wir sind und wie wir sind.
Viele Dinge geschehen unbewusst und aus Gewohnheit. Wenn Routinen unsere alltäglichen Abläufe erleichtern, stehlen sie uns Lebenszeit in einer anderen Form: Während wir auf Autopilot geschaltet sind, verfängt nichts im Netz der Erinnerungen. Wir leben ein Stück im Einerlei. In der Rückschau gibt es nichts im Netz zu entdecken. Keine Höhen, keine Tiefen. Der Seismograf der Erlebnisse schlug nicht aus. Zu den Maschen kam keine neuer Knoten hinzu, und dabei sind es allein die Knoten, an denen wir uns festhalten können.
Ein ausreichender Vorsatz wäre, keinen Vorsatz zu fassen. Und Höhepunkte kreieren.

Ein gutes Neues Jahr von hier!

Mein Vorsatz für die vor uns liegenden Monate? Öfter bloggen. Das kann jedes Mal ein Höhepunkt sein.

Am Ende

Am Ende ist es gleich
Wiederum ein neuer Anfang.
Die Tage lassen sich
Von uns nicht auszählen.
Sie kennen das Geheimnis
Der Wiederkehr.
Ein Wissen, das wir vergaßen.
Wir feiern einen Anderen
Mehr als uns selbst.
Was in seinem Sinn war,
Ist schon längst anders interpretiert.
Am Ende ist es gleich,
Wenn auch wir im Inneren
Uns gleich bleiben werden.

Weiß-es-Gold

Wäre Schweigen tatsächlich Gold, müsste diese Seite inzwischen im mattgelben Glanz des Edelmetalls erstrahlen. Stattdessen ist Nüchternheit angesagt. Für den Inhalt von Blogs aber ist Flat-Design keineswegs eine ebenso passende Lösung wie für ihre Aufmachung. Reduziert sich die Aussage auf Schweigen, finden sich bald keine Leser mehr. Den Sinn leerer Seiten zu erfassen ist noch schwieriger, als den zwischen den Zeilen. Pausen zwischen dem Gesagten ergeben nur Sinn, wenn sie die Sprache unterstützen. Wer dieses Blog als verwaist empfand in den letzen Monaten, den hat sein Gefühl nicht getäuscht.
Der Begriff Blog-Pflege hat einen wahren Gehalt: Ein Blog oder jedes andere, ähnliche Werkzeug zum Kommunizieren sollte man nur betreiben, wenn man etwas zu sagen hat. Zumindest sollte man glauben, dass es so ist.
Ich habe noch nie geglaubt, dass ich nur zu schweigen habe.

Umstände können Stimmen zum Schweigen bringen oder Reden verstummen lassen. Umstände aber sind nie die Antworten. Sie sind die Fragen. Wie wir darauf antworten, bleibt uns überlassen. Wir haben die Wahl. Unserer Entscheidung ist und bleibt es, ob wir antworten. Entschließen wir uns dazu, kommt es auf das WIE an.

Ich will dem Schweigen dieses Blogs in den vergangenen Monaten wieder Stimme und Stimmung verleihen. Wie? Das wird sich zeigen. Keine Versprechungen. Was geht, geht. Auch anders.
Vielleicht hat jeder Tag eine Geschichte zu erzählen. Die erste Kompetenz der Kommunikation, die man entwickeln sollte, ist Zuhören. Wenn ich etwas höre, erzähle ich euch davon. Vielleicht nicht immer, vielleicht nicht oft. Vielleicht auch zu oft. Wer weiß. Ich bin kein Experte. Aber die wissen auch erst immer hinterher, was sie vorher hätten wissen müssen.

Dinge entwickeln sich. Aus einem Morgen wird ein Tag, aus einem Heranwachsen ein Leben. Aus einer leeren Seite, egal ob in einem Notizbuch oder in einem Blog, wird manchmal sogar eine Geschichte. Das Datum könnte die Kapitelüberschrift sein. Der Reiz leerer Seiten besteht auch in der Unendlichkeit, die in ihrem Potenzial verborgen liegt. Leere Seiten sind wie weisses Gold. Mit einem Schreibwerkzeug lassen sich Stücken aus der Ewigkeit heraustrennen und sichtbar machen. Die Zeichen auf den Seiten markieren den Weg, den die Geschichte nimmt. Sie sind die Gravur auf dem weissen Gold …

Destillat und Fülle

Laub raschelt unter den Füßen
Als würden die Perforationen reißen
Zwischen den Jahreszeiten.
Die Hoffnung auf gute Ernte
Hat sich erfüllt oder nicht.
Was bleibt nach einer mäßigen Lese
Ist den Most zu Wein zu machen
Und den Wein zu Brand.
Vielleicht lässt es sich eine Weile leben
Allein vom Destillat der Früchte.
Wahres Leben aber ist Fülle,
In die wir uns fallen lassen.
Das Tote Laub bereitet uns
Auf den Übergang vor.

Kaleidoskop-Weg

Der Mond sichelt über das Feld der Nacht
Und sammelt die Ernte aus Sternenlicht.
Wasser zerspringt auf gefrorenen Pfützen.
Der Heimweg spaltet sich in Kaleidoskope,
Ankommen ist eine Frage.
Der Perspektive.
Was, wenn wir den Ausgangspunkt nie verlassen haben?
Das Licht, dem wir den Rücken kehren
Wirft unseren eigenen Schatten vor die Füße.
Wir suchen nur immer weiter,
Weil wir die Augen verschließen vor dem
Das uns gefunden hat.