Während ich auf den am Bildschirm ins Überdimensionale vergrößerten Kompass starre, überlege ich. Habe ich ihn nicht wunderbar eingenordet, bevor ich den Screenshot gemacht habe? Warum der Beitrag »Erster Horizont« heißen sollte, und warum mir als Bild dazu ausgerechnet ein Kompass in den Sinn kam, will mir nun nicht mehr einfallen.
Es war um die Mittagszeit. Mag sein, dass ich den Höchststand der Sonne als maximal möglichen Horizont des Tages angesehen habe. Eine Höhe, die der Stern in diesem Jahr bisher nur in der Vorstellung theoretischen Wissens erklommen hat: Seit dem in der Neujahrsnacht hier die Funken sprühten und die Donnerschläge hallten, als wollten militante Gruppierungen die Stadt einäschern, lässt der Himmel vorsichtshalber Löschwasser aus allen Tränensäcken tropfen, die da oben als tiefhängendes Grau schweben.
Die Theorie des Horizonts. Die Wirklichkeit dieser Linie definiert sich nur durch Entfernung. Wann immer wir sie erreichen, löst sie sich auf. Immer laufen wir ihr hinterher. Am nächsten kommen wir ihr wohl, wenn wir auf dem Bauch robben. Den Kopf flach auf den Boden gepresst, können wir den Horizont berühren, indem wir die Hand ausstrecken. Was wir erreichen können, wenn wir uns nicht allzu viel vornehmen!
Trotzdem. Einen sichtbaren Horizont, eine sichtbare Naht zwischen Himmel und Erde, gibt es. Mit unserem Auftauchen an der Stelle, an der wir sie erkannt haben, setzen wir lediglich den Nahttrenner der Wirklichkeit an. Erkenntnis schickt die Träume in den Schlaf. Oder in Ohnmacht? Allein der Wunsch, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, stutzt die Flügel. In unseren realsten Momenten sind Emus und Pinguine flugfähiger als wir.
Mir fällt jetzt wieder etwas ein. Mein Beitrag über den ersten Horizont sollte eine kleine Vorausschau sein. Was bringt die Zukunft, so das erste Vierteljahr, das vor mir liegt? Als ob ich das wüsste! Termineinträge im Kalender, um zu Planen, erschaffen keine Wirklichkeit, sondern »nur« wieder Möglichkeiten. Je starrer man daran festhält, falls Änderungen notwendig werden, desto konsequenter verschließt man sich dem Erleben. Termine und Planungen sind künstliche Horizonte. Wir erschaffen uns eine Fata Morgana nach der anderen, um Nahrung zu haben: Die Illusion der Sicherheit muss gefüttert werden.
Mein Plan zu diesem Blogbeitrag war das eine. Der Horizont, den es zu erreichen galt, damit dieser teXt auf dem Bildschirm erscheint, das andere. Wie man das alles in Einklang bringen kann, den künstlichen Horizont der Planungssucht mit dem wirklich erfahrbaren, dem wir die Naht auftrennen, sobald wir ihn zu packen bekommen, als wollten wir eine alte Joppe noch einmal wenden, dazu dann noch die Realität, die sich nicht schert um Verlangen und Wünsche, wie das alles in Harmonie gebracht werden kann, übersteigt meinen Horizont.
Vielleicht heißt das Rezept einfach: Wo die Kompassnadel hinzeigt, hast du dich eingeordnet. Und dann bleib immer schön auf Kurs, ohne zu vergessen, dass diese Rose 360 Blätter hat, die in ° gemessen werden und alle ihre mögliche Daseinsberechtigung haben.
Willkommen hinter dem Ersten Horizont. Ihr habt es geschafft, wenn ihr bis hierher gelesen habt.