Erinnern ohne Wiederholen 59
Tabula Rasa. Aber Vorsicht! Auf dem verkramten Tisch unseres Lebens liegt zwischen den zerknüllten Erinnerungen auch immer das ein oder andere, das man sich noch einmal anschauen sollte. Bevor man es wegschmeißt. Oder aufbewahrt.
Die Unerschöpflichkeit des Lebens ist es, was uns erschöpft. Wir sind nicht auf Dauer ausgerichtet, der Reiz verpufft mit der Wiederholung, mit der Gewohnheit wird er zum Einerlei. Zumindest die Illusion muss her, dass es immer wieder etwas Neues gibt, dass der Sinn des Lebens allein im Schneller-Höher-Weiter besteht. Der Turmbau zu Babel hat nicht aufgehört mit seiner Zerstörung. Wir hangeln uns an Äußerlichkeiten aufwärts entlang überhängender Klippen.
Blinde Traditionen ersticken uns unter dem Geröll des Althergebrachten. Blinder Fortschrittsglaube lässt die Luft dünn werden auf Gipfeln, die keine sind. Die Kunst ist solides Wachstum. Besinnen auf die Natürlichkeit, die als Potential allen Dingen innewohnt. Im Kern schlummert das Wesen. Wie Samen des Vorjahres, der nicht aufgegangen ist. Wer weiß, vielleicht ist seine Zeit erst jetzt?
Haben wir den Mut, die Hülle manchen Fortschritts zu knacken, starren wir in das Nichts, das dahinter hockt. Da wohnt kein Wesen, das wir entdecken könnten. Wir werfen die Hülle fort. Und suchen uns eine neue.
Erinnern wir uns, manchmal lohnt es, wenn wir Altes neu beleben.