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“Erinnern Neunundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 59
Tabula Rasa. Aber Vorsicht! Auf dem verkramten Tisch unseres Lebens liegt zwischen den zerknüllten Erinnerungen auch immer das ein oder andere, das man sich noch einmal anschauen sollte. Bevor man es wegschmeißt. Oder aufbewahrt.
Die Unerschöpflichkeit des Lebens ist es, was uns erschöpft. Wir sind nicht auf Dauer ausgerichtet, der Reiz verpufft mit der Wiederholung, mit der Gewohnheit wird er zum Einerlei. Zumindest die Illusion muss her, dass es immer wieder etwas Neues gibt, dass der Sinn des Lebens allein im Schneller-Höher-Weiter besteht. Der Turmbau zu Babel hat nicht aufgehört mit seiner Zerstörung. Wir hangeln uns an Äußerlichkeiten aufwärts entlang überhängender Klippen.
Blinde Traditionen ersticken uns unter dem Geröll des Althergebrachten. Blinder Fortschrittsglaube lässt die Luft dünn werden auf Gipfeln, die keine sind. Die Kunst ist solides Wachstum. Besinnen auf die Natürlichkeit, die als Potential allen Dingen innewohnt. Im Kern schlummert das Wesen. Wie Samen des Vorjahres, der nicht aufgegangen ist. Wer weiß, vielleicht ist seine Zeit erst jetzt?
Haben wir den Mut, die Hülle manchen Fortschritts zu knacken, starren wir in das Nichts, das dahinter hockt. Da wohnt kein Wesen, das wir entdecken könnten. Wir werfen die Hülle fort. Und suchen uns eine neue.

Erinnern wir uns, manchmal lohnt es, wenn wir Altes neu beleben.

“Mitternacht”

Mitten in der Nacht diese Lust auf Kaffee. Nur ungewöhnlich, wenn man schon im Bett liegt, das Schnattern des Tages abklingt, um sich noch deutlicher nach innen zu verlagern.
Lust kommt und geht. Meist wissen wir zu wenig über uns selbst, um ihr Verhalten deuten zu können. Launisch ist sie und untreu. Wie die Zeit. Wer auf sie wartet, wartet oft vergebens, wer sich von ihr befreien möchte, an den klammert sie sich um so fester.
Das Dunkel besteht nur aus Geräuschen und diesem Verlangen. Das Aroma von frischem Kaffeepulver nistet in der Nase, es wären nur drei oder vier Schritte, und ich könnte die Dose aus dem Schrank nehmen. Den Deckel aufschnappen lassen, tief einatmen. Nicht einmal fünf Minuten später steht ein dampfender Pott vor mir, der mich mit einem milchbraunem Lächeln einlädt, mit ihm zu feiern.
Heutzutage nennt man Lust Motivation. Zum Kaffeekochen kann ich mich um diese Zeit nicht motivieren.
Aus dem Talgrund des Hofes klingen die Feierabendgeräusche des Restaurants herauf. Geschirr klappert. Italienische Wortfetzen. Dazwischen immer wieder ein Schweigen, eine Stille, als hält die Nacht die Geräusche in Schatullen aus schwarzem Samt in den Händen.
Dass ich erst kurz vor dem Zubettgehen geduscht habe, war nur Alibi. Temperaturen von knapp 25°C sind zur festen Größe geworden im Schlafzimmer- dem kühlsten Raum der Wohnung.
In der Ferne surrt vereinsamt ein Flugzeugmotor über den Himmel. Ein künstliches Insekt auf der Suche nach einem Platz, wo es sich niederlassen kann.
Die Kirchturmglocke schreckt aus ihrem Stundenschlaf. Ich brauche ihre Schläge nicht zu zählen. Mitternacht.
Schweißtreibendes Stillliegen, mehr auf, als in der Bettwäsche.
Das Verlangen nach Kaffee wird dünner, wie ein Bach zum Rinnsal wird und versickert, wenn er dem doppelten Kampf gegen ausgedörrten Boden und Sonnenglut nicht mehr gewachsen ist. Die Sonne reißt das Wasser an sich, Tropfen für Tropfen, um mit Wolkenburgen zu spielen.
Mir scheint keine Sonne in der Nacht.
Im Spiel mit der Wörtlichkeit, um das Empfinden auszudrücken, hat das Verlangen sich verflüchtigt. Das Kaffeearoma schwebt davon. Es wartet in den Morgenschatten der Küche. Ich warte auf den Schlaf. Er ist ein scheuer Bettgenosse. Wartet, bis der Himmel fahl wird und sich dann schnell wieder entzündet. Da kann ich ihn nicht mehr gebrauchen, den Schlaf. Soll er doch sehen, wo er sich jemanden sucht, der ihm Asyl gibt an diesem Sommertag.

“Nur ein Traum?”

Dich berühren!
Mein Wunsch brannte,
Bis du meine Hand genommen hast.
Ein Kuss!
Mein Herz jagte davon,
Als deine Lippen meine fanden.
Ich wollte nur noch eines:
Vergessen, dass ich schwimmen kann.
Um in dir- zu ertrinken.

Wollte ankommen in dir,
Wollte dort ich selbst sein.
Wollte nur noch eines sein:
Nicht-Ich.
Du sagtest “Komm!”
Und sagtest “Jetzt!”
Und dann warst du- verschwunden.

“Zeit ist nicht gleich Zeit. Sondern: Jetzt!”

Kindermund. Nicht nur süß, wenn er aufspringt wie eine Blüte zu einem fröhlichen Lachen, das wie ein Glockenton in unseren Herzen widerhallt. Manchmal noch süßer, wenn er plappert. So vor sich hin, so klug, dass es uns als die “Großen” manchmal verblüfft. Wir haben verlernt, wie einfach die Welt ist, halten uns etwas zugute auf unsere Kompliziertheit. Das Denken der Kinder ist so geradeheraus, weil Kinder einfach sind. Einfach sind.
Es ist an einem Sonntagnachmittag, Miriam mit ihrer Familie auf dem Weg nach Hause, froh, das Wochenende hinter sich gebracht zu haben. Da meldet sich Theo aus seinem Kindersitz von der Rückbank mit einem gewichtigen Anliegen.

Kinder Zeit.

“Erinnern Achtundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 58
Enttäuschung. Ein fehlgeleitetes Gefühl, mit dem wir einfach auf der Schiene weiterfahren, die uns dorthin verführt hat.
Enttäuschung. Vom Klang her betrachtet, hat hier die Täuschung ein Ende. Sollten wir nicht froh sein, ein Stück der Wahrheit hinter dem Schleier zu entdecken?
Stattdessen sind wir wütend, frustriert, ungehalten. Wir haben an die Täuschung geglaubt. Wer oder was uns unseren Glauben nimmt, nimmt uns ein Stück von uns. Glauben wir. Aber Glauben kann man nicht nehmen. An das zu glauben, was wahr ist, erübrigt sich. Es ist eben wahr.

Wir haben Ansprüche, keine Bedürfnisse. Ein unbefriedigtes Bedürfnis -Hungern, Dursten, Lieblosigkeit- bringt keine Enttäuschung, sondern das Gefühl von echtem Mangel. Es fehlt etwas, dessen wir bedürfen. Um zu leben, zu überleben. Als Mensch. Menschlich.
Unbefriedigte Ansprüche sind etwas anderes. Sie führen nicht zu Mangel, sondern Frustration. Was glauben wir aber, worauf wir einen Anspruch haben? Einen wirklichen. Über die Befriedigung der Bedürfnisse hinaus?

Nur du kannst, was du kannst. Was immer das sein mag. Lass dich darauf ein, es zu erkennen. Indem du dich auf dich einlässt. Es braucht Mut. Vielleicht. Aber letztlich nicht mehr, als du brauchst, wenn du ständig gegen den eigenen inneren Strom schwimmst, weil du dich in der Masse treiben lässt.

Es heißt, wir seien Summe und Produkt. Unserer Umwelt, der Beziehungen, und auch der Vergangenheit. Das ist eine einseitige Rechnung. Wir sind auch Differenz. Das Ergebnis zwischen Möglichkeit und dem, was wir “auf der Strecke gelassen” haben. Zwischen den Worten, die wir hätten sagen können und dem Schweigen. Zwischen dem Endpunkt und dem, was uns noch bevorsteht.
Wir sind Quotient: Bruch zwischen dem Ideal und dem kleinsten gemeinsamen Nenner unserer selbst. Solange wir uns selbst noch nicht gefunden haben, ist dieser Nenner immer größer Eins. Und wir, als Dezimalbruch der Kreation aus Wirklichkeit und Illusion, sind immer eine Null vor dem Komma.

Der heutige Weg fordert dich auf zu Schöpfung und Individuation.

“Wie das Meer küsst”

Das Meer küsst salzig.
Liebesschweiß perlt über die Lippen.
Es trägt dich
Auf den Wellen einer unsichtbaren Dünung
Von einem Ufer zum anderen.
Ist deine Liebe stark genug,
Darin zu ertrinken?

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“Erinnern Siebenundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 57
Direkten Zugang zum Geschehen hat man nur, wenn man sich ihm öffnet.
Sehen, was ist. Was für ein lapidarer Dreiwortsatz! Wie oder was denn sonst, möchte man fragen. Aber so einfach scheint es dann doch wieder nicht, wenn man es genauer betrachtet.
Siehst du? Oder- interpretierst du das Gesehene? Nimmst du wahr? Oder- hältst du für wahr? Aufgrund welcher Vorannahmen auch immer.
Von Zeit zu Zeit ist es erforderlich, aus dem wellenförmigen Prozess des Lebens einen Moment herauszugreifen. Die Richtung eines Partikels innerhalb der Welle erfassen, um sich zu orientieren, wohin die Welle trägt.
Wir selber sind Partikel in den Wellen eines unendlichen Ozeans. Wohin geht die Reise? Wir müssen das Große, Ganze im Blick behalten. Was erfordert der Augenblick? Gleichzeitig müssen wir uns auf uns selbst besinnen.
Ein offenes Sich-Selbst-Bewusstsein schafft Klarheit für die Reise.

Erinnern wir uns, manchmal muss man sich darauf fokussieren, zu sehen, was ist.

“Essenz der Schnelligkeit IX”

Wenn das Eine dem Anderen folgt, muss das Andere dem Einen auch voraus gegangen sein. Klingt logisch. Die Frage bleibt aber: Was war vor Twitter?
Nicht, dass ich etwas vermisst habe. Manchmal wissen wir aber auch erst, was fehlte, wenn es da ist. Wie wir vieles auch erst vermissen, wenn es weg ist. Aber das klingt dann doch wie Twittosophie, und die soll mal immer schön da bleiben, wohin sie gehört. Wo immer das sein mag…
Hier die nächste Folge:

Twitteressenz IX

Und wer die ersten Reminiszenzen verpasst hat oder einfach nur nochmal nachschauen möchte:

Twitteressenz I

Twitteressenz II

Twitteressenz III

Twitteressenz IV

Twitteressenz V

Twitteressenz VI

Twitteressenz VII

Twitteressenz VIII

“Erinnern Sechsundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 56
Der Sinn der Rose kann nicht das Rosenöl sein. Dass es Rosenöl gibt, ist nicht Sinn, sondern Ansinnen. Des Menschen, der besitzen will.
Den Duft der Königin der Blumen kann man nicht besitzen. Er ist teilbar. Führe andere in deinen Garten und lass sie ihr Gesicht eintauchen in den Himmel, der um einen blühenden Rosenstrauch schwebt. Wie tief sie eintauchen, ist ihre Wahl. Aber warne sie vor den Dornen, wenn du der Führer bist!
Der Sinn der Rose ist Schönheit. Ihre Blütenblätter lächeln, die sich öffnenden Lippen verströmen eine Essenz, die Bienen und Schmetterlinge trägt wie auf Wolken.
Sinn und Essenz der Rose können nicht die eines Menschen sein.
Mensch schmückt sich nicht nur mit fremden Duft. Meint er, seine Essenz könnte stinken? Vielleicht, weil ihm die Welt stinkt.
Wer seine wirkliche, eigene Essenz findet, verlangt nicht mehr nach einer anderen. Er teilt, was er anderen zu geben hat und nimmt Anteil an dem, was andere ihm anbieten.

Erinnere dich: Deine Essenz ist das Geschenk der Lebensaufgabe.

“Hinwegtäuschung”

Sprache könnte.
Logisch sein.
Aber so?
Wir täuschen uns nur.
Darüber hinweg.
Dass wir nichts zu sagen haben.

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