HomeWörtlichkeit › “Mitternacht”

“Mitternacht”

Mitten in der Nacht diese Lust auf Kaffee. Nur ungewöhnlich, wenn man schon im Bett liegt, das Schnattern des Tages abklingt, um sich noch deutlicher nach innen zu verlagern.
Lust kommt und geht. Meist wissen wir zu wenig über uns selbst, um ihr Verhalten deuten zu können. Launisch ist sie und untreu. Wie die Zeit. Wer auf sie wartet, wartet oft vergebens, wer sich von ihr befreien möchte, an den klammert sie sich um so fester.
Das Dunkel besteht nur aus Geräuschen und diesem Verlangen. Das Aroma von frischem Kaffeepulver nistet in der Nase, es wären nur drei oder vier Schritte, und ich könnte die Dose aus dem Schrank nehmen. Den Deckel aufschnappen lassen, tief einatmen. Nicht einmal fünf Minuten später steht ein dampfender Pott vor mir, der mich mit einem milchbraunem Lächeln einlädt, mit ihm zu feiern.
Heutzutage nennt man Lust Motivation. Zum Kaffeekochen kann ich mich um diese Zeit nicht motivieren.
Aus dem Talgrund des Hofes klingen die Feierabendgeräusche des Restaurants herauf. Geschirr klappert. Italienische Wortfetzen. Dazwischen immer wieder ein Schweigen, eine Stille, als hält die Nacht die Geräusche in Schatullen aus schwarzem Samt in den Händen.
Dass ich erst kurz vor dem Zubettgehen geduscht habe, war nur Alibi. Temperaturen von knapp 25°C sind zur festen Größe geworden im Schlafzimmer- dem kühlsten Raum der Wohnung.
In der Ferne surrt vereinsamt ein Flugzeugmotor über den Himmel. Ein künstliches Insekt auf der Suche nach einem Platz, wo es sich niederlassen kann.
Die Kirchturmglocke schreckt aus ihrem Stundenschlaf. Ich brauche ihre Schläge nicht zu zählen. Mitternacht.
Schweißtreibendes Stillliegen, mehr auf, als in der Bettwäsche.
Das Verlangen nach Kaffee wird dünner, wie ein Bach zum Rinnsal wird und versickert, wenn er dem doppelten Kampf gegen ausgedörrten Boden und Sonnenglut nicht mehr gewachsen ist. Die Sonne reißt das Wasser an sich, Tropfen für Tropfen, um mit Wolkenburgen zu spielen.
Mir scheint keine Sonne in der Nacht.
Im Spiel mit der Wörtlichkeit, um das Empfinden auszudrücken, hat das Verlangen sich verflüchtigt. Das Kaffeearoma schwebt davon. Es wartet in den Morgenschatten der Küche. Ich warte auf den Schlaf. Er ist ein scheuer Bettgenosse. Wartet, bis der Himmel fahl wird und sich dann schnell wieder entzündet. Da kann ich ihn nicht mehr gebrauchen, den Schlaf. Soll er doch sehen, wo er sich jemanden sucht, der ihm Asyl gibt an diesem Sommertag.

Leave a Comment