Home › Monthly Archives › Juni 2010

“Erinnern Fünfundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 55
Mir gefällt der Gedanke, das Konzept von gut und schlecht aufzugeben. Zugunsten von reif und unreif, betrachtet unter dem Blickwinkel, ob und inwieweit etwas/jemand der vorgesehenen Bestimmung gerecht wird. Oder eben nicht.
Eine gewisse Leichtigkeit könnte sich einschleichen in den Reiz-Reaktions-Mechanismus unserer Urteilsfindung. Bisher bilden wir Meinungen, anstatt uns. Uns bilden in dem Sinn, dass es gilt mit der Form immer weiter die Vorlage auszufüllen. Was glauben wir denn, wozu diese Ideale, kurz zusammen gefasst unter dem Begriff “menschlich” da sind, wenn nicht als Ziel, als Schablone für das, was sich da einmal Mensch nennen möchte?
Wenn wir aufhören, alles und jeden immer nach den verstaubten Urteilsurkunden in unserer persönlichen Kammer des Schreckens zu bewerten, sind Annäherung und Nähe möglich.
Freundschaft.
Dazu müsste man auch erstmal in der Lage sein, das eigene Verhalten neu zu betrachten, anstatt es zu bewerten. Bewertungen haben stets mit Urteilen zu tun, die sind, es kann nicht oft genug gesagt werden, immer subjektiv. Inwieweit wir uns selber gestatten, unser “Meinungsverhalten” als reif oder unreif zu betrachten, gemessen an der jeweiligen Situation und Reaktion, könnte einen Unterschied machen. Einen kleinen, aber feinen. Erinnern wir uns daran, es sind die Feinheiten, die letztlich das Zünglein an der Waage ausmachen.

Erinnern wir uns, dass Freundschaft möglich wird, wo wir Grenzen als das erkennen, was sie sind: Illusionen. Erinnern wir uns weiter, dass dort, wo wahre Frendschaft lebt, Urteile keinen Platz haben. Man sieht den Freund. Und spiegelt ihn. Man kann sich oder irgendwas nur ändern, wenn man zuerst sich selbst betrachtet. Bei genauem Hinsehen steckt in der Betrachtung das gewaltige Wort Achtung!

“Kann jemand anderes?”

Seit Anfang an ist ein Klang.
Horch, was er dir zu erzählen hat!
Oder forme ein Wort daraus.
Kann jemand anderes hören, was du hörst?

Bastle dir aus dem leeren Bogen
Ein Schiffchen, einen Hut.
Oder zeichne einen Plan darauf.
Kann jemand anderes deine Ideen bauen?

Forme das Blatt zum Trichter.
Rufe dein Leben hindurch.
Oder schreibe ein Gedicht.
Kann jemand anderes deine Geschichten erzählen?

Zeig den Leuten deine Hingabe,
Lass sie sehen, wie du tanzt!
Oder erkläre ihnen deine Choreografie.
Kann jemand anderes deinen Tanz tanzen?

___

“Ruf der Ordnung”

Etwas zur Ordnung rufen?
Wie lächerlich!
Glaubst du, genug Atem zu haben,
Eine Stimme, die groß genug ist?
Das Flüstern des Windes in den Dünen
Bewegt nur Sandkörner.
Neue Inseln gebiert das Meer im Sturm.
Alles, was du tun kannst:
Werde dir der Ordnung ringsum bewusst.
Teile sie. Teile dich in sie.
Erkenne, wo wirklich die Grenze ist
Zwischen dir und dem anderen.

___

“Erinnern Vierundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 54
Sie ist so dick, dass ich sie mit beiden Armen nicht umfangen kann. Spendet sie Schatten oder nimmt sie mir einfach nur das Licht? Derber Duft steigt erdig in meine Nase, wenn ich die Wange an sie lege. Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe zu ihr auf. Durch das Blattwerk schimmert über ihrer Krone der Himmel. Ganz still steht die Ulme, scheint ihre Kraft auf mich zu übertragen. Für Momente kommt es mir vor, als wäre auch ich fest in der Erde verwurzelt. Sie steht reglos. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern vollkommen im Gleichgewicht. Gleichgewichtig zwischen oben und unten und im Schatten, den sie im Kreis um sich wirft. Doch kommt ein Wind auf, tanzt sie mit ihm. Sie raschelt mit den Blättern und wiegt sich in seinen Armen hin und her.
Ich wünschte, ich hätte die Ausdauer des Baumes, die ihn zu diesem Gleichmut, dem immer gleichen Mut geführt hat.
Das Muster der Jahresringe zeigt, auf welchem Weg man dorthin gelangt. Es ist der, den die Sufis Al-Matin nennen: “Der Feste” oder “Der Beharrliche”.

Es braucht die Festigkeit eines wirklichen Entschlusses, um sich auf den Weg zu machen. Und die Ausdauer, die sich nur in der Beharrlichkeit verwirklicht. Wir reden von Halbherzigkeit, wenn wir etwas nicht so angehen, dass im Beginn schon der Erfolg als das einzig mögliche Ergebnis feststeht. Ein halbes Herz ist gar keines. Es ist nicht lebensfähig. Und, schlimmer, nicht liebesfähig. Es braucht die Liebe, sich ein Herz zu fassen, um loszugehen. Es braucht das Vertrauen der Liebe, damit wir erkennen, jeder Herzschlag bringt uns ein Stück voran. An uns ist es, darauf zu lauschen. Nicht mit dem Ohr. Sondern mit unserem gesamten Sein.

Werde dir heute bewusst, was es für dich und deinen Weg bedeutet, (ver)wirklich(t)e Beharrlichkeit in dein Leben zu bringen.

“An der Wiege” – Zeilen auf Abruf

Manchmal klopft das Leben mit einer Bitte an, und es liegt in der Art des Wunsches, dass man ihn erfüllen möchte:
“…meine Schwester hat einem wunderschönem, kleinem, gesundem Mädchen das Leben geschenkt ;) vielleicht fallen Dir zu diesem besonderem Ereignis ein paar nette Worte ein?…”
Da habe ich in die Kiste mit der Wortwolle gegriffen, sah das Baby in der Wiege liegen und häkelte die folgenden Schnüre:

An der Wiege

Wunder sind so klein.
Vielleicht- einen halben Meter lang?
Sie haben ein zahnloses Lächeln,
Und duften, als wäre der Himmel in einen Garten gefallen.
Wie kann das sein?
Wir möchten diesen Zwerg beschützen.
Und fühlen uns in seiner Gegenwart
Doch selbst so klein.
Ein Licht strahlt aus Augen,
Die nur Liebe kennen.
Dieses Wunder ist winzig.
Und doch heißt, es zu behüten:
Das Universum retten
.

___

“Erinnern Dreiundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 53
Erinnern wir uns: Diese Rubrik ist eine Einladung. Sich einlassen darauf, dass die Dinge der Welt, die Welt der Dinge, meditativ erfasst werden kann. Ein Stück. Stück für Stück.
Das Leben ist eine Sammlung von Attributen. Namen. Wegen.
Sich erinnern ohne Wiederholen ist Meditation. In der Meditation kommen Erinnerungen an die Oberfläche, von Dingen, die wir schon immer gewusst haben. Es ist ein Sich-Einlassen darauf. Auf die Erinnerung, die Meditation. Darauf, dass wir nach und nach die Eigenschaften zur Kenntnis nehmen, sie anerkennen sollten. Die Namen nennen. Die Wege ausprobieren. Den einen oder anderen. Man kann Reisen, ohne sich körperlich zu bewegen. Reisen erklärt das Buch, das diese Welt ist, indem wir ihm seine Geschichten ablauschen.

Gegerbte Gesichter. Wind und Wetter vollbringen das, heißt es. Gegerbte Gesichter haben eine ureigene Zeichnung. Nicht nur, dass sie sich den Elementen gestellt haben, die ihre Oberfläche schmirgelten. Darunter ist etwas von dem Wissen, das nur Veränderung bringt.
Wir wollen keine Veränderung. Was kommt, ohne dass wir wissen, was es ist, macht uns Angst. Wir wollen Sicherheit. Das Aufrechterhalten des Status Quo. Dabei gibt es weder das Eine noch das Andere, in dem von uns gewünschten Sinn. Das Quo ist ein Processus Quo, und die einzige Sicherheit könnte aus dem Vertrauen kommen. Aber wie sollen wir dem Prozess vertrauen, wenn wir nicht einmal unserer selbst sicher sind?
Wir wollen keine Wetterkerben im Gesicht. Drehen den Kopf aus dem Wind. Vermeiden den Auftrieb, der uns mit hinauf nehmen könnte zu einer anderen Perspektive. Das Werk der Zeit versuchen wir zu verbergen unter einer Schicht Creme und Schminke. Im Inneren wie im Äußeren.
Gegerbte Gesichter. Sind das Ergebnis dessen, dass man das Alte gehen lassen hat. Am Alten festhalten, bringt über kurz oder lang die Gesellschaft von Leichen. Gerben heißt, die Haut von Fleischresten befreien, die nur faulen würden.

Halte dein Gesicht, das innere wie das äußere, immer in den Wind der Veränderung.

“Die Wahrheit im Kuss der Rose”

Du darfst die Rose küssen.
Aber lass ihr die Sonne!
Sie aus dem Strauch zu schneiden,
Bringt ihr nur die Freiheit des Todes.
Wenn sie sterben muss,
Dann durch den Herbststurm,
Der das Frühjahr vollendet.

Beuge dich über sie.
Trinke ihren Duft.
Hat Wein dich je so berauscht?
Lass sie gehen,
Wenn ihre Blüte sich in den Abend schließt.
Nach ihr zu greifen,
Lehrt dich den Schmerz des Festhaltens.
Die Dornen der Wahrheit stechen tief.

Du darfst die Rose lieben.
So, wie es ihrer Natur entspricht.
Willst du mit ihr zusammen sein?
Oder willst du sie bei dir haben?
Wenn du sie nur haben willst,
Dann geh:
Suche zuerst dich selber.

___

“Erinnern Zweiundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 52
Gestern habe ich mich zurückgezogen in Nacht und Stille, um der Dunkelheit zu begegnen. Ausruhen war nötiger als gedacht. Dass sich der Schlaf ein Stückweit in den Morgen räkelte, hat es bewiesen. Vor der Tür des Schlafzimmers wartete die Sonne auf mit ihrem grüngoldenen Tanz im Zimmerpflanzenwald. Licht fühlt sich so anders an in seiner direkten Form. Anders, als wenn es nur als Reflektion erscheint oder sich durch eine Barriere von Wolken kämpfen muss.
Die Herausforderung bleibt, die das Licht mit sich bringt: Sich ihm zuwenden. Auch der Dunkelheit gilt es zu begegnen. So wie in der letzten Nacht, zu Ruhe und Regeneration.
Der Unterschied besteht darin, ob wir den Herausforderungen begegnen, oder auf sie treffen. Meist treffen sie uns.
Auf alles vorbereitet sein, ist weder möglich noch nötig. Was hilft, ist eine Haltung der Offenheit zu üben. Offensein für (fast) alles, bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Vielmehr gestattest du dir die Freiheit, deine Reaktion zu wählen. Und die kann im Annehmen oder Ablehnen bestehen. Wichtig ist nur, dass sie aus dem inneren Selbst kommt.
Herausforderungen sind Einladungen. Nicht entweder-oder, sondern, einmal mehr, sowohl-als auch. Wir werden aufgefordert, heraus zu kommen. Aus unserem bisherigen Sein, aus der Art und Weise, wie wir bisher etwas getan, gedacht, gesagt haben. Es ist ein Angebot, auf das man eingehen kann.
Alles, was es braucht, um Herausforderungen und Einladungen zu begegnen, ohne, dass sie uns nur treffen und betroffen machen, haben wir in uns selber.

Erinnere dich mit dem heutigen Herzweg daran, du kannst allen Herausforderungen begegnen.

“Sehnsucht – Das Salz des Lebens”

Du kannst deine Sehnsucht in Glück verwandeln:
Zu wissen, da ist etwas,
Wonach es sich zu sehnen lohnt.
Das dich hält.
Am Rand eines Abgrunds
Aus Vergessenheit und Verlorensein.
Weißt du denn-
Ob nicht genau dort das Zentrum ist?
Was wissen wir überhaupt?
Das Austrocknen der Erde ist
Die Vorfreude auf den Regen.
Tränen sind das Salz des Lebens.
Was du ihnen für einen Geschmack gibst,
Bestimmst du selber.
Du kannst weinen um den Verlust vergangener Tage.
Oder aus Freude über das
Was dir geschenkt ist.

___

“Erinnern Einundfünfzig”

Erinnern ohne Wiederholen 51
Ein Puzzle ist nur solange ein Bild aus Einzelteilen, bis das letzte Stück seinen Platz gefunden hat. Auf einmal fügt sich alles zu einer Gesamtschau, die mehr offenbart, als die beieinander liegenden Eindrücke der Teile. Sie haben sich zugleich verdichtet und aufgelöst, sind Essenz des Suchens und Findens, sind ein holografisches Gesamtwerk. Alles an seinem Platz heißt, überall ist der rechte Platz.
Bis dahin sind die Tage Puzzleteile.

Jedes Wort ist der Klangkörper eines Bildes, das seinen Platz sucht im Gedicht, im Gemälde der Schöpfung. Es gibt Skizzen, verworfene Entwürfe, Skepsis und Zweifel, das gelegentliche Aufflackern von Gewissheit.
Manchmal kommt etwas hinzu, das Inspiration genannt wird. “ES” atmet sich in dich hinein, und was beim Ausatmen geäußert, veräußert, entäußert wird, ist von einem Gehalt durchdrungen, den man nicht sammeln kann, um ihn zu halten. Man kann sich dem widmen, aber es gibt kein Ziel zu erreichen. Keine Prüfung, die wir bestehen könnten, verschafft uns Zutritt zu dem geheimnisvollen Reich. Das endgültige Bild, in dem Puzzle sich auflösen und unsichtbar werden, wie der Farbklecks sich aufgibt in der Komposition des Gemäldes, und das einzelne Wort verschwindet in der Melodie des Gedichts, dieses Bild bleibt ein Geheimnis.

Und der Weg dorthin?
Er wird möglich wie alles, das sich durch Zeit und Raum zur Vollendung bewegt. Wege sind Glieder aneinander gefügter Etappen, Zeiträume verschachteln sich bis hinunter zu ihren kleinsten Einheiten. Wo und wann du wirken kannst, ist immer Hier. Ist immer Jetzt.

Erinnere dich! An Die Wahrheit in jedem Augenblick.