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“Erinnern Sechsundsiebzig”

Erinnern ohne Wiederholen 76
Energie folgt der Aufmerksamkeit. Worauf richtest du deinen Blick?
Die ersten Treppenstufen erscheinen breit, sind nicht Schritt für Schritt jeweils eine zu nehmen. Es geht immer voran, aber nur verhalten aufwärts. Von einer Ebene zur nächsten muss man die Füße mehrmals einen vor den anderen setzen. Manchmal folgt es dann wie ein Sprung. Verwirrtes Stolpern, stolpernde Verwirrung. Verwunderung, den Weg zu bezwingen scheint dir wichtiger, als ihn zu genießen.
Konzentration? Auf einen Punkt fixiert sein, engt das Wahrnehmen ein auf den Umfang eines lediglich punktgroßen Spots.
Wer Weg und Ziel verwechselt, hält Stillstand für Erfolg, bemerkt unter Umständen aber nicht, wenn er angekommen ist.
Im Leben gibt es immer nur Etappenziele. “Geschafft!” ist eine Illusion, Ausdruck einer sehnsüchtigen Hoffnung.
Wer oder was ist da unterwegs? Das Wort, pathologisch seziert: unter-wegs.
Wir benutzen es öfter, als dass wir sagen, wir sind auf dem Weg. Diffuse Unbestimmtheit im Gegensatz zum bewussten Pfad auf das Ziel zu.
Woher wollen wir wissen, wohin wir gehen, wenn wir nicht wissen, was uns treibt?
In der Nacht jagen uns Träume, deren Bilder wir im Wachsein nie gesehen haben, nie sehen werden. Tagsüber drehen wir unsere Träume durch den Fleischwolf eines ungebremmsten Erlebnishungers.
Der “verborgen” Reisende ist nicht erlebnissüchtig. Er möchte auf dem Weg sein. Die Treppe weiter hinauf. Es wird leichter werden. Und wieder schwerer. Leben eben.
Ist der letzte Absatz der Treppe erreicht, führen nur die schmalen Sprossen einer Leiter weiter hinauf. Wind singt hohl im Dachstuhl des Turms. Es riecht nach dem verwitterten Gebälk uralter Andacht. Auf einmal bist du den Wolken näher, alle Wetterunbilden, mit denen sie schwanger sind, können dich unmittelbar treffen. Doch für den Geduldigen reißt irgendwann der schwangere Wolkenbauch auf und gebiert Sonne und Licht.
Unterwegs sein ist keine Kunst. Es geschieht eben, jeden Tag nach dem Erwachen geht es los. Wir machen nicht, sondern lassen machen. Auf dem Weg sein erfordert den Enthusiasmus des Ungewissen. Es erfordert Mut, der, wenn er nicht nur getarnter Leichtsinn ist, die Angst als kleine Schwester hat.
Mit dem Wiederholen des Alltäglichen glauben wir, uns das Geschenk der Sicherheit zu machen. Ein Trojanisches Pferd, dieses Geschenk.
Der Reisende im Innern vermittelt uns vielleicht eine Ahnung vom rechten Pfad. Die Aufmerksamkeit in diese Richtung zu lenken, lässt die Energie möglicherweise auf das eigentliche Ziel zuströmen. Wer weiss das schon? Der, der sich erinnert?

Erinnere dich, was in dir wahrzunehmen, aber nicht sichtbar ist!

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