Erinnern ohne Wiederholen 74
Ich stelle mir vor: Der Hüter der Zeit versäumt, einmal nur, eine Tür hinter sich abzuschließen. Der Tag bleibt offen, strömt in den nächsten, wobei es den nächsten dann, logischerweise, nicht einmal gibt: Es geht einfach weiter mit dem, was gerade ist, weil es nicht abgeschlossen wurde.
Stellt euch vor, ihr glaubt an einem Dienstag zu erwachen, der immer noch Montag ist. Während ihr glaubt wach zu werden, werden Erinnerungen wach an Punxsutawney. Das ist da, wo seinerzeit B. Murray zusammen mir A. McDowell seinen Murmeltiertag erlebte.
Aber ganz so ist es nicht. Ihr erlebt nicht immer wieder dasselbe, nur der Tag, der Montag, er endet nicht. Zieht sich in den Mittwoch, das Bergfest ist auf einmal immer noch so weit entfernt, wie doch schon zwei Tage zuvor. Und ehe ihr euch verseht, naht das, was ihr als Wochenende erwartet habt, und ist doch nur- Immer wieder Montag. Bis hin zu dem Moment, indem es sich sieben Mal wiederholt hat und es tatsächlich wieder losgeht: Ein neuer Wochenbeginn. Mit all seinem Gejammer, das sich zur Blue-Monday-Kultur stilisiert hat.
Ist da denn überhaupt noch ein Grund, sich diesem Kater vom Wochenendrausch hinzugeben? Schließlich gab es ihn diesmal ja gar nicht- den Rausch.
Wahrscheinlich stecken wir so in unseren Gewohnheiten fest, dass wir gar nicht anders könnten.
Nur ein Gedankenspiel?
Schaut euch um! Vielleicht gar nicht mal so weit weg, sondern eher- in euch selbst.
Jeden Montag wird dem vergangenen Wochenende nachgetrauert, bis Mittwoch, Donnerstag, dann ist man mit Gedanken schon beim kommenden (Wochenende). Samstags werden Erinnerungen gewälzt an Dinge, die längst vergangen sind oder Pläne geschmiedet für eine Zeit, die irgendwann ist- Nur nicht jetzt.
Und zum unweigerlichen Ausklang der viel zu kurzen freien Tage, Sonntagnachmittag, spätestens am Abend, beginnt das Einstimmen auf den Montags-Blues.
Nicht in der Gegenwart zu sein, ist nur eines: Kräftezehrend. Die Türen hinter uns, die ein nicht zu beherrschender Mechanismus endlich ins Schloß drücken will, offen zu halten, raubt dir ebensoviel Energie, wie die Versuche, immer wieder vorstürmen zu wollen in eine Zukunft, die eben nur eines ist: Zukunft. Eine Andeutung, eine Möglichkeit, in Wahrheit aber vage und sich erst in dem Moment erschließend, wenn sie durch die Tür tritt, um dich zu begrüßen.
Die Türen zwischen den Zeitabschnitten erreichst du nur, indem du die Korridore der Vergänglichkeit durchquerst. So, wie du auch durch die Gänge in einem Gebäude musst, um von Tür zu Tür zu gelangen. Und wie bei diesen physisch wahrnehmbaren Barrieren, ist es auch mit der Zeit: Wenn wir nicht abschließen, was hinter uns liegt, verfolgt uns der Durchzug, macht uns krank, wir sind “durch den Wind”.
Der Hüter der Zeit muss seine Arbeit machen dürfen mit dem Schlüssel. Daran hindern können nur wir ihn. Oder es ihm- erlauben.
Erinnere dich: Was beginnt, muss enden, muss die Gelegenheit haben, zur Vollendung zu gelangen. Für sich. Für uns.