
[Foto via james-carrington]
Erinnern ohne Wiederholen 91
Wir verlieren etwas, das uns liebgeworden ist. Die Suche lässt uns erkennen, wie erleichtert wir uns fühlen. Befreit von dieser Last des Habens. Manches, was wir eingesammelt haben, war nur zum Betrachten gedacht.
Der Schmetterling hat aufgehört zu träumen. Wenn er sich im Sommer vom Sonnenlicht tragen lässt, um seiner Blütenverliebtheit zu folgen, sich dem Rausch hinzugeben, der ihm von einem farbsprühenden Exzess zum anderen treibt, ist er aufgewacht. Und lässt sich tragen von seinen Träumen, die als unsichtbare Muster unter den Staub seiner Flügel gezeichnet sind.
Weiß die Raupe, wovon sie träumt, während sie über die Zweige kriecht, Blattgrün frisst und sich jeden Tag von der Hoffnung nährt, unentdeckt zu bleiben von Vögeln, die ihrem Leben mit einer Bewegung ein Ende bereiten könnten?
Und was weiß die Puppe im Kokon dann noch von diesen Träumen?
Wie in einem Grab vergeht die Raupe in ihrer Schale, löst sich auf zu einer halbflüssigen Masse, aus der, zu seiner Zeit, der Schmetterling wiedergeboren wird.
Würde die Raupe ihren Tod vermeiden, wenn sie könnte? Ahnt sie im Tiefinnern, dass sie ein Schmetterling ist, zu dem sie erst heranreifen muss?
Wir glauben, die Wesen folgen einfach ihrer Natur. Mehr als Glauben kann das auch nicht sein. Wir wissen nicht, was in ihnen vorgeht. Was wir für Wissen halten, sind unsere Schlussfolgerungen aufgrund von Beobachtungen, die wir letztlich verallgemeinern. Wir vergessen, dass wir nicht sehen, sondern interpretieren.
Tod ist immer schmerzlich, wie jeder Abschied.
Ich GLAUBE jedes Wesen will am Leben bleiben. Der Schmerz scheint dazuzugehören, kann es ein Leben geben ohne?
Veränderung heißt immer, das was ist (Man weiß, was man hat!) aufzugeben für etwas anderes (Man weiß nie, was kommt!) Veränderung ist Schmerz, und wenn er nur darin besteht, dass wir uns wehren.
Ein Schmetterling tanzt, wo eine Raupe nur kriechen konnte. Während sie grüne Blätter fraß, berauscht er sich am Nektar der Blüten. Er tanzt. Jeder Flügelschlag ist ein Versprechen, jedes Niederlassen auf einer Blüte eine Verlobung. Verheiratet ist er mit dem Leben.
Wir halten uns für schlau, weil wir aus Beobachtungen lernen. Aus der Beobachtung, dass das Leben sich immer weiter entwickelt, lernen wir scheinbar nichts. Sonst hätten wir keine Angst.
Es ist eben Teil des Lebens: Veränderung ist unausweichlich. Wir haben Angst davor, und das erzeugt Schmerz.
Ein erster Schritt ist, wenn wir anerkennen, dass es so ist.
Erinnern wir uns, kein Weg lässt sich von Anfang bis Ende gehen, ohne dass es auch Phasen von Schmerz und Verlust gibt.