Erinnern ohne Wiederholen 95
[Foto via www.ehow.com/]
Wie oft habe ich diesen kurzen Film schon gesehen. Aufnahmen im Zeitraffer, nicht, um die Zeit zu raffen, sondern um deutlich zu machen.
Locker aufgeworfene Erdkrumen, ein Dunkelbraun, dessen Duft man vom Bildschirm her einzuatmen glaubt. Sonnenstrahlen kribbeln in der Nase, wie sie so schräg durchs Bild schneiden, und unsichtbar brummt eine Hummel im Hintergrund, als würde sie schlaftrunken über den Boden schaukeln.
Ohne die Beschleunigung des Films, wäre es lange nicht sichtbar: Schüchtern bohrt sich eine grüne Spitze aus der Erde hervor, wächst über das Licht staunend in die Höhe, verharrt, lächelt in die Sonne, räkelt sich, indem sie ein erstes Paar Blätter ausbreitet. Weiter geht es nach oben, Blatt folgt auf Blatt, jedes ein kleines Kunstwerk feiner Äderchen und Muster im Lindgrün, durch das die Sonne scheint.
Eine Blume ist geboren und wächst ins Leben.
Wo vorher nichts war, nur sichtbare Leere über der Erde schwebte, ist plötzlich etwas.
Ein Wunder? Längst glauben wir zu wissen, wie es funktioniert; aber können wir es begreifen?
Schneidet man einen Kern, einen Samen entzwei, zeigt sich ganz im Innen oft ein Hohlraum. Leben entsteht aus dem tiefsten Kern des Nichts.
Wird es klarer durch das Wissen: Da wächst etwas, indem es sich einfach immer wieder teilt, Zelle um Zelle. Aus Eins wird Zwei wird Vier wird… Und von der ersten Zelle an scheint die Pflanze zu wissen, was sie zu werden hat.
Nach dem Film bin ich hinaus gegangen und habe mich in der Sonne vor ein Beet gehockt. In den Geruch der warmen Erde hatte sich der von Grün gemischt, satt und frisch: Erwachendes Leben.
Ich habe mich nicht getraut, die Halme und Blätter zu berühren, und ich weiß nicht, ob sie spüren konnten, dass ich berührt war. Ein immer wiederkehrendes Geschehen, Jahr für Jahr. Ich sah auf und blinzelte über die Wiese. Und plötzlich war die Welt voller Wunder.
Müssen wir an Wunder glauben, um das Wunderbare zu entdecken?
Das Wunder, auf das du wartest, kann nicht unerwartet eintreten. Statt sich zur Beharrlichkeit zu entSCHLIESSEN, kannst du dich der Bereitschaft ÖFFNEN. Wunder kommen unerwartet, doch nur zu dem, der bereit ist, sie zu erkennen.
Vielleicht geschieht schon im nächsten Moment Al-Badi`, das unerwartete Wunder.