Erinnern ohne Wiederholen 96
Manchmal habe ich sie noch im Ohr. Die Stimme voll gutmütigem Spott, der durchaus erzieherisch wirksam sein kann. Lange, bevor Kind weiß, was Spott ist. Bedeutung vermittelt sich eben auch durch Verpackung.
Wenn ich als kleiner Draufgänger wieder einmal zu laut schrie: “Das ist aber meins!”,
forderte Vater mich auf, die Augen zu schließen. Immer wieder fiel ich darauf herein, kniff die Lider zu und war voller Erwartung.
“Was du jetzt siehst”, sagte er nach einer kleinen Pause, “das ist deins.”
Entrüstet riss ich die Augen auf und protestierte: “Neiiin!”
Vielleicht war es wirklich so, damals noch, dass ich so ziemlich unbelastet eben “nichts” sah mit geschlossenen Augen. Und diese Perspektive, dass alles, was ich besaß, dieses „Nichts“ sein sollte, erschreckte und schockierte mich wohl.
Schockiert sie den Menschen nicht ein Leben lang?
Damals gab es bestimmt noch nicht diese Gehirnüberladung wie heute, wie sie später einsetzte, irgendwann, schleichend, bis es so voll wurde zwischen den Ohren, dass es da alles gibt, nur nicht- Nichts!
Was aber besitzen wir von der Fülle im Kopf, die viel eher eine Überfüllung ist? Kein Gedanke lässt sich halten, im Laufe der Zeit wird das Vergessen schneller, als unsere Merkfähigkeit jemals war. Es sollte uns nicht erschüttern, dass das „Nichts“ sich wieder ausbreitet, nur irgendwie auf eine andere Weise.
Eigentlich, so heißt es, geht es genau darum. Das sagen nicht nur die Beschreibungen der spirituellen Pfade der Sufis, denen sich diese Reihe widmet.
Loslassen, bis es nichts mehr loszulassen gibt. Denn was bleibt letzten Endes? Und ist das, was letzten Endes bleibt, nicht auch das, worauf jeder Schritt zusteuert, ob bewusst gesetzt oder gedankenlos?
Vom Tropfen bleibt das Meer, in dem er untergeht, vom Schall die Stille, in der er verklingt. Von jedem Meter die Endlosigkeit, in die er führt.
Alles, was messbar ist, endet irgendwo. Wie könnte Ewigkeit sich da aus Sekunden zusammensetzen? Letzten Endes. Nachdem daraus Minuten, Stunden, Jahre geworden sind.
Ist Zeit, die Tatsache, dass wir sie messen wollen, nicht unser Versuch, die Endlosigkeit an einem Zipfel zu fassen zu bekommen?
Einem Zipfel, den es nicht gibt. Halt finden in der Haltlosigkeit, Ankommen im Nichts, den Schauer der Befürchtung, der über den Rücken rieselt, zu einem kleinen Teil umwandeln ist das Prickeln von aufregendem Genuss.
Auf dem EKG können wir es sehen: Was bleibt, wenn dem Herzen keine Kraft mehr bleibt, ist die Nulllinie. Die Schwingungen, die wir Schläge nennen, verebben. Und der Nachhall?
Manchmal schließe ich die Augen und sehne mich zurück. Zu diesen Momenten, in denen das Nichts ganz natürlich möglich war: Hinter den fest geschlossenen Lidern eines Kindes.
Aus dem Nichts kommt Alles. Und geht wieder zurück. Aber irgendwie anders, verändert. Sonst könnte das Nichts sich dieses Spiel schließlich sparen. Das hat nichts mit Glauben zu tun. Sondern mit Logik.
Wenn du den Bleibenden entdeckt hast, der im Nichts verborgen ist, atme durch!
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Scheinhardt bloggt
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