Sie trägt den Scheiß mit Würde. Von den über dem Kirchenportal flatternden Tauben hat sich gerade eine auf den ausladenden Hut einer Dame erleichtert. Sie merkt es nicht und folgt hastig ihrer Reisegruppe, die auf dem Weg ist. Auf zur nächsten Sehenswürdigkeit!
Das Federvieh flattert auf dem Sims, kann sich wohl nicht entschließen: Hinab auf die Erde oder lieber wieder Richtung Himmel. Es flattert, als ginge es um das Casting, wer von ihnen noch einmal als Heiliger Geist herabfahren darf. Ist irgendwo wieder einer in Sicht, eines Menschen Sohn?
Das Portal öffnet und schließt sich, fällt krachend ins Schloß. Ein paar der Tauben haben Mut oder Hunger, schweben herab, stolzieren über die basaltgrauen Pflastersteine. Ein Kind kommt gelaufen, lacht und zeigt mit dem Finger auf die Vögel in den roten Socken. Die Mutter gibt ihr ein Stück Brötchen, die Tauben picken hastig die Krümel, machen sich die größten Brocken streitig. Das Kind ist enttäuscht, lassen diese Vögel sich doch nicht einmal streicheln als Gegenleistung fürs Futter.
Der Mann am Rande der Schatten wird erst sichtbar, wenn man die Treppenstufen fast vollständig umrundet hat. In seiner braunen Hand hält er einen Coffee-2-Go-Becher, in dem seit Wochen kein Kaffee mehr war. Ein dünner Bodensatz kleiner Münzen schimmert im Sonnenstrahl, wenn er den Kirchenbesuchern das Gefäß hinhält. Sein Lächeln wirkt ehrlich, egal ob er etwas bekommt oder nicht. Vielleicht zeigt das Kind deswegen auch auf ihn. Die Mutter zieht ihr Kind weg. Sie will den Menschen, der Hunger hat, nicht sehen, genau wie die anderen Besucher. Tauben füttern ist einfacher, das sind bloß Tiere. Die sagen zwar nicht danke, sind unserem Gewissen dafür, dem Heiligen Geist, den sie verkörpern, sei Dank, noch fremder, als der Fremde unter dem Kirchenportal.
Die Turmuhr klickt, und das Läuten der Glocken setzt ein. So, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Und damit ist man in guter Gesellschaft mit all den anderen, die man nicht versteht und von denen man sich unverstanden fühlt.