… als 447 Seiten, um mehr als “nur” den Roman »Lea geht«.
Bevor es dazu kam, waren es die Zeilensammlungen, die nicht unbedingt kleiner waren im Sinn von weniger. Sie waren kürzer. Wie der Name schon sagt: Kurzgeschichten.
Um sie geht es weiter und immer noch, um sie wird es weiterhin gehen. Sympathische, kleine Texte zum Zeitvertreib, gern auch mit einem Aha-Effekt. Oder zweien, vielleicht auch dreien. Eurem Staunen könnt nur ihr selbst eine Grenze setzen.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte ich mit der Nummer 1-Kurzgeschichte »Haftnotizen« eine Story im Amazon-Kindleshop, die von Toni erzählt. Toni findet sich nach einem missglückten Banküberfall im Knast wieder, und das im Grunde nur, weil er eine Haftnotiz am Kühlschrank nicht gelesen hatte, die ihm seine Freundin dort angeheftet hat.
Leseprobe
„Unsere Regeln sind ganz einfach“, sagte Meerbrand und verschränkte die Hände auf dem Rücken.
Wie ein Ausbilder beim Drill hatte er die Füße leicht auseinander gestellt. Das von hinten durchs Fenster einfallende Licht warf den langen Schatten des Gefängnisdirektors zwischen Schreibtisch und den Stuhl, auf dem der Häftling Platz genommen hatte. Meerbrands Anzug, hervorragend geschnittene Maßkonfektion, nahm der Pose nicht nur die gewünschte Wirkung, sondern machte sie lächerlich. Doch der Leiter der JVA Steckabach liebte Auftritte und arrangierte die persönlichen Treffen mit seinen Schützlingen im Allerheiligsten wie ein kleines Bühnenspiel. Das Westfenster hinter dem Mann war so blank geputzt, als würde es seit seinem Dienstantritt keinen Regen mehr geben über dem kleinen Ort, dessen wichtigster Wirtschaftsfaktor der Knast war. Von der schrägstehenden Sonne wurde sein geringer Körperwuchs genau so kaschiert, wie er es wünschte.
Toni starrte von seinem Stuhl hinauf zu Meerbrand und staunte, wie stark die Effekthascherei wirkte. Hatte er nicht genug erlebt in den vergangenen vier Jahren, um von diesen Psychospielchen unbeeindruckt zu bleiben?
„Sie sind sogar so einfach“, fuhr der Direktor fort, „dass es einfacher nicht geht. Stimmen Sie mir zu, Herr Anton?“
Herr Anton.
Früher wäre auch diese Anrede ein Indiz dafür gewesen, dass seine Zeit als Nummer im Häftlingsoverall zu Ende ging. Aber Meerbrand sprach immer jeden mit ausgesuchter Höflichkeit an, und manchmal glaubte Toni, darin mehr Verachtung zu entdecken, als in dem Gebrüll des alten Direktors, der vor einem halben Jahr vorzeitig in den Ruhestand geschickt worden war.
Toni nickte.
„Gut!“ Es schien, als würde Meerbrand sich wirklich über die Reaktion des Mannes freuen, der da vor ihm hockte. So ganz unmännlich, die Füße und Knie dicht beieinander. „Und nun noch einmal zur letzten Erinnerung, Herr Anton. Um was für Regeln handelt es sich?“
„Sie sagen, was wir tun sollen, und wir tun es.“
Wieder wunderte Toni sich: Wie selbstverständlich diese Parole ihm über die Lippen gekommen war. Ohne Verzögerung, ohne Nachdenken. Dem Reiz folgte unmittelbar die Reaktion, wie bei den Hunden dieses Russen: Sie fingen an zu geifern, sobald die Glocke schellte.
„Ansonsten“, wurde Meerbrands Stimme eindringlich, „passiert was?“
Toni sah auf die Kante der Schreibtischplatte vor sich, an der eine Unregelmäßigkeit in der Maserung wirkte, als würde dem Furnier eine Nase wachsen.
„Sie werden Ihrem Namen Ehre machen“, sagte er.
Meerbrand beugte sich leicht vor, eine Hand hinter dem Ohr. „Ja?“
„Sie werden uns zeigen“, hob Toni den Blick, konnte das Gesicht des Mannes am Fenster aber kaum erkennen, „wie um uns herum das Meer brennt.“
Meerbrand öffnete sein Sakko und ließ sich auf den Fenstersims nieder, der breit war wie eine Bank. Zum Feierabend war es still im Bürotrakt der Gefängnisverwaltung geworden, die Zimmer lagen verlassen bis zum nächsten Morgen. Doch auch wenn nur von dort Geräusche herüberklangen, wo in den Quergebäuden die Häftlinge in ihren Zellen saßen, wusste Toni, dass ganz in der Nähe Sicherheitskräfte über den Direktor wachten. Er konnte sie spüren. Andere sagten, sie könnten sie riechen. Bei ihm war es eine körperliche Präsenz, als säße ihm tatsächlich etwas im Nacken.
Im Schweigen der beiden Männer schien die Zeit zäh zu werden. Statt als stete Tropfen, die langsam unser Dasein aushöhlen, stellte Toni sie sich vor wie den Sirup, den sie hier oft anstelle von Marmelade bekamen. Als Faden hing er vom Löffel und breitete sich dunkel, süß und klebrig auf der Brotscheibe aus. In den Jahren hier hatte Toni gelernt, sie in jeder Erscheinungsform willkommen zu heißen, Hauptsache sie verging. Die Zeit.
„Wie sind Sie hierhergekommen, Herr Anton?“ fragte Meerbrand, als es seiner Meinung nach lange genug still geblieben war.
Toni schluckte die Antwort Mit dem Knastbus herunter. Der Neue, wie er immer noch hieß, konnte das Meer brennen lassen, das aber ganz ohne Humor.
„Eine Haftnotiz hat mich in den Knast gebracht“, sagte er.
Meerbrand drehte den Kopf etwas, und Toni konnte sehen, wie er die Brauen gehoben hatte.
„Eine blöde, kleine Notiz mit Klebestreifen“, fuhr er fort, als der Direktor nichts sagte, „ein gelbes Quadrat, das am Kühlschrank klebte. Drei Worte, die ich – nicht gelesen habe.“
Der teure Anzug raschelte, als Meerbrand eine auffordernde Geste machte und dann die Arme wieder vor der Brust verschränkte.
„Erzählen Sie!“
Der Morgen begann wie jeder andere. Weniger brach der Tag an, als vielmehr die Nacht ab. Toni schwang die Beine aus dem Bett, stieß sich einmal mehr den Knöchel auf dem Boden und fluchte unterdrückt. Regelmäßig dachte er nicht daran, wenn er bei Karen schlief, dass das Futonbett dem Boden näher war, als seines Zuhause. Einen Moment lauschte er nach innen, dann in die Wohnung. Nirgends etwas zu hören. Karen war längst fort zur Arbeit und bevor er in Schwung kam, würde es eine kalte Dusche brauchen, ein oder zwei Schalen Müsli und wenigstens einen Packen Orangensaft.
Mit nassem Haar, das Handtuch um die Hüfte geschwungen, ging er zehn Minuten später vom Bad aus direkt zum Kühlschrank. Die post-it-Notiz an der weißen Tür sah er nicht direkt an. Seit es damals begonnen hatte in der Schule mit dem Lesen- und Schreibenlernen, näherte er sich Schriftstücken immer auf die gleiche passive Weise. Er streifte den Schatten mit einem kurzen Blick, den der an drei Seiten abstehende Zettel auf die weiße Oberfläche der Tür warf. Stellte fest, dass keine Zahlen darauf vermerkt waren, kein Termin also, keine Erinnerung an eine Uhrzeit, die er nicht verpassen durfte.
Gott sei Dank, dachte er, und stufte es als nicht wichtig ein.
Zwischen seinen Zähnen krachte das Müsli, wie der Schutt des eingerissenen Gebäudes gegenüber in der Mahlmaschine, die die größten Stücken zerbrach und transportfertig machte. Eine Weile sah er dem Treiben der Zerstörung zu, das eine Lücke in die Häuserzeile riss, als würde ein Zahn ausgeschlagen aus einem ansonsten festen Gebiss.
Gegen Mittag war er soweit, schnappte die Sporttasche, schwang sich aufs Fahrrad und fuhr zum Training. Und zur letzten Lagebesprechung vor dem Einsatz. Es konnte nichts schiefgehen, nie war ein Ding todsicherer gewesen als das, was sein Kumpel Benno und dessen Bruder ausbaldowert hatten. Und Toni trug das geringste Risiko. Er musste nicht einmal mit in den Laden, musste keine Waffe anfassen, keinen Menschen bedrohen. Der sicherste Job bei dem Coup war seiner, er fuhr den Wagen. Und es würde sich in einem Maß lohnen, dass es danach kein weiteres Mal zu geben brauchte.
…”
Soweit der Auszug aus der Kurzgeschichte. Komplett kann sie per Download geordert werden über diesen Link zum Amazon-Kindleshop. Und dann kann es auch gleich losgehen mit lesen.
Wer es gern so episch mag, wie der Roman angelegt ist, findet hier alles über »Lea geht«.