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Erinnern ohne Wiederholen 99

Vielleicht greifen wir manchmal voraus. Als wäre die Zukunft ein Gefäß voller Ahnungen, das uns hin und wieder gestattet, unter den Deckel zu schauen. Manchmal dürfen wir sogar darunter fassen und erwischen etwas. Einen Zipfel Vorausschau, der uns sofort wieder entgleitet. Denn die Zeit zwingt uns, dem Weg nach ihrem Muster zu folgen. Was bleibt ist das Gefühl in der Handfläche, etwas berührt zu haben. Dann taucht alles ein in den See, in dem unser Bewusstsein ruht.
Unter der Oberfläche warten Inseln der Erinnerung darauf, wiedergeboren zu werden. Gelegentlich treffen wir in der Gegenwart auf alte Bekannte. Auf die Erinnerungen an Ahnungen. Wir wissen nichts, “es ist nur so ein Gefühl”, das wir Déjà vu nennen mögen. Aber die Handfläche, in der wir den Zipfel der Zukunft für einen Moment gespürt hatten, kribbelt auf einmal. Einfach so.

Als ich vor diesem letzten der 99 Artikel zu den Herzwegen und Meditationen einen Start-Boo für die neue Serie der Erinnerungen gesprochen habe, hatte ich das Kapitel zum Thema im Buch “Die Weisheit der Sufis” noch nicht gelesen. Und dann – erwischte mich der Zipfel. Die Ahnung, dass es nicht zu Ende ist, wenn man den Weg einmal vollständig ging, auch nicht nach dem zweiten oder dritten Mal, hatte aus den folgenden Tagen zurückgegriffen in mein damaliges Heute. Hatte mich sagen lassen, dass ich den Kreis offen lassen möchte, um der Spirale der Entwicklung weiter zu folgen.
Das meditiert auch der Herzweg As-Sabur, der letzte der 99.

Im Universum gibt es genug Zeit.
Unendlichkeit und Grenzenlosigkeit gehören zu den Konzepten, die der Verstand nicht erfassen kann. Was hinter dem Horizont liegt, entzieht sich allein durch die Tatsache seiner fernen Existenz unserem Verständnis. Der Verstand kann und will auch nicht begreifen, dass das Ende eines Weges der Anfang eines neuen ist. Er will ankommen. Endlich. Dabei kennt er doch keinen Stillstand, ist ständig am Schnattern. Ihm würde es jedoch genügen, ständig das Gleiche zu wiederholen. Das Leben aber fordert die Entwicklung ein, aus der es bestehht, fordert sie ein, um bestehen zu können.
Um sich zu entwickeln, muss es bewahren. Um zu bewahren, muss es sich entwickeln.
Das Licht, das du getankt hast, musst durch ein komplexes System von Filtern und kaleidoskopartigen Verstärkern und Wandlern. Mag sein, dass es schon nach außen drängt. Dort verliert es sich aber in der Unendlichkeit, wenn die Zeit nicht reif ist. Die Zeit wird einen Spiegel bringen, in dem du dein Licht reflektieren kannst. Um dich zu erkennen. Und den Rest der Welt.
Noch einmal, damit der Kreis sich schließt und die Spirale offen bleibt: Im Universum gibt es genug Zeit. Aber nicht für die Ungeduld.

Und auch, wenn es nicht darum geht, das Gleiche immer zu wiederholen, geht es doch um nichts Geringeres als Ausdauer.

Erinnern. Bis zum Unvergessen. Start.

Bevor es an anderer Stelle endet, geht es hier schon wieder weiter. Nur wenn wir darauf achten, dass vor dem Ende ein neuer Anfang gemacht wird, bleibt der Kreis offen. Wir bewegen uns in Spiralen, unabhängig davon, ob wir unseren Pfaden hinauf folgen oder abwärts. Der Kreis, der sich schließt, ist immer das Ende. Denn eingeschlossen in das Undurchdringliche sind das Alles und das Nichts, das Eine ebenso wenig wahrnehmbar wie das Andere.
Erst wenn wir sie trennen, die absolute Größe (Ja, EINzahl, denn vom Absoluten kann es keinen Plural geben!), wenn wir polarisieren, entsteht etwas.
Das eine ist, weil das andere etwas anderes ist…

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Erinnern ohne Wiederholen 98

Statt einem Signal voraus, nur dichte Dunkelheit?
Auf der Suche halten wir Ausschau nach Wegmarken. Wir kommen als Neulinge, was den Pfad begehbar gemacht hat, können wir also nicht selber sein. Nicht in dieser Existenz. Fußstapfen, denen wir folgen, werden uns aber nie passen. Unseren Weg finden wir nur, wenn wir neben der Spur sind. Neben den Spuren, die Fremde uns vorzugeben beabsichtigen.
Ich höre am besten, wenn ich mich der Stille zuwende. Der Stille in mir. Am schärfsten sehe ich, wenn ich eine Weile die Dunkelheit hinter meinen geschlossenen Augen beobachtet habe, und dann die Lider wieder öffne.
Oft bin ich am wenigsten allein, wenn niemand weiter da ist.
Ich meditiere. Keine Ahnung, was das bedeutet. Sich in die Mitte bringen, und die Mitte eines jeden Menschen gibt es genau so oft: Ein Mal!
Einzigartigkeit lässt sich auch nicht verMitteln, indem man sie beschreibt. Worte sind wie Staub auf dem Spiegel, in dem wir klar sehen könnten. Wenn wir ihn durch unsere Versuche, ihn mit Informationen zu polieren, nicht immer trüber machen würden.

Hildegard von Bingen prägte den Begriff viriditas (…was sich, aus dem Lateinischen übersetzt, in etwa als grünende Kraft wiedergeben lässt. …)*
Sie hatte die Vision einer beständig alles nährenden Schöpferkraft, die das Universum nicht nur zum Leben erweckt hatte, sondern ihm auch seinen Bestand garantierte. Als würde das Kind Schöpfung ewig an einer nährenden Brust Hunger und Durst stillen können.
Wie passen wir da hinein und unsere Suche? Ist diese Suche wirklich der Wunsch zu finden oder nur Flucht vor der Unerträglichkeit? Was immer sich für den Einzelnen in jedem Augenblick auch dahinter verbergen mag.
Suche ist, erkennen wollen. Es braucht das Licht, um zu entdecken. Bis wir uns dessen bewusst werden, ist es immer relative Dunkelheit, die uns umgibt.

Welche Pfade wirst du gehen? Legst du deine eigenen Spuren? Hast du Licht in dir, dem du folgen kannst, oder brauchst du fremde Quellen, die dich führen. Wohin gelangst du durch sie, da sie doch niemals- DU sein können?
Vertraust du dem Licht des Leuchtturms oder dem des Mondes?
Ziehen dich die wechselnden Zyklen des Lebendigen an oder treibt dich die Begrenztheit von Regeln?

Fragen beantworten, heißt auch Finden: Antworten.

Der Weg ist erleuchtet, wie der Name, der Herzweg al-Rashid, bereits weiß. Wir können ihm folgen und wer weiß, ob das Licht nicht auf uns wartet? Denn, ihm hinterherlaufen, was macht das für einen Sinn? Der Mensch kennt keine Technologie, die sein Fortkommen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen könnte.

*aus N. Douglas-Klotz “Die Weisheit der Sufis” S. 342

Erinnern Siebenundneunzig

Erinnern ohne Wiederholen 97

Da niemand Alleinerbe ist, hat auch keiner Alleinstellungsmerkmal. Doch jedem gehört sein Erbe und der Platz, an dem jeder steht, ist einzigartig.
Das Leben ist nicht zu verstehen, nur zu begreifen. Den Unterschied macht, ob ich Gedanken darüber wälze, die sich notgedrungen im Kreis drehen, oder ob ich mich auf meine Erfahrung verlasse. Theorie vs. Haptik, Verstand mit seinen Konstrukten gegen die erfahrbare Wirklichkeit.
Manch einer könnte jetzt sagen, das hört sich doch auch nicht anders an, als dieser Spruch, ich glaube nur, was ich sehe.
Nein! Denn: Sehen ist Interpretation. Ohne einen entsprechenden Hintergrund an Vergleichsmöglichkeiten, glaube ich auch nicht, was ich sehe. Glaube das vielleicht noch viel weniger, als alles andere. Getreu mir selber und meinem Motto, das nicht sein kann, was nicht sein darf.
Und: Nein! Wie leicht werden Glaube und Wissen verwechselt. Das meiste Wissen baut auf einer Grundannahme auf, die wir für wahr halten. Was ist das anderes, als Glauben?
Was ich weiß, mit dem Verstand erfasst habe, brauche ich nicht zu glauben. Was macht es für einen Sinn, daran zu glauben, dass die Erde eine Kugel ist, die Sonne im Zentrum unseres Planetensystems leuchtet, oder dass Licht gleichzeitig Welle ist und Partikel. Inzwischen wissen wir um diese Dinge als Fakten.
Worum also geht es?

Der Streit entflammt nicht um das Erbe, sondern um den Erblasser. Wenn es den nämlich nicht gibt, brauche ich auch kein Erbe, wie immer das auch aussehen mag, annehmen. Brauche mir auch kein schlechtes Gewissen machen, wenn ich Erbe ausschlage.
Was ist Atheismus, dieses Bekennen zur Nichtexistenz einer Höheren Intelligenz? Zunächst mal ist es auch: Bekenntnis. Keine mathematische Gleichung, deren Lösung nicht nur logisch erscheint, sondern eindeutig ist.
Der Versuch, es zu benennen, ohne eine Wertung:
Atheismus ist die tiefe Überzeugung, also der Glaube daran, dass die Nichtexistenz einer Höheren Ordnungskraft als bewiesen gilt, oder aber bewiesen werden kann.

Letztlich ist, in meiner Welt, jeder dazu eingeladen, zu glauben, was er will. Und dementsprechend zu handeln. In der Ordnung des Universums, also in Ordnung, ist das immer dann, wenn das Leben dabei die Würdigung erfährt, die ihm zusteht. Diese Forderung ist: Bedingungslos!

Die Wahrheit wird nicht geschmälert, wenn wir nicht daran glauben. Sie ist. Zu beurteilen, WAS sie ist, hängt auch ab von der Ebene, auf der wir uns ihr nähern.
Das Erbe mag etwas sein, wovon wir nichts wissen auf der Ebene des Denkens. Aber vielleicht gibt es einen Weg, sich daran zu erinnern.

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“Erinnern Sechsundneunzig”

Erinnern ohne Wiederholen 96

Manchmal habe ich sie noch im Ohr. Die Stimme voll gutmütigem Spott, der durchaus erzieherisch wirksam sein kann. Lange, bevor Kind weiß, was Spott ist. Bedeutung vermittelt sich eben auch durch Verpackung.
Wenn ich als kleiner Draufgänger wieder einmal zu laut schrie: “Das ist aber meins!”,
forderte Vater mich auf, die Augen zu schließen. Immer wieder fiel ich darauf herein, kniff die Lider zu und war voller Erwartung.
“Was du jetzt siehst”, sagte er nach einer kleinen Pause, “das ist deins.”
Entrüstet riss ich die Augen auf und protestierte: “Neiiin!”

Vielleicht war es wirklich so, damals noch, dass ich so ziemlich unbelastet eben “nichts” sah mit geschlossenen Augen. Und diese Perspektive, dass alles, was ich besaß, dieses „Nichts“ sein sollte, erschreckte und schockierte mich wohl.
Schockiert sie den Menschen nicht ein Leben lang?
Damals gab es bestimmt noch nicht diese Gehirnüberladung wie heute, wie sie später einsetzte, irgendwann, schleichend, bis es so voll wurde zwischen den Ohren, dass es da alles gibt, nur nicht- Nichts!
Was aber besitzen wir von der Fülle im Kopf, die viel eher eine Überfüllung ist? Kein Gedanke lässt sich halten, im Laufe der Zeit wird das Vergessen schneller, als unsere Merkfähigkeit jemals war. Es sollte uns nicht erschüttern, dass das „Nichts“ sich wieder ausbreitet, nur irgendwie auf eine andere Weise.
Eigentlich, so heißt es, geht es genau darum. Das sagen nicht nur die Beschreibungen der spirituellen Pfade der Sufis, denen sich diese Reihe widmet.
Loslassen, bis es nichts mehr loszulassen gibt. Denn was bleibt letzten Endes? Und ist das, was letzten Endes bleibt, nicht auch das, worauf jeder Schritt zusteuert, ob bewusst gesetzt oder gedankenlos?
Vom Tropfen bleibt das Meer, in dem er untergeht, vom Schall die Stille, in der er verklingt. Von jedem Meter die Endlosigkeit, in die er führt.
Alles, was messbar ist, endet irgendwo. Wie könnte Ewigkeit sich da aus Sekunden zusammensetzen? Letzten Endes. Nachdem daraus Minuten, Stunden, Jahre geworden sind.
Ist Zeit, die Tatsache, dass wir sie messen wollen, nicht unser Versuch, die Endlosigkeit an einem Zipfel zu fassen zu bekommen?
Einem Zipfel, den es nicht gibt. Halt finden in der Haltlosigkeit, Ankommen im Nichts, den Schauer der Befürchtung, der über den Rücken rieselt, zu einem kleinen Teil umwandeln ist das Prickeln von aufregendem Genuss.

Auf dem EKG können wir es sehen: Was bleibt, wenn dem Herzen keine Kraft mehr bleibt, ist die Nulllinie. Die Schwingungen, die wir Schläge nennen, verebben. Und der Nachhall?

Manchmal schließe ich die Augen und sehne mich zurück. Zu diesen Momenten, in denen das Nichts ganz natürlich möglich war: Hinter den fest geschlossenen Lidern eines Kindes.
Aus dem Nichts kommt Alles. Und geht wieder zurück. Aber irgendwie anders, verändert. Sonst könnte das Nichts sich dieses Spiel schließlich sparen. Das hat nichts mit Glauben zu tun. Sondern mit Logik.

Wenn du den Bleibenden entdeckt hast, der im Nichts verborgen ist, atme durch!

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“Erinnern Fünfundneunzig”

Erinnern ohne Wiederholen 95

[Foto via www.ehow.com/]

Wie oft habe ich diesen kurzen Film schon gesehen. Aufnahmen im Zeitraffer, nicht, um die Zeit zu raffen, sondern um deutlich zu machen.
Locker aufgeworfene Erdkrumen, ein Dunkelbraun, dessen Duft man vom Bildschirm her einzuatmen glaubt. Sonnenstrahlen kribbeln in der Nase, wie sie so schräg durchs Bild schneiden, und unsichtbar brummt eine Hummel im Hintergrund, als würde sie schlaftrunken über den Boden schaukeln.
Ohne die Beschleunigung des Films, wäre es lange nicht sichtbar: Schüchtern bohrt sich eine grüne Spitze aus der Erde hervor, wächst über das Licht staunend in die Höhe, verharrt, lächelt in die Sonne, räkelt sich, indem sie ein erstes Paar Blätter ausbreitet. Weiter geht es nach oben, Blatt folgt auf Blatt, jedes ein kleines Kunstwerk feiner Äderchen und Muster im Lindgrün, durch das die Sonne scheint.
Eine Blume ist geboren und wächst ins Leben.
Wo vorher nichts war, nur sichtbare Leere über der Erde schwebte, ist plötzlich etwas.
Ein Wunder? Längst glauben wir zu wissen, wie es funktioniert; aber können wir es begreifen?
Schneidet man einen Kern, einen Samen entzwei, zeigt sich ganz im Innen oft ein Hohlraum. Leben entsteht aus dem tiefsten Kern des Nichts.
Wird es klarer durch das Wissen: Da wächst etwas, indem es sich einfach immer wieder teilt, Zelle um Zelle. Aus Eins wird Zwei wird Vier wird… Und von der ersten Zelle an scheint die Pflanze zu wissen, was sie zu werden hat.

Nach dem Film bin ich hinaus gegangen und habe mich in der Sonne vor ein Beet gehockt. In den Geruch der warmen Erde hatte sich der von Grün gemischt, satt und frisch: Erwachendes Leben.
Ich habe mich nicht getraut, die Halme und Blätter zu berühren, und ich weiß nicht, ob sie spüren konnten, dass ich berührt war. Ein immer wiederkehrendes Geschehen, Jahr für Jahr. Ich sah auf und blinzelte über die Wiese. Und plötzlich war die Welt voller Wunder.

Müssen wir an Wunder glauben, um das Wunderbare zu entdecken?

Das Wunder, auf das du wartest, kann nicht unerwartet eintreten. Statt sich zur Beharrlichkeit zu entSCHLIESSEN, kannst du dich der Bereitschaft ÖFFNEN. Wunder kommen unerwartet, doch nur zu dem, der bereit ist, sie zu erkennen.

Vielleicht geschieht schon im nächsten Moment Al-Badi`, das unerwartete Wunder.

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“Erinnern Vierundneunzig”


[Originalfoto via integral-egal.com]

Erinnern ohne Wiederholen 94
Entlang getastet an den schlingernden Begrenzungen unseres Weges wissen wir: Es gibt einen Punkt, in dem sich ein Sinn konzentriert. Gleichgewichtssinn. Stabilität und Ausgleich kommen von innen. Und spätestens seit dem die asiatische Kultur in allen denkbaren Formen bei uns Einzug gehalten hat, wissen wir auch, dass der Schwerpunkt unterhalb des Nabels verankert sein soll. Wie bei einem Schiff: Nicht zu weit oben, nicht zu weit unten. Das Zauberwort heißt- austariert.
Damit wir unsere Fahrt durch den Ozean des Lebens aufnehmen und fortsetzen können, ohne Gefahr zu laufen, dass wir kentern.
Die Punkte von Stabilität und Führung liegen im Innern. Immer. Auch wenn die Kompassnadel nach Norden zeigt, die Karte das Gebiet markiert, das andere vor uns entdeckten. Im Außen lässt sich nichts erreichen, was nicht im tiefsten Innen verankert ist.
Der Ausgleich bewegt sich dazwischen.
Während der Ausguck am Top des höchsten Mastes Ausschau hält nach Hindernissen oder Entdeckungen, zurückblickt auf den versinkenden Horizont, ob das Kielwasser frei ist von Verfolgung, während die Ballast in der Bilge den Schiffsrumpf trimmt, liegt dazwischen die Stelle, an der gesteuert wird.
Zwischen Kopf und Nabel liegt das Herz.
Die Natur des Kapitäns liegt im Navigieren. Positionsbestimmung, Erfassen der Zielkoordinaten und das Festlegen der Route zum Ziel sind weniger Handwerk, als Kunst. Wer weiß, ob wir nicht viel mehr von der Weisheit seines Weges in Erfahrung bringen könnten für uns, wenn wir nicht beständig halbherzig meutern würden. Mit dem Verstand, der uns den Kopf zerbricht und dem hypochondrischen Magendrücken eines Körpers, dem wir immer konsequenter beizubringen versuchen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Lebensmittel und Füllstoff.
Die Schaltzentrale Herz ist keine herrschsüchtige Einrichtung, sondern ein Schnittpunkt der Integration. Wahres Führen heißt Dienen.
Was die innere Stimme uns anbietet, ist Service. Innere Dienstleistung. Aber wie sollten wir das erkennen oder sogar zu würdigen wissen? Ausdruck des Verhältnisses der Menschen zur Dienstleistung ist doch gerade die geringe Wertschätzung dieser Arbeit im Außen. Überall wird danach geschrien, und keiner will dafür bezahlen.
Dafür müssen wir immer mehr draufzahlen: Oft machen es die Leute nur noch aus der Not heraus.
Lebenserhaltende Maßnahmen.

Das Herz schlägt weiter. Der Ewige Kapitän spricht.
Lass sie reden!
Wir sehen doch vom Ausguck, wo die Sonne scheint, und da sie scheinbar meistens nicht scheint, können wir von da doch viel hörbarer unserem Unmut freien Lauf lassen.
Meinung haben und herausschreien. Das ist Freiheit.
Und in den Stauraum über dem Kiel gehört Masse. Je mehr, desto besser. Lieber haben als brauchen, und wenn ich träger erscheine als mein Gegenüber, lässt sich jederzeit damit punkten, dass ich schließlich MEHR habe.
Das Leben funktioniert. Obwohl es weniger Funktion ist, als etwas Wunderbares.

Geht es wirklich ohne Führung, ob direkt oder indirekt?

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“Erinnern Dreiundneunzig”

Erinnern ohne Wiederholen 93

Manchmal ist Licht einfach die Intelligenz der Hände. Durch Hände fühlen wir uns berührt und durch sie berühren wir. In einer Weise, wie es sonst nur die Sonne kann, die unser Gesicht wärmt.
Die Arme waagerecht ausgebreitet wie Flügel, befindet sich genau in der Mitte zwischen den Fingerspitzen das Zentrum des Herzens. Man sagt, in jedem Herz ist ein Funken eingeschlossen, eine Erinnerung an den ersten Augenblick aller Existenz. Man sagt, Licht zieht Licht an. Die Sehnsucht in uns ist die des Funkens in unserem Herzen nach dem Licht, aus dem alles entstanden sein soll.
Manchmal sind Erinnerungen nur Andeutungen, weder Impuls lässt sich orten, noch Richtung oder Ziel, in die er zeigt, auf das er verweist.
Etwas klingt darin nach wie das Aufwachen morgens aus einem Traum, der uns nicht halten kann, hat genau den flüchtigen Nachtgeschmack. Wir verlieren nicht ihn, sondern er uns, und was wir als Vergessen empfinden der nächtlichen Bilder, ist in Wahrheit unsere Unfähigkeit, ihnen lange genug treu zu bleiben, um erkennen zu können.
Wie kommt man an das Archiv aller Erinnerungen, ob bewusst oder unterbewusst? Wenn es stimmt, das alles irgendwo gespeichert ist, egal, ob es den Filter unserer Selbstschutzmechanismen zum Opfer fiel oder nicht, muss doch irgendwo eine Treppe in diesen Keller führen. Zu einer Bildergalerie im Schatten, einem Tonstudio des Flüsterns, einem Fühlen jenseits der Fühlbarkeit.
Was, wenn die Treppe zum Keller hinauf führt, statt hinunter?

Schatten und Licht. Wer das Eine sagt, meint auch das andere. Denn ohne sein Gegenteil ist auf dieser Welt nichts zu begreifen, nichts zu bestimmen.
Wir wissen, was etwas ist, weil wir alle anderen Dinge ausschließen können, die es nicht ist.
Was aber ist das Eine mit dem Anderen zusammen, das Pro zusammen mit dem Kontra, das, was sich gegenseitig ausschließt- Was ist es, wenn es sich gegenseitig erschließt?
Gegensätze müssen zueinander gebracht werden, wenn linke und rechte Hand sich berühren sollen. Sie ergänzen sich. Zu was? Zu einem Ganzen. Mit linker und rechter Hand gemeinsam lässt sich erfassen, was man mit den fünf Fingern einer Hand allein nur anfassen kann.

Das unsichtbare Licht der Schöpfung hat sich aufgespalten in sichtbares Licht und den Schatten, den es als Zwilling mit sich bringt. Seit die Welt nicht mehr Eines ist, brauchen wir immer zwei, um sehen zu können.
Vielleicht rührt jene Geste der inneren Einkehr, bei der die Menschen die Hände aneinander legen, daher, dass sie die Kanäle der linken und der rechten Hand wieder vereinen wollen, dem Einssein des Funkens im Herzen zum einen Ausdruck verleihen, ihm aber auch Resonanz geben.
Man kann dem nachspüren, wenn man die Hände sanft aneinander legt, die Fingerspitzen sich berühren, zwischen den Handflächen aber Raum bleibt. Sich bei jedem Atemzug, ruhig, gleichmäßig und tief, locker dabei, den ganz natürlichen Fluss nutzend, vorzustellen, man atme klare Luft und warmes Licht durch die Handflächen, kann sehr beruhigend, bei Bedarf auch anregend wirken.
Wer will, mag es ausprobieren. Auch und gerade bei der Frage des Lichts geht es um- Das Begreifen.

Erinnern wir uns an das Licht der Intelligenz in allem, was uns umgibt.

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“Erinnern Zweiundneunzig”

Erinnern ohne Wiederholen 92

Erinnern ohne Wiederholen, Rückschau, ohne sich im Spiegel der Vergangenheit zu verlieren.
Ein Licht geht aus vom Ursprung, durchdringt alles Gewesene. Vielleicht leuchtet hinter uns immer noch der Urknall, oder der Ton des Logos, des Ersten Wortes, hallt nach?
Dreh den Spiegel so, dass er das Licht auf deinen Weg voraus reflektiert. Es gibt keinen Strahl, der in die Zukunft führt, wenn er nicht aus der Vergangenheit kommt.
Auf den beiden vorhergehenden Wegen erinnerten wir uns an Widerstand, Schmerz und Verlust. Wohin führen sie?
Auf einem geborstenen Baumstumpf sitzend, schaue ich einen Weg nach dem anderen entlang, die sich an diesem Knotenpunkt des Lebens treffen wie Schnüre in einem Netz. Was ich auf jedem der möglichen Pfade erkennen kann, ist immer der kleine Ausschnitt, den meine momentane Perspektive zulässt. Der Rest bleibt ein vorsichtiges Ahnen, ein Fürchten mit Gänsehaut, eine ersehnte Hoffnung.
Wege führen nirgends hin. Werden sie nicht gegangen, sind sie nicht einmal existent, führen nicht nur nicht ins Nichts, sie sind es. Nichts.
Versuche eine Wegbeschreibung der Strecke, die du nicht gegangen bist, und du wirst ahnen, was dahintersteckt.
Es heißt, die Summe sei vorherbestimmt, aber solange deine Rechnung nicht zur Lösung führt, musst du weiter rechnen.
Es heißt weiter, dass es auf die Frage, womit man rechnen sollte, immer nur eine Antwort gibt:
Mit allem!
Immer wieder Kreuzungen, überall gibt es Bäume, in die der Blitz eingeschlagen hat. Unter ihnen grünt es aus der Asche, Leben hört den Ruf nach sich selbst überall.
Einen der Wege muss ich wählen und gehe los. Wie weit ich es auf ihm bringe, wird sich zeigen. Die Unbekannten in der Gleichung offenbaren erst ihren Wert, wenn der Strich gezogen wird zur Zwischenrechnung.
Irgendwann wird auf jedem Weg das Licht durchbrechen und durch die Bäume fallen. Licht schafft die Möglichkeit, sich am Schatten zu orientieren.
Ob es auf den anderen Wegen auch gerade scheint, wenn es mich einhüllt, auf denen, die ich nicht gegangen bin? Das weiß ich nicht. Aber ich bin fast sicher. Denn ein und dieselbe Kraft wirkt überAll.

Vielleicht ist es nirgends zu sehen oder zu hören, aber spüren kannst du den augenblicklichen Segen.

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“Erinnern Einundneunzig”


[Foto via james-carrington]

Erinnern ohne Wiederholen 91

Wir verlieren etwas, das uns liebgeworden ist. Die Suche lässt uns erkennen, wie erleichtert wir uns fühlen. Befreit von dieser Last des Habens. Manches, was wir eingesammelt haben, war nur zum Betrachten gedacht.

Der Schmetterling hat aufgehört zu träumen. Wenn er sich im Sommer vom Sonnenlicht tragen lässt, um seiner Blütenverliebtheit zu folgen, sich dem Rausch hinzugeben, der ihm von einem farbsprühenden Exzess zum anderen treibt, ist er aufgewacht. Und lässt sich tragen von seinen Träumen, die als unsichtbare Muster unter den Staub seiner Flügel gezeichnet sind.
Weiß die Raupe, wovon sie träumt, während sie über die Zweige kriecht, Blattgrün frisst und sich jeden Tag von der Hoffnung nährt, unentdeckt zu bleiben von Vögeln, die ihrem Leben mit einer Bewegung ein Ende bereiten könnten?
Und was weiß die Puppe im Kokon dann noch von diesen Träumen?
Wie in einem Grab vergeht die Raupe in ihrer Schale, löst sich auf zu einer halbflüssigen Masse, aus der, zu seiner Zeit, der Schmetterling wiedergeboren wird.
Würde die Raupe ihren Tod vermeiden, wenn sie könnte? Ahnt sie im Tiefinnern, dass sie ein Schmetterling ist, zu dem sie erst heranreifen muss?
Wir glauben, die Wesen folgen einfach ihrer Natur. Mehr als Glauben kann das auch nicht sein. Wir wissen nicht, was in ihnen vorgeht. Was wir für Wissen halten, sind unsere Schlussfolgerungen aufgrund von Beobachtungen, die wir letztlich verallgemeinern. Wir vergessen, dass wir nicht sehen, sondern interpretieren.
Tod ist immer schmerzlich, wie jeder Abschied.
Ich GLAUBE jedes Wesen will am Leben bleiben. Der Schmerz scheint dazuzugehören, kann es ein Leben geben ohne?
Veränderung heißt immer, das was ist (Man weiß, was man hat!) aufzugeben für etwas anderes (Man weiß nie, was kommt!) Veränderung ist Schmerz, und wenn er nur darin besteht, dass wir uns wehren.
Ein Schmetterling tanzt, wo eine Raupe nur kriechen konnte. Während sie grüne Blätter fraß, berauscht er sich am Nektar der Blüten. Er tanzt. Jeder Flügelschlag ist ein Versprechen, jedes Niederlassen auf einer Blüte eine Verlobung. Verheiratet ist er mit dem Leben.
Wir halten uns für schlau, weil wir aus Beobachtungen lernen. Aus der Beobachtung, dass das Leben sich immer weiter entwickelt, lernen wir scheinbar nichts. Sonst hätten wir keine Angst.
Es ist eben Teil des Lebens: Veränderung ist unausweichlich. Wir haben Angst davor, und das erzeugt Schmerz.
Ein erster Schritt ist, wenn wir anerkennen, dass es so ist.
Erinnern wir uns, kein Weg lässt sich von Anfang bis Ende gehen, ohne dass es auch Phasen von Schmerz und Verlust gibt.
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