Vielleicht greifen wir manchmal voraus. Als wäre die Zukunft ein Gefäß voller Ahnungen, das uns hin und wieder gestattet, unter den Deckel zu schauen. Manchmal dürfen wir sogar darunter fassen und erwischen etwas. Einen Zipfel Vorausschau, der uns sofort wieder entgleitet. Denn die Zeit zwingt uns, dem Weg nach ihrem Muster zu folgen. Was bleibt ist das Gefühl in der Handfläche, etwas berührt zu haben. Dann taucht alles ein in den See, in dem unser Bewusstsein ruht.
Unter der Oberfläche warten Inseln der Erinnerung darauf, wiedergeboren zu werden. Gelegentlich treffen wir in der Gegenwart auf alte Bekannte. Auf die Erinnerungen an Ahnungen. Wir wissen nichts, “es ist nur so ein Gefühl”, das wir Déjà vu nennen mögen. Aber die Handfläche, in der wir den Zipfel der Zukunft für einen Moment gespürt hatten, kribbelt auf einmal. Einfach so.
Als ich vor diesem letzten der 99 Artikel zu den Herzwegen und Meditationen einen Start-Boo für die neue Serie der Erinnerungen gesprochen habe, hatte ich das Kapitel zum Thema im Buch “Die Weisheit der Sufis” noch nicht gelesen. Und dann – erwischte mich der Zipfel. Die Ahnung, dass es nicht zu Ende ist, wenn man den Weg einmal vollständig ging, auch nicht nach dem zweiten oder dritten Mal, hatte aus den folgenden Tagen zurückgegriffen in mein damaliges Heute. Hatte mich sagen lassen, dass ich den Kreis offen lassen möchte, um der Spirale der Entwicklung weiter zu folgen.
Das meditiert auch der Herzweg As-Sabur, der letzte der 99.
Im Universum gibt es genug Zeit.
Unendlichkeit und Grenzenlosigkeit gehören zu den Konzepten, die der Verstand nicht erfassen kann. Was hinter dem Horizont liegt, entzieht sich allein durch die Tatsache seiner fernen Existenz unserem Verständnis. Der Verstand kann und will auch nicht begreifen, dass das Ende eines Weges der Anfang eines neuen ist. Er will ankommen. Endlich. Dabei kennt er doch keinen Stillstand, ist ständig am Schnattern. Ihm würde es jedoch genügen, ständig das Gleiche zu wiederholen. Das Leben aber fordert die Entwicklung ein, aus der es bestehht, fordert sie ein, um bestehen zu können.
Um sich zu entwickeln, muss es bewahren. Um zu bewahren, muss es sich entwickeln.
Das Licht, das du getankt hast, musst durch ein komplexes System von Filtern und kaleidoskopartigen Verstärkern und Wandlern. Mag sein, dass es schon nach außen drängt. Dort verliert es sich aber in der Unendlichkeit, wenn die Zeit nicht reif ist. Die Zeit wird einen Spiegel bringen, in dem du dein Licht reflektieren kannst. Um dich zu erkennen. Und den Rest der Welt.
Noch einmal, damit der Kreis sich schließt und die Spirale offen bleibt: Im Universum gibt es genug Zeit. Aber nicht für die Ungeduld.
Und auch, wenn es nicht darum geht, das Gleiche immer zu wiederholen, geht es doch um nichts Geringeres als Ausdauer.





