Manchmal kommt man nicht zum Zug. Und das ist überhaupt nicht schlimm.
Zu der Geburtstagshineinfeier in der letzten Woche, sollte vielleicht auch etwas gelesen werden. Meinte das künftige Geburtstagskind im Vorfeld, falls Autoren da wären und sie einen Text parat hätten. Ich würde da sein. Aber was für einen Text sollte oder wollte ich bringen?
Was wäre, würde ich aus einem meiner Bücher lesen? Würde ich selber nicht so spannend finden. Was wäre, wenn ich von einem anderen was lese? Unspektakulär, befand ich.
Was wäre, wenn ich ohne Text hingehe und dann erstaunt tue: “Sag bloß, das hast du ernst gemeint…”
Nicht mein Stil.
Bei all den Überlegungen zum Thema, all diesen “What if?”s, wie es Neudeutsch heißt, fragte ich mich, was wohl wäre, wenn ich eine kurze Geschichte, eher ein paar Betrachtungen schreibe zu der Frage “Was wäre, wenn…”
Gedacht. Getan!
Zum Lesen kam es nicht am Freitagabend. Sauber gefaltet nahm ich meine Ausdrucke im Rucksack wieder mit nach Hause. Da lagen sie. Bis sie mir eben in die Hände fielen.
Zeilen sprechen eine eigene Sprache. Über das hinaus, was die Buchstaben, Worte und Sätze zu sagen imstande sind. Eine einmal geschriebene Geschichte möchte gelesen werden und/oder gehört.
Was also wäre, wenn ich die vor einer Woche in die Welt gesetzte Geschichte in meinem Blog veröffentliche?
Wie ich diese Frage beantwortet habe, seht ihr hier. Die kleine Geschichte What if? Und für die, die nicht lesen mögen, aber hören, spendiere ich das Audio gleich dazu.
Viel Vergnügen!
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What if?
Was wäre…? Halten wir für eine interessante Frage. Vielleicht für DIE Frage überhaupt. Unterbewusst sind wir schließlich einen großen Teil unserer Zeit damit beschäftigt, an Szenarien zu arbeiten, die versuchen, genau darauf eine Antwort zu geben: Was wäre wenn… Das Schöne ist, dass es sowohl für die Vergangenheit funktioniert, wie für die Zukunft. Erst recht für die Gegenwart, für das, was wir dafür halten. Das ist wirklich toll. Wir lieben die Vielfalt der Möglichkeiten. Ebenso wie die Einfalt der Frage. Wir lieben es, zumindest die meisten von uns, aus nummeriert 243 Gerichten beim Griechen wählen zu können, um uns schließlich immer wieder konsequent für die Nummer 17a zu entscheiden. Gyros mit Pommes und einem Klecks Tsatsiki.
„Aber bitte ohne Reis! Den mag ich als Deutscher nicht so.“
Die Frage, was wäre wenn… wir den Anflug von Mitleid im Lächeln der Bedienung als das gedeutet hätten, was es war, stellen wir uns nicht. Wir stellen uns die Fragen nicht, die wir nicht hören wollen, und wenn wir uns durch das Nichtstellen ein Bein stellen, stolpern wir schimpfend weiter und fragen uns, was wohl wäre, wenn wir dem, der uns da ins Straucheln brachte, mal ein paar aufs Maul geben würden. Wenn wir ihn ausfindig machen könnten. Aber im großen Spiegel um uns herum halten wir uns selbst immer für Andere. Und umgekehrt.
Das Holz brennt inzwischen nicht mehr unter dem Hintern, und ich weiß, was wäre, wenn das anders wäre: Lange hätte ich es nicht ausgehalten auf der Bank im Park. Und das wäre schade, nach diesem Sommer, der mich an seiner eigenen Existenz zweifeln lässt.
Gottseidank ist das Wasser in der Sportflasche im Rucksack kühl geblieben. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, was wäre, wenn ich wie früher so ganz ohne Getränk losgezogen wäre. Nicht auszudenken, wie habe ich das damals nur ausgehalten? Teilweise einen ganzen Tag lang ohne Trinken. Und dann wurden die Speicher gefüllt mit diesem klebrigen Zeug, das heute noch immer in allen Getränke- und Supermärkten steht und verkauft wird. Also wird es auch getrunken, ganz sicher. Viel zu dickflüssig ist es, als dass es den Durst stillen könnte, statt mit Wasser zur Verdünnung füllt es die Zellen mit Zucker und verklebt sie.
Was wäre, wenn die Menschen ihre Trinkgewohnheiten ändern? Würden dann zwei gewaltige Geldrotationsmaschinen der Gesellschaft ins Schleudern kommen, die Getränkeindustrie und das medizinische Zustandserhaltungssystem, das sich selbstverniedlichend Gesundheitswesen nennt?
Was wäre, wenn ich nicht auf Wasser pur umgestiegen wäre? Würde es mir dann schlechter gehen heute?
„Du bist so ein Arsch!“
In mir regt sich spontan Abwehr, mein Reptilienhirn versucht sofort, herauszufinden auf welche Seite der Kampf- oder Fluchtskala ich mich zu schlagen habe. Das Pärchen, herrgott, sind die süß, weil noch so jung, irgendwie noch pubertär, dürfen die denn überhaupt schon so als Pärchen, habe ich gar nicht bemerkt. Sie stehen halb im Schatten des Baumes am Wegesrand.
„So ein Arsch bist du“, wiederholt das Mädchen, „wirklich wahr.“
Sie meint ihn, nicht mich, und ich bin beruhigt.
„Das hat meine Mutter gleich gesagt“, setzt sie nach.
Und da ich so beruhigt bin, frage ich mich, was wäre, wenn wir nicht immer alles so von den Alten übernehmen würden? So unbesehen, weil wir in den Momenten, in denen die Übernahme geschieht, noch nicht sehen können. Die meisten lernen es ein ganzes Leben lang nicht.
Könnten die Beiden da, könnten wir alle oder ein Großteil von uns, unbeschwerter leben ohne die Erblasten der Generationen vor uns? Was wäre, wenn wir dieses Glück der Freiheit unserer Existenz wahrnehmen könnten und genießen? Die Freiheit dieses Glücks.
Sein Gesicht liegt im Schatten unter dem surfbrettgroßen Schirm seines Rappercaps. Was wäre, wenn ich ihm sagte, dass er bei weitem nicht so cool rüberkommt, wie die Typen, die er nachzumachen versucht mit seiner betonten Lässigkeit? Würde er sich schwarz ärgern, so schwarz, wie sie sind, diese Snoop Dogs und andere?
Es sieht nicht nach Friedenspfeife aus, wie er ihr eine Zigarette anbietet und dann Feuer gibt. Bevor er die Schachtel zusammenknautscht, wirft er einen Blick darauf.
„Pfft! Rauchen kann tödlich sein, Ihre EU-Minister. Als wenn mich das interessieren würde. Rauchste, stirbste, rauchste nicht, stirbste. Auch!“
Er lässt das Knüllzellophan neben mir in den Eimer fallen.
Wie recht du hast, mein Junge, denke ich, und, Anstand hast du ja wenigstens, andere hätten das Zeug einfach fallen lassen, wo sie gerade gehen und stehen.
Das Mädchen saugt an der Kippe, als gäbe es kein Morgen mehr, so, wie es ihm bestimmt gefallen würde, würde sie es woanders tun. Er schließt sich an, nach drei tiefen Zügen beginnt er auf den Weg zu rotzen. Ja, auch an das Rauchen muss man den Körper erst gewöhnen, wie an so vieles andere, was wir, nachdem wir die natürlichen Barrieren überwunden haben, so gerne tun.
Was wäre, wenn die gewichtigen Entscheidungsträger in der Politik diese Aufdrucke auf den Nikotinschachteln nicht durchgesetzt hätten? Würden dann noch mehr an den Primär- und Sekundärfolgen des blauen Dunstes erkranken und sterben?
Inzwischen sind sie ein Stück weitergegangen, und siehe da, vielleicht war es doch eine Friedenspfeife, sie bleiben noch einmal stehen, in der prallen Sonne jetzt, und küssen sich so intensiv, wie sie vorher an den Kippen gesogen haben. Die qualmen derweil weiter zwischen den Fingern, in den Händen, die beim anderen auf dem Rücken liegen. Seine wandert langsam abwärts zu ihrem Hintern, weltvergessen, als wären sie in dem Park mutterseelenallein. Knackig sieht es aus, wohin seine Finger meinen Blick mit sich ziehen, aber doch schon mit einer Andeutung von Größe. Sie wird aufpassen müssen, wenn sie dem Teeniealter entwächst, dass sie nicht für alle Orte, an denen sie sitzen möchte, einen Doppelplatz buchen muss.
Als ihre Zungen sich lösen, spuckt er noch einmal zünftig aus wie sich das gehört, und Hand in Hand setzen sie ihren Weg fort, Rauchzeichen hinter sich her ziehend für alle, die sie lesen können. Seht, wir sind ein Paar!
Was wäre, wenn es keinen Streit in Beziehungen gäbe? Müssten wir dann auch auf Versöhnungen verzichten? Wie langweilig wäre das!
Endlich hole ich mein Buch aus dem Rucksack und schlage es auf. Was wäre, wenn ich mich nicht wieder ablenken lassen hätte, weiß ich genau. Ich wäre schon ein ganzes Stück weiter im Text.
Mhm. Dabei ist es wirklich spannend! Paul Cleave habe ich erst vor kurzem entdeckt, und auch, wenn er mit seinen Thrillern nicht unbedingt meinen Genrenagel auf den Kopf trifft, auch, wenn sein Stil im ersten Moment etwas Gewöhnung braucht, wie er so in der Ich-Form fabuliert und im Präsens durch die Geschichte geht, spricht er mich an. Nach dem ersten Buch mochte ich ihn, inzwischen, nach dem dritten, finde ich ihn toll.
Endlich gelingt es mir, in die Welt von Christchurch, der Stadt am Abgrund in Neuseeland einzutauchen. Hammerhart, wie da dem Protagonisten mit einer Werkzeugzange der Hoden zerquetscht…
Was wäre, wenn mir das passieren…
„Hallo!“ sagt Ela und gibt mir einen ihrer feuchten Küsse auf die unrasierte Wange. Für einen Moment frage ich mich, was wäre, wenn sie meinen Gedankengang nicht unterbrochen hätte. Wohin wäre ich gelangt mit den Überlegungen?
Sie rückt ein Stück ab, nimmt mich genauer in Augenschein. Vielleicht wirke ich gerade, als würde ich aufwachen. Als ich sie einweihen will, um sie zu fragen, was sie darüber denkt, was wohl wäre, wenn…
Kommt sie mir zuvor und fragt: „Was ist?“
Ich runzele die Stirn. „Was ist? Keine Ahnung, was ist! Aber kannst du dir vorstellen, was wäre, wenn…“
Sie küsst mich. Und ich weiß, was ist. In diesem Moment. In diesem Moment weiß ich, dass manchmal gut ist, was ist.
Mehr zu Texten von mir und wie ihr an die herankommt, erfahrt ihr auf meiner Seite Bücher[!] hier im Blog.