Exposé zu meinem Roman

Man kann an jeder Stelle des Weges aufgeben. Mehrfach. Und aus verschiedenen Gründen.
Leas Geschichte erzählt davon, wie ein Mensch weitermacht. Trotz allem.
Wenn wir sie einmal gesehen haben, wie sie uns entgegenkommt, zuerst als Mädchen, später als junge Frau, werden wir das kaum wieder vergessen können. Sie geht nicht, es ist auch kein Humpeln. Ihre spastisch gelähmte rechte Körperhälfte zwingt sie zu stelzen. Es wirkt grotesk, wie eine Marionette, der man auf einer Seite die Fäden zu kurz geknotet hat.
Der Autor erzählt die Geschichte des Mädchens mit dem Handicap.
Mit neun Jahren erst der Schlaganfall, und noch bevor die Reha richtig starten und wirken kann, die nächste Diagnose: Herzinsuffizienz, inoperabel. Die einzige Lösung ist ein Spenderherz.
Sie hat Glück, die Transplantation schenkt ihr ein zweites Leben.
Von da an ist ihr Leben Kampf. Kampf mit dem Leben ums Überleben. Darum, weiterleben zu dürfen. Was für ein ungleicher Gegner!
Lea gibt nicht auf, als der Körper sich ihr entfremdet, der Spasmus sie zum Witz ihres früheren Lebens macht. Bleibt tapfer, als das neue Herz notwendig wird, obwohl die Angst vor dem, was da aus den dunklen Winkeln von Vorahnung und Nichtwissen auf sie zukommt, ihr unsagbare Angst bereitet. Monatelang Atemmaske tragen und Baumwollhandschuhe, getrennt sein auf diese Weise von der Welt, um der Welt erhalten zu bleiben, hindern sie nicht am Weitermachen.
Vielleicht machen die wirklich harten Schläge im Leben, die Menschen im Allgemeinen hart. Lea bekommt keine harte Schale, bleibt empfindsam und kindlich, auch als sie bereits heranreift zur Frau. Zäh wird sie durch ihr hartes Schicksal, und wenn es auch manchmal so scheint, dass sie aufgeben möchte: Die Ergebnisse, die wir erreichen im Leben, zeigen, was wir wirklich wollten.
Den Wechsel in eine behindertengerechte Schule steht sie durch, erträgt es, die Fremde zu sein. Kommt irgendwie zurecht mit dem zernarbten Jungen Benni und dem Mädchen mit der Hasenscharte, Sara. Versteht zunächst nicht, was sie mit dem Jungen im Rollstuhl, Bjorn, verbindet, der auf eine so kraftvoll stille Weise für sie da ist. Muss in der Beziehung zu ihm mit einer ganz anderen Art von Konfrontation umgehen lernen: Sie verlieben sich ineinander, die Welt steht Kopf und das scheint die einzig richtige Perspektive zu sein. Doch viel zu kurz. Zum nächsten Schlag holt das Schicksal aus und nimmt ihr den Jungen im Rollstuhl für immer weg. Bevor sie richtig zueinander finden konnten.
Lea erträgt die stumme Zwiesprache an seinem Grab.
Sich den Eltern gegenüber durchsetzen, ist oft die erste wirkliche Bewährungsprobe im Leben, auch wenn es nur (?) um Wunscherfüllung geht. Nach langen Diskussionen schafft sie es und bekommt zu Weihnachten einen Hund.
Der Beagle ist ein Sturkopf par excellence, aber auch mit ihm arrangiert sich das Mädchen. Findet einen Namen für ihn, der, als Hundename, ebenso erstaunlich ist, wie ihre Beziehung zueinander. So erstaunlich, wie Leas Leben selbst.
Benni hat man die schrecklichen Narben aus dem Gesicht operiert, richtig schmuck ist er jetzt, aber auch anzüglich und frech. Sara ist ohne Hasenscharte auf dem Weg, eine Schönheit zu werden, exotisch und geheimnisvoll.
Auch wenn die Haut glatt ist, die Narben darunter kann man nicht entfernen. Die, die noch tiefer gehen, als in den Körper. Scharten auf der Seelenhaut.
Als Lea sich entgegen ihrer eigenen Erwartungen mit Benni anfreundet, erfährt sie, dass es schlimmere Deformierungen geben kann, als die des Körpers. Und es ist nicht Härte des eigenen Lebens, die sie für ihn da sein lässt, ihm Trost gibt und Mut, sondern das Sich-darauf-einlassen-können, das sie sich bewahrt hat.
Auch dem Hunger nach Leben ihrer Freundin Sara versucht sie mit Verständnis zu begegnen, sieht, erträgt, toleriert, irgendwann, irgendwie, wie das Mädchen scheinbar oder wirklich ihrer neuen Liebe in die Quere kommt. Aber ist es nicht auch schon wieder mit Benni vorbei, bevor es angefangen hat? Eifersucht ist das egal. Sie packt uns erstrecht, wenn jemand anderes plötzlich zu besitzen scheint, was wir einmal als unseres betrachtet haben.
Lea steht immer wieder. Steht immer wieder auf. Sie hasst die Medikamente, das eingeschränkt sein, ihr Leben voller Handicaps, ihr Leben als Handicap. Aber sie steht. Und das Leben geht weiter. Weil sie geht.
Wie weiter nach dem Schulabschluss?
Was man Lea anbietet, interessiert sie nicht, erst recht möchte sie nicht den behüteten Vorschlägen ihrer Mutter folgen. Sie ahnt, dass es da schon lange nicht mehr um sie geht, sondern um die Mutter selber, die in ständiger Angst um die kranke Tochter lebt. Die nun aber kein Kind mehr ist.
Die Wende zur Freiheit kann oft nur Ausbruch sein.
Auf eigene Faust bewirbt sie sich um eine Ausbildung, weit fort von der Heimatstadt. Es klappt mit einem Platz im Internat, und auch den Kampf gegen die Mutter, die sie nicht gehen lassen will, übersteht Lea. Gewinnt ihn.
Dann ist sie auf sich allein gestellt, zum ersten Mal im Leben wirklich. Lea erkennt: Das Hinausgehen ins Leben, dieses Erwachsenwerden, bringt kaum die Befriedigung mit sich, die man erhofft hat. All die Momente, in denen man sich immer wieder sagt, wenn ich erst mal … bin, sie spiegeln meist nur trügerische Hoffnung.
Wenigstens trifft sie: Schicksalsgefährten. Auf diese Weise sind sie sich vielleicht nicht gleich, aber ähnlich.
Das bedeutet kein Einkuscheln in das, was einen verbindet. Menschen suchen wie Süchtige nach Unterschieden. Sie wollen sich abgrenzen, um ihrer Individualität sicher sein zu können. Also auch hier gilt für Lea: Kopf hoch und behaupten.
Um ihre Zimmergenossin anzusehen, muss sie wirklich den Kopf in den Nacken legen. Das Mädchen Alice (Ah-lieh-tscheh) ist über Einsachtzig und nicht nur wegen der Größe eine imposante Erscheinung. Dass sie nicht zimperlich ist, weder zu sich noch anderen, macht es unausweichlich, dass die Zwei aneinander geraten: Bei der Wahl des Bettes, bei der Diskussion über das Rauchverbot in den Zimmern, das Alice natürlich einen feuchten Dreck schert, bei der Frage, wie man sich einzuordnen hat oder nicht.
Ob Lea die Freundschaft sucht zu dem Mädchen mit der rheumatischen Erkrankung, oder sich zu verlieben glaubt in den Jungen, der täglich seine Runden durch den Wald joggt, immer wieder muss sie sich behaupten.
So war es von Anfang an, seit dem Moment, in dem diese Reise tatsächlich begann: Als ein Mitpatient sich nach der Transplantation zu ihr auf die Bank im Park der Klinik setzt und ihr die unglaubliche Geschichte erzählt. Gegen die sie sich wehrt, deren Gegenteil sie ihr Leben lang zu beweisen versucht. Die Geschichte vom Schattenherz, dass nun in ihrer Brust schlägt, und mit dem man nicht lieben kann.
Dass sie in der Neujahrsnacht ins Koma fällt, bringt sie zurück in das Krankenzimmer des Anfangs der Geschichte. Aber auch dieses Koma besiegt sie, geht durch die Gänge der verhasst-vertrauten Klinik, kaum dass sie erwacht ist. Nach einer Woche Abwesenheit von der Welt.
Sie erzählt Maria, der jungen Schwester, aus ihrem Leben, schläft schließlich ein. Und träumt. Oder ist es kein Traum diesmal, ist es ein Stück Wahrheit über die Welt? Dass es egal ist, wie sehr man anderen fremd bleibt, sobald man sich selber erkennt, solange man sich treu bleibt?
Den Unterschied macht nicht der Weg, er ist auch nicht das Ziel. Den Unterschied macht, wie man ihn geht, das Ziel ist, ihn als man selbst zu gehen.
Ob Traum oder Erkenntnisse im Schlaf und Halbschlaf. Als Maria die Patientin Lea Giddlach am nächsten Morgen wecken kommt, hat die ein friedliches Lächeln im Gesicht.
Der Autor zeigt Lea für den Leser
- Beobachtbar; da ist die Teilhabe an ihrem Leben.
- Erfahrbar; die Welt ihrer Gedanken, Schlussfolgerungen, Meinungen.
- Fühlbar; man steigt und fällt mit ihren Wünschen, Träumen, Hoffnungen, Sorgen, Nöten und auch der gelegentlich auftretenden Verzweiflung
Wen das Schicksal von Lea interessiert, das das von jedem sein oder werden könnte, der liest dieses Buch!
Und hier kann man gleich anfangen mit einer Leseprobe.
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