Ein Traum wie ungegerbtes Ziegenleder. Modrig nass. Man spürt die Natur der Sache, da hat mal was gelebt. Jetzt hängen auf der einen Seite vereinzelt Haare, verklebt mit den Poren der Haut, auf der anderen Fettklümpchen und Fleischbröckchen. Die einmal zu einem Körper gehört haben. Der sich bewegte und atmete. Der Geruch, an den muss man sich vor allem gewöhnen-
Der Cutter, der den Film meines letzten Traums geschnitten hat, schlug den Schädel im Speedrausch mit Sicherheit immer wieder auf das Mischpult, um dann für längere Sequenzen einzuschlafen. Der Sinnspur untergelegter Special-Effect: Absurdität.
Spaziergang zu einem Schießplatz, den Berg hinauf. Es schwitzt sich in der Sommerhitze, der Weg wehrt sich. Nicht nur Schlammlawinen haben ihn ausgewaschen und beschwerlich gemacht, Granatrichter fordern alle paar Meter, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, indem man sie umrundet.
Ich ducke mich unter den Strahlen, die von oben sengen. Dabei ist es doch nur Licht. Aber es ist nicht leicht, ist nicht light. Schwer wiegt es, und es glüht. Verstohlenes Händewischen über den kahlen, unbedeckten Kopf. Manchmal kann ich kaum etwas erkennen durch die schmal zusammen gekniffenen Lider. Warum ich die schwere Jacke durch die Mittagshitze trage, frage ich mich erst gar nicht. In Träumen stellt man keine Fragen. Vielleicht würden uns die Antworten einfach nicht behagen.
Der abschüssige Hang an der Südseite ist eine Müllhalde. Das erkenne ich erst, als ich wieder hinauf will. Käfer und Gewürm plötzlich um meine Füße herum, weiße Maden versuchen, durch das Leder meiner geschnürten Halbstiefel zu dringen. Wenigstens trage ich die, und nicht dem Wetter angemessene Latschen oder Sandaletten. Warum ausgerechnet diese logische Gedankenfolge im Traum? Aber während ich es träume, frage ich mich ja gar nicht.
Fragen kommen immer erst hinterher. Ist die Sonne hinterm Horizont versunken, fragen wir uns, woher wohl das Licht den ganzen Tag gekommen sein mag.
Woher wissen wir in Träumen eigentlich, dass wir wir sind?
Wie ein Tänzer zu Ehren von St. Vitus hüpfe ich über den zerklüfteten Hang, schüttle die Füße, um die Maden los zu werden. Ein Schwarm Fliegen steigt auf, eine grün-schwarze Wolke verdunkelt meine Sicht. Erst als ich hineingetreten bin, sehe ich die dunkel-brodelnde Masse auf dem Boden. In dem Moment, in dem ich sie auch spüre, eingesunken bis zu den Knöcheln, und mich fast übergebe. Ich kann nicht unterscheiden, ob hier Fäkalien vergammeln, oder ein ehemaliger Fäkalienproduzent verwest. Es macht auch keinen Unterschied.
Den Unterschied macht, dass mir auch in der Erinnerung an die nächtlichen Bilder, immer noch schlecht wird. Ich kann es riechen, als wäre es wirklich passiert. Wie schön ist doch eine aufgeweckte Sinnlichkeit.
Die Schuhe hat es also doch erwischt. Nachdem ich den Hinweis mit den Maden nicht verstehen wollte, bin ich eben voll in die Scheiße getreten.
Auf einem sonnengedörrten Erdbuckel bücke ich mich. Ob da wohl eine Stelle ist, an der ich die Schuhbänder lösen kann? Eine Armbeuge fest vor die Nase gepresst, nestele ich mit der anderen Hand vorsichtig im Mist herum.
Als ich aufsehe, bin ich gerade aus dem Cabrio gestiegen. Oben, auf dem Plateau, das den Hügel versiegelt. Die Sonne fließt wie rotes Gold über die Ebene heran, in den Schatten der Bäume spielen junge fliegende Fische. Was müsste man für einen Köder an den Haken stecken, um die zu fangen?
Meinen Chauffeur kann ich nicht fragen. Irgendwo im Gelände muss sie verschwunden sein. Ist lautlos aus dem Jeep geklettert, soviel zum Thema Cabrio, aber die Tarnfarbenkarre hier ist auch offen, und hat sich verpisst. Wiedereinmal frage ich mich, wie Frauen, zumal in extrem knappen Röcken, sich wohl verpissen mögen. Vor allem hier. Nur ein einzelner Baum ragt schwarz wie der abgenagte Finger eines Lepraopfers empor, ausgefranst die Krone und das Gefühl vermittelnd, er wolle sich hinter dem eigenen Schatten verstecken. Ansonsten steht man mitten in der Wüste Gobi. Gefühlter Standort, versteht sich. Denn im Traum weiß man nie, wo man ist, und das ganz genau. Nämlich, dass man an gar keiner anderen Stelle sein kann.
Keiner anderen Stelle der Welt oder der Traumwelt. Wie formuliert man das für einen Traum?
Die adrett Üppige richtet sich plötzlich hinter dem Reserverad auf, dass an der Hecktür klemmt, und lächelt mir zu. Lippen und Mund wie ein Kescher. Die braucht keine Köder, um die fliegenden Jungfische zu fangen. Wird einfach den Schlund aufreißen. Wird sie wohl immer so machen im Leben.
Ich spüre, wie mir bei den Gedanken anders wird, doch da ist sie schon wieder verschwunden, und die ganze Familie ist eingerückt in dieses Wirtshaus mit Bauernkatencharme.
Das Wischen über den robusten Holztisch lässt mich zusammenzucken wie von einem Biss. Meine Hand ist von Splittern stachlig wie ein Igel. Da ich mich verarzten muss, kann ich mich dem allgemeinen Reden und Nichtssagen entziehen. Für einen Moment. Dann kommen die Musikanten, und ich werde förmlich auf die Bühne, pah, eher ein Podest aus roh gezimmerten Brettern, gezerrt. Die mir aufgezwungene Violine fühlt sich an wie eine zusätzlich angenähte Gliedmaße. Und doch ist es irgendwie vertraut. Die Wärme, die sich zwischen Hals und Schulter schmiegt, das Vibrieren des matt lackierten Klangkörpers. Meine Kollegen auf dem Bühnenpodest strafen mich mit bösen Blicken. Die Finger der schmerzenden Hand können die Saiten nicht richtig greifen. Das Instrument jault leidend auf, dabei weiß ich, dass ich spielen kann. Im Traum.
Ein Schrei aus der Küche erlöst mich und die, die zuhören müssen.
Der Wirt tritt die pendelnde Tür auf wie im Saloon, zwischen seinen Händen lebt die Speise. Ein wirres Flattern, voller Verzweiflung und Todesangst. Mit rotrissigen Händen zwingt er das Huhn auf den Tresen, ein Fleischerbeil blitzt auf im Licht. Das guillotinierte Tier flattert immer noch, als er durch die Schwingtür wieder verschwindet. Eine Blutspur folgt seinem Weg.
Im Traum vergeht mir nicht einmal der Appetit. Hinterher weiß ich, dass die sich alle komisch verhalten haben, aber das weiß man immer erst, wenn man wach wird. Nur weiß man beim Erwachen nicht, wie, wo und wer man ist. Nicht nach so einem Traum.
Sie machen weiter, als wäre das arme Huhn nicht gerade vor ihren Augen geköpft worden. Stimmengewirr, grauer Rauch, der nicht mehr zur Decke schwebt. Da ist kein Platz mehr. Wie Nebel über Sumpfwiesen wabern die Schwaden zwischen den Wänden, bevorzugt werden hier dicke Zigarren und Tabakspfeifen, in deren Köpfe geschätzt ein Pfund Tabak passt.
Wenn Licht und Rauch aufeinander treffen, gibt es bizarre Muster, so, als würde man Schokopudding mit Vanillesosse verrühren. Da steht wieder die eng bekleidete Frau, der Jeepchaffeur, die still Entwschwindende. Das rote Kleid, das ihr auf die Haut genäht worden sein muss, schreit in dem Flimmern da vorn an der Tür. Wir starren uns an.
Auf einmal ist die ganze Verwandtschaft da.
Wir zwei starren uns an.
Ein großer Kerl lümmelt sich auf die Bank, breitet sich aus, mächtig, lang, gewaltig. Mein Hinweis, wie rücksichtslos das sei, wird mit einem Grinsen beantwortet, dem der Biss, weil die Zähne fehlen.
Die Natur verlangt nach ihrem Recht. Eine schmale Tür weist durch eine ins Holz gebrannte Doppelnull den Weg zum Örtchen. Pastell getönte Fliesen, leise Musik und der Duft einer frischen Briese bilden einen krassen Kontrast zum Gastraum.
Noch vor dem Becken, mit dem Rücken zum Raum, bemerke ich das leuchtende Schimmern neben mir. Rote Krallen auf meiner Schulter, ein rotes Lächeln springt mich an, rotes Stoffrascheln neben mir, als das Kleid langsam in die Knie geht an meiner Seite. Ich halte die Luft an. Ihr Scheitel nähert sich dem Becken. Dann erbricht sie sich ins Urinal. Ihr Mageninhalt riecht penetrant. Nach Veilchen.
Getragen von dieser Wolke wache ich auf.
Verstörung hockt auf meiner Brust. Sanft betasten Andeutungen von Gedanken die frischen Narben. Träume heilen schnell. Meist so rasch, dass nichts zurückbleibt. An der Oberfläche. Was tiefer im Seelengewebe sitzt, dem Tageslicht verborgen, könnten wir wohl in unseren Träumen finden. Die nicht zurückkehren. Aber wir könnten ihnen folgen. Wenn wir träumen, wissen wir aber nicht, dass wir suchen müssten. Wir halten unsere Träume für unser Leben, solange sie dauern.
Vielleicht schlafen wir tagsüber einfach weiter, in einer anderen Tiefe des Schlafs. Und halten das, was uns begegnet, für real.
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