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“Erinnern Neunundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 89

[Botanischer Garten Leipzig]

Das Wesen liegt im Wesentlichen, manchmal eben auch verborgen. Meist ringen wir mit uns um Dinge, für die es sich nicht lohnt. Deren Wert nur Einbildung ist, vielleicht sogar ihre Existenz.
Wer weiß? Wer weiß wirklich?
Welche Ernte ist die lohnenswerte, die natürliche, oder die mühsam zum Ertrag gepushte?
Unser Garten ist perfektes Brachland. So ist es gedacht, so soll es sein. Wo wäre zu säen, wenn nicht im Boden, der darauf wartet, weil er bereit ist?
Der Boden ist das Leben, jedes Jahr ein Beet. Wie eine Furche an die nächste reihen sich die Tage. Was der eine bringt, hat ein anderer begonnen. Die Früchte der Zeit sind nicht zu ernten, bevor sie reif sind.
Niemand wird als perfekter Gärtner geboren. Aber mit allen Anlagen dazu werden wir hinein gestellt in unsere Möglichkeiten. Uns zu entfalten, tragen wir die Chance zur Mensch(lich)werdung vom ersten Augenblick in uns. Wir entscheiden, was wir verwirklichen und was nicht.
Taub und stumm für Sprache kommen wir auf die Welt, es sind keine Worte, sondern Klänge und Töne, die uns bewegen. Unsere Unterweisung ist Beobachtung, durch Nachahmung erlangen und testen wir Fähigkeiten.
Der Große Gärtner hat uns alles vorgemacht. Weder können wir ständig alles neu erfinden, noch sollten wir es tun. Es ist nicht nötig. Nicht not-wendig, wird nicht gebraucht, die Not zu wenden.
Wir müssen uns finden: In der Saat, dem Keimen, im Wachsen und Blühen, in der Ernte.
Gartenarbeit ist hart, nur wer sie nicht kennt, behauptet, es wäre anders. Aber sie lohnt sich. Jeder weiß es, der einmal geerntet hat. Zufriedenheit heißt, dem Leben zu geben und davon zu nehmen.

Wir alle sind Gärtner im einen Garten des Lebens.

“Erinnern Achtundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 88
Die Grenzen sind fließend, darum ist es manchmal nicht leicht zu entscheiden, was innerhalb ist, was außerhalb. Wir sind alle Pendler zwischen Möglichkeit und Aktualität.
Es ist eine Frage der Absicht, die uns antreibt oder anzieht, von Entscheidung oder Wahl. Was wollen wir wirklich? Die Antwort findet sich oft beim Blick auf das Koordinatensystem des Lebens. Dort ist abzulesen, wohin es uns verschlagen hat.
Es?
Oder- Wer?
Ablesen kann man erst im Nachhinein, wenn die Punkte markiert sind im Geviert von X- und Y- Achse. Über die Schulter zurückblickend von Z, von der Gegenwart auf die Vergangenheit, die einmal Zukunft war, erkennen wir unseren Standort. Den ehemaligen. Wir sind wieder weg, bevor wir erkennen, wo wir sind.
Unsere Wahrnehmung und unser Wahrgenommensein liegen jeweils hinter einem Schleier. Eine Membran filtert, was wir an uns heran lassen, ebenso wie das, was wir aus uns heraus lassen in die Welt. Und doch kann es nicht anders sein, als dass der Garten innerhalb den gleichen Ursprung hat, wie all das, was uns umgibt. Jede Koordinate befindet sich immer innerhalb UND außerhalb. Unsere Sicht auf die Dinge, auf das Leben, hält uns auf Distanz oder führt zur Vereinnahmung: Von uns durch das Leben; des Lebens durch uns.
Im unbewusst Sein ist die Unterscheidung schwer zwischen Realität und Illusion.
Dabei ist alles alles, und nichts nichts. Deine Begegnungen, die sich als Realität empfinden, müssen dein Innen infrage stellen: Es gibt keine Möglichkeit, im anderen aufzugehen.
Wer nur sein Innen als real empfindet, kann nicht anders, als am äußeren (Sein) (Schein) zu zweifeln. Es gibt keine objektive Möglichkeit, das Außen auf Wirklichkeit zu prüfen, da sämtliche Repräsentationen zwangsläufig über unser Inneres erfolgen. Und das ist unergründlich.
Auf die Pflege kommt es an.

Du kannst niemals aufhören, deinen Garten zu pflegen.

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“Essenz der Schnelligkeit XVII”

Es geschieht in Echtzeit. Eines der neuen Schlagworte. Realtime, man könnte in Deutsch also auch sagen, Real-Zeit. Dabei ist Zeit immer nur so real, wie unser Empfinden. Natürlich vergeht sie nach unseren Maßstäben auch ohne unser Dazutun, es ist ihr egal, ob wir es eilig haben oder Langeweile. Doch gerade, wer mit diesen beiden Erfahrungen schon zu tun hatte, wer die beiden Pole kennt, zwischen denen das hungrige, lebenfressende Monster Zeit nach uns jagt, wird ein Gefühl dafür haben, was das Bild beinhaltet.
In Echtzeit erleben heiß, schneller verdrängen zu müssen. Die Erinnerung prägt ihre Spuren so schnell und flüchtig, dass bleibende Eindrücke selten sind. Sie werden ausgefüllt von dem Neuen, das immer schneller kommt.
Eine Gelegenheit zum Innehalten ist das Zurücklehnen und schauen, was gerade war. Vielleicht nur kurz, vielleicht nicht weit. Aber wenn wir so ganz ohne inneres Gepäck reisen, stehen wir immer wieder nur mit leeren Händen da.

Einen weiteren kleinen Rückblick auf das Echt-Zeit-Medium Twitter gibt es hier.

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“Erinnern Siebenundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 87
Das Netz im Schlepptau. Die Knoten schleifen über den Grund. Wie Hoffnung, deren Maschen nie dicht genug sein können, als dass sie nicht hindurchschlüpft. Oder so eng, dass sie erstickt.
Wir sind nicht auf der Suche nach Hoffnung, sondern ihrer Erfüllung. Und (ver)zweifeln am Erfolg. Was bleibt, ist der verstohlene Blick über die Schulter, ob es nicht Gründe gibt, die zum Zweifel berechtigen.
Gründe zum Zweifeln sind uns willkommener, als Ursachen, um zu vertrauen.

Es heißt, weder Stein, noch Baum oder Tier wissen, was sie sind. Die (Er)Kenntnis haben wir ihnen voraus. Doch sie tun, was sie sind, konsequent und ohne Zweifel. Vom ersten Tag an bis zum letzten Augenblick.
Bevor wir unser Tun tun, wollen wir wissen, warum.
Wie nah kommen wir unserer Erkenntnis, bevor alles Erkennen endet? Oder beginnt es dort erst?
Das Ende ist unausweichlich. Aber nicht logisch.
Merkwürdiges fördern wir zutage aus unserem unsichtbaren Reisegepäck, wenn wir uns auf eine Suche einlassen.
Aber das Netz auswerfen, um es wieder einzuholen, heißt auch: So lange es sich leicht ziehen lässt, ist uns kein Fang gelungen.
Bei Perlen scheinen Fangen und Sammeln dasselbe zu sein. Wir sammeln mit dem Fangnetz.

Die Muschelschale ist nur verkalkte Härte. Das zartfleischige Leben verbirgt sich im Schutz der Dunkelheit, aus der inneren Reaktion auf das Fremde von außen kann eine Perle wachsen.
Wir sammeln Eindrücke. Was wir nicht assimilieren können, scheiden wir aus. Oft sagen wir, dass wir etwas nicht haben wollen, weil wir es nicht haben können.
Ans Licht kommen die Perlen nur beim Tod der Muschel. Um etwas freizusetzen, musst du aufgeben. Was du gesammelt hast.
Sammeln schafft Werte.
Es kommt auf die Konzentration an. Im Bewusstsein ebenso wie bei der Ansammlung persönlichen oder allgemeinen Reichtums, oder den Inhaltsstoffen des Wassers.
Viel mehr als eine Frontlinie zwischen Gegensätzlichkeiten, ist die Welt ein Versorgungslager von Analogien.

Erinnern wir uns, das Leben kann sein wie Juwelensammeln.

“Erinnern Sechsundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 86
Wurzeln sind die Blüten, die der Baum in die Erde treibt. Was wir als unsichtbaren Grund eines Hauses nicht wahrnehmen, das Fundament, ist das Dach gegen den Abgrund.
Das Wasser nimmt den Umweg über den Boden, um satt mit Nährstoffen in das kleinste Blatt aufzusteigen. Von oben ist es nur Regen, der dem Laub den Staub abwäscht.
Wenn Ernährung auch Erhaltung ist, nährt ein Fundament die Architektur, die darüber verwirklicht wurde. Die Volksweisheit vom Bauen auf Sand, bringt uns die simple Wahrheit näher, dass ohne solide Grundlage auch der Aufbau instabil ist, aber wie oft schenken wir dem Beachtung? Das Leben ist zu schnell geworden, um sich zu erden. Wir stecken in der Bewegung fest mit einer Geschwindigkeit, als wären wir auf der Flucht.
Ein Schwanken zwischen dem Wunsch, irgendwo verwurzelt zu sein und dem Gefühl der Entwurzelung.
Von dem, wofür wir uns halten, sind wir ein Teil. Ein Teil dessen, was wir als Leben empfinden, ist auch wirklich so, ist Realität. Über Beginn und Ende wölbt sich ein Bogen, spannt sich wie das Flimmern aus Licht in den sieben Farben des Spektrums über die Strecke, die das Fundament ist. Das Gewirr aus Wurzeln. Nur über einen Abgrund gespannt, wäre das Leben wirklich die große Leere.
Grundsteinlegung immer wieder. Vor jedem neuen Abschnitt. Um einen Grund zu haben, weiterzumachen. Motivation allein nutzt nichts, sie braucht einen Halt, von dem sie sich abstoßen kann. Träume fliegen nur, wenn sie einmal gestartet sind. Einmal starten konnten, weil wir ihnen Gegendruck gaben.
Blätter wachsen nur in den Himmel, wenn aus tief im Erdboden der Saft aufsteigt, den sie zum Leben brauchen.

Neue Entwicklungen, neue Bauwerke brauchen neue Wurzeln und ein neues Fundament.

“Erinnern Fünfundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 85
Ist es dem Licht egal, ob es in einer Träne glitzert oder in einem Tautropfen?
Wer die Welt für unbeseelt hält, ist es selber. Der Spiegel zeigt nur das eigene Zerrbild.
Im Nebel liegen die Macht des Unsichtbaren und die Schönheit des Schweigens. Jedes Tröpfchen ist eine Welt, die sich bei der Wanderung in unseren Haaren niederlässt. Und auf der Haut, wo sie hinabrinnt. Spuren hinterlässt auf einer Oberfläche, ohne die es keinen Inhalt geben würde. Keine Tiefe.
Unser Wesen ist Nebel. Ohne Schleier wären wir nackt. Wie weit wir uns auch öffnen, ein Rest bleibt geschützt im Verborgenen. Die Sonne löst das Geheimnis des Nebels auf, sehen wir ihr aber direkt ins Gesicht, macht sie uns blind.
Ist Schönheit nur das Locken der Erscheinung? Oder ist sie das im Innen fühlbare Wesen?
Wer sagt dir, was Schönheit ist?
Über die Normen der Allgemeinverbindlichkeit hinaus. Allgemein ist, was nicht besonders ist. Normen sind, worauf man sich geeinigt hat. Danach wird nicht mehr gefragt. Wenn man nicht als Außenseiter gelten will.
Sollte man dazugehören wollen?
Ist Macht die äußerlich sichtbare Wirkung von Willen? Oder das innere Bezwingen eben dieses Willens?
Wer siegt, hat zuerst sich selbst besiegt. Dann braucht er den Sieg über andere nicht mehr.
Ist es wirklich ein Gewinn, wenn auf der anderen Seite einer verlieren muss?
Macht und Schönheit gehören zum sich selbsterhaltenden Spiel des Lebens, wie all seine anderen Aspekte auch. Hinter, neben, über dem, was wir sehen, gibt es die Wirklichkeit.
Sie ist meist still wie Gesang im Nebel und wirft dich auf dich selbst zurück. Ebenso wie wahre Macht und Schönheit.
Was wir definieren, sind Äußerlichkeiten. Unsere Beschreibungen von Irgendetwas, grenzen es ein.
Wo nur das stumme Staunen bleibt, sind wir uns selbst am Nächsten.

Erinnere dich der Macht und Schönheit des Lebens!

“Erinnern Vierundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 84
Ein Weg verleiht Kraft, weil er Kraft ist. Nichts gibt über das Maß hinaus etwas weiter, das zu sein ihm bestimmt ist. Wie könnte uns die Sonne scheinen, wenn sie nicht Licht wäre, die Rose riechen, wäre sie nicht Duft, der Wind wehen, wäre er nicht selbst Bewegung?
Wir können nicht nur nichts sein, was wir nicht sind, wir können es auch nicht tun und nicht geben.
Alles entspringt dem Sein, denn was nicht ist, das ist nicht. Also kann daraus auch nichts erwachsen, weder Handlung noch Gabe.
Das Samenkorn in der Handfläche, irgendeines, von einer beliebigen Pflanze, macht es uns bewusst: Was es nicht ist, kann es nicht werden.
All unser Tun, jedes Bestreben, etwas zu sein, sinkt immer hinter den Horizont der eigenen Möglichkeiten zurück, wenn wir ihm nicht eine Komponente beigeben: Leidenschaft.
Das ist der Weckruf des Selbst, der Katalysator, der die Trägheit besiegt, das Lächeln, das den Glauben an die eigene Unzulänglichkeit weg wischt.
Wie wir es auch betrachten, wir sind in Leidenschaft erschaffen. Und sehen wir uns einmal um, werden wir einmal still und lauschen der Welt um uns herum, diesem und diesen “Anderen”, das wir so gern “objektiv” zu erfassen wünschen, damit wir uns als getrennt davon betrachten können, lauschen wir nur einmal wirklich, können wir den Klang wahrnehmen. Das Echo vom Anbeginn der Zeit, denn- reden wir auch nicht längst unter wissenschaftlichem Aspekt auch von Urknall?
Das Licht der Sonne sind auf Wellen hüpfende Klänge, ein paar Verschiebungen in den Frequenzen, und wir könnten die Photonen singen hören. Rosenduft tanzt sich in unsere Nase und bringt uns zum Träumen. Der Wind bewegt und braust und brüllt- Oder flüstert sanft die Geschichten, die am anderen Ende der Zeit erzählt werden.
Die Welt begegnet uns mit Leidenschaft. Wir können uns dem nur entziehen, indem wir uns verschließen.
Bedarf es einer Vision, um Leidenschaft entwickeln zu können? Erzeugt Leidenschaft Visionen?
Erst, indem sie miteinander tanzen, wird eine Choreographie daraus. Und die bestimmt den weiteren Tanz. Wer fängt an? Vision oder Leidenschaft?
Es gibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen den Anfang machen. Und es ist egal, welcher Komponente wir uns zuerst zuwenden. Nimm eine Vision, erfülle sie mit Herzblut und geh darauf zu. Oder entfache Leidenschaft und zeichne aus diesem Feuer deine Vision. Der Tanz wird beginnen. Auch wenn du glaubst, nicht tanzen zu können.Der Weg wird sich entfalten, der ungeahnte, unbekannte Weg, der Kraft ist. Deine Kraft.

Erinnere dich, du bist mit einem offenen Herzen, geboren, das wohl behütet ist.

“Erinnern Dreiundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 83

Das Schlimmste am Schmerz, ist das Unberührtsein. Wenn die Schulter zum Anlehnen fehlt, die Hand ausbleibt, die sich auf die Wunde legt. Kein Wort des Trostes, kein Blick, der aufmuntert. Wir leiden. Wir haben gelernt, stumm zu leiden, denn: Gefühle sind Privatsache.
Werden wir gefragt, wie es uns geht, antworten wir meist: “Gut!” oder “Muss ja, nicht!” Ebenso wie das Gegenüber, dem wir aus purer Konversationshöflichkeit die gleichlautende Gegenfrage stellen. Dann öffnet sich der Fahrstuhl, die Haustür fällt zu oder der Bus kommt. Wir entkommen. Mit einer weiteren kleinen Flunkerei. Der andere weiß, dass wir ihn ebensowenig an unseren Sorgen teilhaben lassen, wie umgekehrt. Jeder hat genug an sich selbst zu tragen, beobachtet nur einmal für ein paar Minuten die Menschen, wie sie ihre Packen durch die Straßen schleppen. Irgendwelche Schubladendenker mögen das als sozialadäquates Verhalten bezeichnen; oder als adäquates Sozialverhalten.
Wie wäre es mit der Wahrheit? Falls, und nur dann, falls es uns nicht wirklich so gut geht, wie wir behaupten. Es behaupten mit einem Lächeln, das die Augen nicht erreicht.
Ehrlichkeit soll nichts mit Schwarzmalerei zu tun haben, aber auch nicht mit Zweckoptimismus. Den richtigen Weg einschlagen können, setzt voraus, erst einmal den Standort zu bestimmen. Für das Gegenüber spielt das keine so große Rolle, wie für uns selbst.
Ein klares Verhältnis zu sich selber heißt, wie immer: hinsehen. Nicht verdrängen, nicht aufbauschen.
Es geht um das Berührt-Sein.
Wenn das Sein dich nicht berührt, du nicht deine Hand ausstreckst, um das Sein zu fühlen, zu fassen, zu erfassen, lebst du in einer Blase aus Illusion und Abschottung. In der Illusion der Abschottung.
Die Welt schreit auf, wenn uns ihr Schmerz unberührt lässt. Wir sind ein Teil davon. Von der Welt und ihrem Schmerz. Unser Schmerz ist ein Teil der Welt.
Das alles sind Knoten. Besser noch: Verknotungen. Im Verstand, Gemüt, in Seele und Herz. Wir können anders, wir dürfen, sind dazu eingeladen.
Wir glauben nicht an unsere Fähigkeiten, verbieten es uns, schlagen die Einladung aus.
Dauerhafter Schmerz ist nur Schicksal, wenn man ihn wählt.

Erinnere dich, auch du kannst gleiten auf den Schwingen heilender Flügel.

“Erinnern Zweiundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 82
Manchmal treten wir die Asche auf unseren Wegen fest, ohne dass wir es wollen. Ohne es zu bemerken.
Das Leben ist Entstehen in einem Glühprozess, es entwickelt sich daraus. Was nach dem Schmelzen bleibt, sind Schlacken und Asche.
Notwendigkeiten entstehen aus natürlichem Geschehen. Jeder Weg bewegt sich auf den eigenen Wendepunkt zu. Erkennt man diesen nicht, den Punkt, an dem es heißt, dem Impuls in die andere Richtung zu folgen, dann wird die Wende von Augenblick zu Augenblick nötiger: Not-wendig.
Es ist keine Vernichtung, wodurch im Voranschreiten Asche entsteht. Sie ist ein Endprodukt von allem. Von physischem Konsum, von seelischer Gegenwärtigkeit, von Denkprozessen, Emotionen- Von allem, was geschieht und dadurch vergeht. Asche ist die feine Schicht, die den Lohn allen Geschehens bedeckt. Den fruchtbaren Boden.
Auf kleiner Flamme brennen wir immer, sind immer am Glühen. Alles andere würde den Tod bedeuten, die Leblosigkeit. Erinnerungen sind nur grau, wenn wir sie nicht als Erfahrungen integrieren, wenn wir zwischen ihnen und uns den Schleier zulassen, den die Asche darüber deckt. Bei jeder Wiederkehr zu Vergangenem treten wir die Asche weiter in den Boden, stampfen sie fest. Pflastern den Weg mit interpretierter Erinnerung, statt mit Erfahrung. Die Forderung des Weges heißt, die Asche wegzublasen, am besten, sobald sie sich auf die Erinnerung zu legen beginnt.
Die Flamme reinigt. Doch das ist und bleibt nur von Dauer, wenn wir nicht zulassen, dass Asche sich auf die gereinigten Teile unsere Weges, unseres Seins legt. Je nach Intensität der Erfahrungen müssen wir dazu mal mehr, mal weniger zum mentalen Besen greifen, um die Asche aus den Winkeln und Ecken zu kehren. Wichtig ist auch hier, dass wir uns an unsere Fähigkeit dazu erinnern:

Vergiss nicht, immer wieder von den Brandrückständen die Asche wegzublasen.

“Erinnern Einundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 81
“Welches innere Mobiliar ist überflüssig, wenn du es in Hinblick auf den Sinn deines Lebens betrachtest?”
Ein Satz, eine Frage nur aus dem Buch “Die Weisheit der Sufis“. Und jeden Morgen, mit jedem anbrechenden Tag, hat er aufs Neue seine Bedeutung und Berechtigung. Vielleicht am Abend auch. Vielleicht da noch mehr. Vielleicht an beiden Wendepunkten: Dem des morgendlichen Erwachens ebenso, wie dem des abendlichen Abschließens des vergangenen Tages.
Nehmen wir wieder ein Bild zu Hilfe. Eindruck. Eindrücke. Eine zu Beginn glatte Oberfläche vorgestellt, sind das nach innen gehende Beulen, diese Eindrücke. Was sich am Anfang klar und wahrheitsgetreu spiegeln konnte, gewinnt immer mehr Facetten. Man spricht vom Facettenreichtum. Nun sehen wir, dass Reichtum verzerrt: Die klare Sicht bricht nicht nur ent-Zwei, sondern in-Viele.
Ohne Erfahrung ist das Leben nicht, was dieser Begriff aussagt. Erfahrungen sind es, die Wissen vermitteln; durch das, was sich uns einprägt, eindrückt. So wird Wissen von der nackten intellektuellen Information zu einem verinnerlichten Teil des Menschen.
Auf Spiegeln setzt sich Staub ab, besonders in Nischen, in Falten und Vertiefungen. In unseren Eindrücken.
Wir sehen nie direkt, so wie wir nicht in die Sonne blicken können, ohne Schaden zu nehmen. Alles Sehen ist ein Spiegeln. Wie klar es ist, hängt ab von der Raumpflege und unserem sorgsamen Umgang mit dem, was eingangs als inneres Mobiliar bezeichnet wurde.
Wir müssen gehen und sammeln, Staub aufwirbeln und Staub schlucken. Und wir haben die Fähigkeit zu handeln. Inwieweit unser Blick klar ist, klar wird, hängt von uns ab. Jeden Morgen und jeden Abend. Jeden Tag den ganzen Tag. Von Anfang an, bis zum…

Erinnere dich deiner inneren Räume und daran, du kannst sie auskehren.