Erinnern ohne Wiederholen 92

Erinnern ohne Wiederholen, Rückschau, ohne sich im Spiegel der Vergangenheit zu verlieren.
Ein Licht geht aus vom Ursprung, durchdringt alles Gewesene. Vielleicht leuchtet hinter uns immer noch der Urknall, oder der Ton des Logos, des Ersten Wortes, hallt nach?
Dreh den Spiegel so, dass er das Licht auf deinen Weg voraus reflektiert. Es gibt keinen Strahl, der in die Zukunft führt, wenn er nicht aus der Vergangenheit kommt.
Auf den beiden vorhergehenden Wegen erinnerten wir uns an Widerstand, Schmerz und Verlust. Wohin führen sie?
Auf einem geborstenen Baumstumpf sitzend, schaue ich einen Weg nach dem anderen entlang, die sich an diesem Knotenpunkt des Lebens treffen wie Schnüre in einem Netz. Was ich auf jedem der möglichen Pfade erkennen kann, ist immer der kleine Ausschnitt, den meine momentane Perspektive zulässt. Der Rest bleibt ein vorsichtiges Ahnen, ein Fürchten mit Gänsehaut, eine ersehnte Hoffnung.
Wege führen nirgends hin. Werden sie nicht gegangen, sind sie nicht einmal existent, führen nicht nur nicht ins Nichts, sie sind es. Nichts.
Versuche eine Wegbeschreibung der Strecke, die du nicht gegangen bist, und du wirst ahnen, was dahintersteckt.
Es heißt, die Summe sei vorherbestimmt, aber solange deine Rechnung nicht zur Lösung führt, musst du weiter rechnen.
Es heißt weiter, dass es auf die Frage, womit man rechnen sollte, immer nur eine Antwort gibt:
Mit allem!
Immer wieder Kreuzungen, überall gibt es Bäume, in die der Blitz eingeschlagen hat. Unter ihnen grünt es aus der Asche, Leben hört den Ruf nach sich selbst überall.
Einen der Wege muss ich wählen und gehe los. Wie weit ich es auf ihm bringe, wird sich zeigen. Die Unbekannten in der Gleichung offenbaren erst ihren Wert, wenn der Strich gezogen wird zur Zwischenrechnung.
Irgendwann wird auf jedem Weg das Licht durchbrechen und durch die Bäume fallen. Licht schafft die Möglichkeit, sich am Schatten zu orientieren.
Ob es auf den anderen Wegen auch gerade scheint, wenn es mich einhüllt, auf denen, die ich nicht gegangen bin? Das weiß ich nicht. Aber ich bin fast sicher. Denn ein und dieselbe Kraft wirkt überAll.
Vielleicht ist es nirgends zu sehen oder zu hören, aber spüren kannst du den augenblicklichen Segen.

