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“Erinnern Zweiundneunzig”

Erinnern ohne Wiederholen 92

Erinnern ohne Wiederholen, Rückschau, ohne sich im Spiegel der Vergangenheit zu verlieren.
Ein Licht geht aus vom Ursprung, durchdringt alles Gewesene. Vielleicht leuchtet hinter uns immer noch der Urknall, oder der Ton des Logos, des Ersten Wortes, hallt nach?
Dreh den Spiegel so, dass er das Licht auf deinen Weg voraus reflektiert. Es gibt keinen Strahl, der in die Zukunft führt, wenn er nicht aus der Vergangenheit kommt.
Auf den beiden vorhergehenden Wegen erinnerten wir uns an Widerstand, Schmerz und Verlust. Wohin führen sie?
Auf einem geborstenen Baumstumpf sitzend, schaue ich einen Weg nach dem anderen entlang, die sich an diesem Knotenpunkt des Lebens treffen wie Schnüre in einem Netz. Was ich auf jedem der möglichen Pfade erkennen kann, ist immer der kleine Ausschnitt, den meine momentane Perspektive zulässt. Der Rest bleibt ein vorsichtiges Ahnen, ein Fürchten mit Gänsehaut, eine ersehnte Hoffnung.
Wege führen nirgends hin. Werden sie nicht gegangen, sind sie nicht einmal existent, führen nicht nur nicht ins Nichts, sie sind es. Nichts.
Versuche eine Wegbeschreibung der Strecke, die du nicht gegangen bist, und du wirst ahnen, was dahintersteckt.
Es heißt, die Summe sei vorherbestimmt, aber solange deine Rechnung nicht zur Lösung führt, musst du weiter rechnen.
Es heißt weiter, dass es auf die Frage, womit man rechnen sollte, immer nur eine Antwort gibt:
Mit allem!
Immer wieder Kreuzungen, überall gibt es Bäume, in die der Blitz eingeschlagen hat. Unter ihnen grünt es aus der Asche, Leben hört den Ruf nach sich selbst überall.
Einen der Wege muss ich wählen und gehe los. Wie weit ich es auf ihm bringe, wird sich zeigen. Die Unbekannten in der Gleichung offenbaren erst ihren Wert, wenn der Strich gezogen wird zur Zwischenrechnung.
Irgendwann wird auf jedem Weg das Licht durchbrechen und durch die Bäume fallen. Licht schafft die Möglichkeit, sich am Schatten zu orientieren.
Ob es auf den anderen Wegen auch gerade scheint, wenn es mich einhüllt, auf denen, die ich nicht gegangen bin? Das weiß ich nicht. Aber ich bin fast sicher. Denn ein und dieselbe Kraft wirkt überAll.

Vielleicht ist es nirgends zu sehen oder zu hören, aber spüren kannst du den augenblicklichen Segen.

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“Erinnern Einundneunzig”


[Foto via james-carrington]

Erinnern ohne Wiederholen 91

Wir verlieren etwas, das uns liebgeworden ist. Die Suche lässt uns erkennen, wie erleichtert wir uns fühlen. Befreit von dieser Last des Habens. Manches, was wir eingesammelt haben, war nur zum Betrachten gedacht.

Der Schmetterling hat aufgehört zu träumen. Wenn er sich im Sommer vom Sonnenlicht tragen lässt, um seiner Blütenverliebtheit zu folgen, sich dem Rausch hinzugeben, der ihm von einem farbsprühenden Exzess zum anderen treibt, ist er aufgewacht. Und lässt sich tragen von seinen Träumen, die als unsichtbare Muster unter den Staub seiner Flügel gezeichnet sind.
Weiß die Raupe, wovon sie träumt, während sie über die Zweige kriecht, Blattgrün frisst und sich jeden Tag von der Hoffnung nährt, unentdeckt zu bleiben von Vögeln, die ihrem Leben mit einer Bewegung ein Ende bereiten könnten?
Und was weiß die Puppe im Kokon dann noch von diesen Träumen?
Wie in einem Grab vergeht die Raupe in ihrer Schale, löst sich auf zu einer halbflüssigen Masse, aus der, zu seiner Zeit, der Schmetterling wiedergeboren wird.
Würde die Raupe ihren Tod vermeiden, wenn sie könnte? Ahnt sie im Tiefinnern, dass sie ein Schmetterling ist, zu dem sie erst heranreifen muss?
Wir glauben, die Wesen folgen einfach ihrer Natur. Mehr als Glauben kann das auch nicht sein. Wir wissen nicht, was in ihnen vorgeht. Was wir für Wissen halten, sind unsere Schlussfolgerungen aufgrund von Beobachtungen, die wir letztlich verallgemeinern. Wir vergessen, dass wir nicht sehen, sondern interpretieren.
Tod ist immer schmerzlich, wie jeder Abschied.
Ich GLAUBE jedes Wesen will am Leben bleiben. Der Schmerz scheint dazuzugehören, kann es ein Leben geben ohne?
Veränderung heißt immer, das was ist (Man weiß, was man hat!) aufzugeben für etwas anderes (Man weiß nie, was kommt!) Veränderung ist Schmerz, und wenn er nur darin besteht, dass wir uns wehren.
Ein Schmetterling tanzt, wo eine Raupe nur kriechen konnte. Während sie grüne Blätter fraß, berauscht er sich am Nektar der Blüten. Er tanzt. Jeder Flügelschlag ist ein Versprechen, jedes Niederlassen auf einer Blüte eine Verlobung. Verheiratet ist er mit dem Leben.
Wir halten uns für schlau, weil wir aus Beobachtungen lernen. Aus der Beobachtung, dass das Leben sich immer weiter entwickelt, lernen wir scheinbar nichts. Sonst hätten wir keine Angst.
Es ist eben Teil des Lebens: Veränderung ist unausweichlich. Wir haben Angst davor, und das erzeugt Schmerz.
Ein erster Schritt ist, wenn wir anerkennen, dass es so ist.
Erinnern wir uns, kein Weg lässt sich von Anfang bis Ende gehen, ohne dass es auch Phasen von Schmerz und Verlust gibt.
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“Erinnern Neunzig”


[Foto via akatoff.wordpress]

Erinnern ohne Wiederholen 90
Wir richten uns nicht auf an bedingungslosem Freisein. Leben an sich ist Bedingungen unterworfen, die uns gefallen oder nicht.
Ein Fluss ohne Ufer versickert im Sand, und was sollte uns reizen, einen aufrechten Gang zu erlangen, wenn die Schwerkraft sich nicht dagegenstemmen würde? Dieselbe Kraft, die auch reguliert, dass wir in unserem Größenwahn nicht “ausufern”.

Woran wir uns aufrichten und festhalten, ist Widerstand. Die Kraft, die sich scheinbar dem Bestreben entgegenstellt, ohne die der Wille aber nur ein Schlag ins Leere wäre. Höhen sind dort nicht zu erklettern, wo wir nur von Ebenen umgeben sind.
Irgendwann einmal sind wir müde geworden, schneiden die Hecke unseres Gartens gedankenlos. Die des äußeren Gartens. Wir haben vergessen, dass die Form das Verschneiden braucht, um kein Dickicht zu werden.  Wenigstens aber schneiden wir. Den inneren Garten haben wir aufgegeben. Seine Pflege.

Leben ist sich selbst erhaltend. Als Quantität. Als Qualität braucht es Erhaltung. Fürsorge. Pflege.
Jasagen ist nicht der Weg, wer immer nur klein beigibt, macht andere und anderes größer, als es/sie wirklich ist/sind. Auch denen ist damit nicht geholfen. Die richtige Weglänge genannt bekommen, aber in die falsche Richtung geschickt werden, dient niemandem.

So oft schon gesagt: Auf das Maßhalten kommt es an.
In diesem Fall soll daran erinnert werden, das Wachstum manchmal gefördert wird durch Beschneidung, und der Weg zu einem Stück mehr Freiheit über die Beschränkung führt.
Erinnert euch an das:

Geschenk des Widerstands.

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“Erinnern Neunundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 89

[Botanischer Garten Leipzig]

Das Wesen liegt im Wesentlichen, manchmal eben auch verborgen. Meist ringen wir mit uns um Dinge, für die es sich nicht lohnt. Deren Wert nur Einbildung ist, vielleicht sogar ihre Existenz.
Wer weiß? Wer weiß wirklich?
Welche Ernte ist die lohnenswerte, die natürliche, oder die mühsam zum Ertrag gepushte?
Unser Garten ist perfektes Brachland. So ist es gedacht, so soll es sein. Wo wäre zu säen, wenn nicht im Boden, der darauf wartet, weil er bereit ist?
Der Boden ist das Leben, jedes Jahr ein Beet. Wie eine Furche an die nächste reihen sich die Tage. Was der eine bringt, hat ein anderer begonnen. Die Früchte der Zeit sind nicht zu ernten, bevor sie reif sind.
Niemand wird als perfekter Gärtner geboren. Aber mit allen Anlagen dazu werden wir hinein gestellt in unsere Möglichkeiten. Uns zu entfalten, tragen wir die Chance zur Mensch(lich)werdung vom ersten Augenblick in uns. Wir entscheiden, was wir verwirklichen und was nicht.
Taub und stumm für Sprache kommen wir auf die Welt, es sind keine Worte, sondern Klänge und Töne, die uns bewegen. Unsere Unterweisung ist Beobachtung, durch Nachahmung erlangen und testen wir Fähigkeiten.
Der Große Gärtner hat uns alles vorgemacht. Weder können wir ständig alles neu erfinden, noch sollten wir es tun. Es ist nicht nötig. Nicht not-wendig, wird nicht gebraucht, die Not zu wenden.
Wir müssen uns finden: In der Saat, dem Keimen, im Wachsen und Blühen, in der Ernte.
Gartenarbeit ist hart, nur wer sie nicht kennt, behauptet, es wäre anders. Aber sie lohnt sich. Jeder weiß es, der einmal geerntet hat. Zufriedenheit heißt, dem Leben zu geben und davon zu nehmen.

Wir alle sind Gärtner im einen Garten des Lebens.

“Erinnern Achtundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 88
Die Grenzen sind fließend, darum ist es manchmal nicht leicht zu entscheiden, was innerhalb ist, was außerhalb. Wir sind alle Pendler zwischen Möglichkeit und Aktualität.
Es ist eine Frage der Absicht, die uns antreibt oder anzieht, von Entscheidung oder Wahl. Was wollen wir wirklich? Die Antwort findet sich oft beim Blick auf das Koordinatensystem des Lebens. Dort ist abzulesen, wohin es uns verschlagen hat.
Es?
Oder- Wer?
Ablesen kann man erst im Nachhinein, wenn die Punkte markiert sind im Geviert von X- und Y- Achse. Über die Schulter zurückblickend von Z, von der Gegenwart auf die Vergangenheit, die einmal Zukunft war, erkennen wir unseren Standort. Den ehemaligen. Wir sind wieder weg, bevor wir erkennen, wo wir sind.
Unsere Wahrnehmung und unser Wahrgenommensein liegen jeweils hinter einem Schleier. Eine Membran filtert, was wir an uns heran lassen, ebenso wie das, was wir aus uns heraus lassen in die Welt. Und doch kann es nicht anders sein, als dass der Garten innerhalb den gleichen Ursprung hat, wie all das, was uns umgibt. Jede Koordinate befindet sich immer innerhalb UND außerhalb. Unsere Sicht auf die Dinge, auf das Leben, hält uns auf Distanz oder führt zur Vereinnahmung: Von uns durch das Leben; des Lebens durch uns.
Im unbewusst Sein ist die Unterscheidung schwer zwischen Realität und Illusion.
Dabei ist alles alles, und nichts nichts. Deine Begegnungen, die sich als Realität empfinden, müssen dein Innen infrage stellen: Es gibt keine Möglichkeit, im anderen aufzugehen.
Wer nur sein Innen als real empfindet, kann nicht anders, als am äußeren (Sein) (Schein) zu zweifeln. Es gibt keine objektive Möglichkeit, das Außen auf Wirklichkeit zu prüfen, da sämtliche Repräsentationen zwangsläufig über unser Inneres erfolgen. Und das ist unergründlich.
Auf die Pflege kommt es an.

Du kannst niemals aufhören, deinen Garten zu pflegen.

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“Erinnern Siebenundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 87
Das Netz im Schlepptau. Die Knoten schleifen über den Grund. Wie Hoffnung, deren Maschen nie dicht genug sein können, als dass sie nicht hindurchschlüpft. Oder so eng, dass sie erstickt.
Wir sind nicht auf der Suche nach Hoffnung, sondern ihrer Erfüllung. Und (ver)zweifeln am Erfolg. Was bleibt, ist der verstohlene Blick über die Schulter, ob es nicht Gründe gibt, die zum Zweifel berechtigen.
Gründe zum Zweifeln sind uns willkommener, als Ursachen, um zu vertrauen.

Es heißt, weder Stein, noch Baum oder Tier wissen, was sie sind. Die (Er)Kenntnis haben wir ihnen voraus. Doch sie tun, was sie sind, konsequent und ohne Zweifel. Vom ersten Tag an bis zum letzten Augenblick.
Bevor wir unser Tun tun, wollen wir wissen, warum.
Wie nah kommen wir unserer Erkenntnis, bevor alles Erkennen endet? Oder beginnt es dort erst?
Das Ende ist unausweichlich. Aber nicht logisch.
Merkwürdiges fördern wir zutage aus unserem unsichtbaren Reisegepäck, wenn wir uns auf eine Suche einlassen.
Aber das Netz auswerfen, um es wieder einzuholen, heißt auch: So lange es sich leicht ziehen lässt, ist uns kein Fang gelungen.
Bei Perlen scheinen Fangen und Sammeln dasselbe zu sein. Wir sammeln mit dem Fangnetz.

Die Muschelschale ist nur verkalkte Härte. Das zartfleischige Leben verbirgt sich im Schutz der Dunkelheit, aus der inneren Reaktion auf das Fremde von außen kann eine Perle wachsen.
Wir sammeln Eindrücke. Was wir nicht assimilieren können, scheiden wir aus. Oft sagen wir, dass wir etwas nicht haben wollen, weil wir es nicht haben können.
Ans Licht kommen die Perlen nur beim Tod der Muschel. Um etwas freizusetzen, musst du aufgeben. Was du gesammelt hast.
Sammeln schafft Werte.
Es kommt auf die Konzentration an. Im Bewusstsein ebenso wie bei der Ansammlung persönlichen oder allgemeinen Reichtums, oder den Inhaltsstoffen des Wassers.
Viel mehr als eine Frontlinie zwischen Gegensätzlichkeiten, ist die Welt ein Versorgungslager von Analogien.

Erinnern wir uns, das Leben kann sein wie Juwelensammeln.

“Erinnern Sechsundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 86
Wurzeln sind die Blüten, die der Baum in die Erde treibt. Was wir als unsichtbaren Grund eines Hauses nicht wahrnehmen, das Fundament, ist das Dach gegen den Abgrund.
Das Wasser nimmt den Umweg über den Boden, um satt mit Nährstoffen in das kleinste Blatt aufzusteigen. Von oben ist es nur Regen, der dem Laub den Staub abwäscht.
Wenn Ernährung auch Erhaltung ist, nährt ein Fundament die Architektur, die darüber verwirklicht wurde. Die Volksweisheit vom Bauen auf Sand, bringt uns die simple Wahrheit näher, dass ohne solide Grundlage auch der Aufbau instabil ist, aber wie oft schenken wir dem Beachtung? Das Leben ist zu schnell geworden, um sich zu erden. Wir stecken in der Bewegung fest mit einer Geschwindigkeit, als wären wir auf der Flucht.
Ein Schwanken zwischen dem Wunsch, irgendwo verwurzelt zu sein und dem Gefühl der Entwurzelung.
Von dem, wofür wir uns halten, sind wir ein Teil. Ein Teil dessen, was wir als Leben empfinden, ist auch wirklich so, ist Realität. Über Beginn und Ende wölbt sich ein Bogen, spannt sich wie das Flimmern aus Licht in den sieben Farben des Spektrums über die Strecke, die das Fundament ist. Das Gewirr aus Wurzeln. Nur über einen Abgrund gespannt, wäre das Leben wirklich die große Leere.
Grundsteinlegung immer wieder. Vor jedem neuen Abschnitt. Um einen Grund zu haben, weiterzumachen. Motivation allein nutzt nichts, sie braucht einen Halt, von dem sie sich abstoßen kann. Träume fliegen nur, wenn sie einmal gestartet sind. Einmal starten konnten, weil wir ihnen Gegendruck gaben.
Blätter wachsen nur in den Himmel, wenn aus tief im Erdboden der Saft aufsteigt, den sie zum Leben brauchen.

Neue Entwicklungen, neue Bauwerke brauchen neue Wurzeln und ein neues Fundament.

“Erinnern Fünfundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 85
Ist es dem Licht egal, ob es in einer Träne glitzert oder in einem Tautropfen?
Wer die Welt für unbeseelt hält, ist es selber. Der Spiegel zeigt nur das eigene Zerrbild.
Im Nebel liegen die Macht des Unsichtbaren und die Schönheit des Schweigens. Jedes Tröpfchen ist eine Welt, die sich bei der Wanderung in unseren Haaren niederlässt. Und auf der Haut, wo sie hinabrinnt. Spuren hinterlässt auf einer Oberfläche, ohne die es keinen Inhalt geben würde. Keine Tiefe.
Unser Wesen ist Nebel. Ohne Schleier wären wir nackt. Wie weit wir uns auch öffnen, ein Rest bleibt geschützt im Verborgenen. Die Sonne löst das Geheimnis des Nebels auf, sehen wir ihr aber direkt ins Gesicht, macht sie uns blind.
Ist Schönheit nur das Locken der Erscheinung? Oder ist sie das im Innen fühlbare Wesen?
Wer sagt dir, was Schönheit ist?
Über die Normen der Allgemeinverbindlichkeit hinaus. Allgemein ist, was nicht besonders ist. Normen sind, worauf man sich geeinigt hat. Danach wird nicht mehr gefragt. Wenn man nicht als Außenseiter gelten will.
Sollte man dazugehören wollen?
Ist Macht die äußerlich sichtbare Wirkung von Willen? Oder das innere Bezwingen eben dieses Willens?
Wer siegt, hat zuerst sich selbst besiegt. Dann braucht er den Sieg über andere nicht mehr.
Ist es wirklich ein Gewinn, wenn auf der anderen Seite einer verlieren muss?
Macht und Schönheit gehören zum sich selbsterhaltenden Spiel des Lebens, wie all seine anderen Aspekte auch. Hinter, neben, über dem, was wir sehen, gibt es die Wirklichkeit.
Sie ist meist still wie Gesang im Nebel und wirft dich auf dich selbst zurück. Ebenso wie wahre Macht und Schönheit.
Was wir definieren, sind Äußerlichkeiten. Unsere Beschreibungen von Irgendetwas, grenzen es ein.
Wo nur das stumme Staunen bleibt, sind wir uns selbst am Nächsten.

Erinnere dich der Macht und Schönheit des Lebens!

“Erinnern Vierundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 84
Ein Weg verleiht Kraft, weil er Kraft ist. Nichts gibt über das Maß hinaus etwas weiter, das zu sein ihm bestimmt ist. Wie könnte uns die Sonne scheinen, wenn sie nicht Licht wäre, die Rose riechen, wäre sie nicht Duft, der Wind wehen, wäre er nicht selbst Bewegung?
Wir können nicht nur nichts sein, was wir nicht sind, wir können es auch nicht tun und nicht geben.
Alles entspringt dem Sein, denn was nicht ist, das ist nicht. Also kann daraus auch nichts erwachsen, weder Handlung noch Gabe.
Das Samenkorn in der Handfläche, irgendeines, von einer beliebigen Pflanze, macht es uns bewusst: Was es nicht ist, kann es nicht werden.
All unser Tun, jedes Bestreben, etwas zu sein, sinkt immer hinter den Horizont der eigenen Möglichkeiten zurück, wenn wir ihm nicht eine Komponente beigeben: Leidenschaft.
Das ist der Weckruf des Selbst, der Katalysator, der die Trägheit besiegt, das Lächeln, das den Glauben an die eigene Unzulänglichkeit weg wischt.
Wie wir es auch betrachten, wir sind in Leidenschaft erschaffen. Und sehen wir uns einmal um, werden wir einmal still und lauschen der Welt um uns herum, diesem und diesen “Anderen”, das wir so gern “objektiv” zu erfassen wünschen, damit wir uns als getrennt davon betrachten können, lauschen wir nur einmal wirklich, können wir den Klang wahrnehmen. Das Echo vom Anbeginn der Zeit, denn- reden wir auch nicht längst unter wissenschaftlichem Aspekt auch von Urknall?
Das Licht der Sonne sind auf Wellen hüpfende Klänge, ein paar Verschiebungen in den Frequenzen, und wir könnten die Photonen singen hören. Rosenduft tanzt sich in unsere Nase und bringt uns zum Träumen. Der Wind bewegt und braust und brüllt- Oder flüstert sanft die Geschichten, die am anderen Ende der Zeit erzählt werden.
Die Welt begegnet uns mit Leidenschaft. Wir können uns dem nur entziehen, indem wir uns verschließen.
Bedarf es einer Vision, um Leidenschaft entwickeln zu können? Erzeugt Leidenschaft Visionen?
Erst, indem sie miteinander tanzen, wird eine Choreographie daraus. Und die bestimmt den weiteren Tanz. Wer fängt an? Vision oder Leidenschaft?
Es gibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen den Anfang machen. Und es ist egal, welcher Komponente wir uns zuerst zuwenden. Nimm eine Vision, erfülle sie mit Herzblut und geh darauf zu. Oder entfache Leidenschaft und zeichne aus diesem Feuer deine Vision. Der Tanz wird beginnen. Auch wenn du glaubst, nicht tanzen zu können.Der Weg wird sich entfalten, der ungeahnte, unbekannte Weg, der Kraft ist. Deine Kraft.

Erinnere dich, du bist mit einem offenen Herzen, geboren, das wohl behütet ist.

“Erinnern Dreiundachtzig”

Erinnern ohne Wiederholen 83

Das Schlimmste am Schmerz, ist das Unberührtsein. Wenn die Schulter zum Anlehnen fehlt, die Hand ausbleibt, die sich auf die Wunde legt. Kein Wort des Trostes, kein Blick, der aufmuntert. Wir leiden. Wir haben gelernt, stumm zu leiden, denn: Gefühle sind Privatsache.
Werden wir gefragt, wie es uns geht, antworten wir meist: “Gut!” oder “Muss ja, nicht!” Ebenso wie das Gegenüber, dem wir aus purer Konversationshöflichkeit die gleichlautende Gegenfrage stellen. Dann öffnet sich der Fahrstuhl, die Haustür fällt zu oder der Bus kommt. Wir entkommen. Mit einer weiteren kleinen Flunkerei. Der andere weiß, dass wir ihn ebensowenig an unseren Sorgen teilhaben lassen, wie umgekehrt. Jeder hat genug an sich selbst zu tragen, beobachtet nur einmal für ein paar Minuten die Menschen, wie sie ihre Packen durch die Straßen schleppen. Irgendwelche Schubladendenker mögen das als sozialadäquates Verhalten bezeichnen; oder als adäquates Sozialverhalten.
Wie wäre es mit der Wahrheit? Falls, und nur dann, falls es uns nicht wirklich so gut geht, wie wir behaupten. Es behaupten mit einem Lächeln, das die Augen nicht erreicht.
Ehrlichkeit soll nichts mit Schwarzmalerei zu tun haben, aber auch nicht mit Zweckoptimismus. Den richtigen Weg einschlagen können, setzt voraus, erst einmal den Standort zu bestimmen. Für das Gegenüber spielt das keine so große Rolle, wie für uns selbst.
Ein klares Verhältnis zu sich selber heißt, wie immer: hinsehen. Nicht verdrängen, nicht aufbauschen.
Es geht um das Berührt-Sein.
Wenn das Sein dich nicht berührt, du nicht deine Hand ausstreckst, um das Sein zu fühlen, zu fassen, zu erfassen, lebst du in einer Blase aus Illusion und Abschottung. In der Illusion der Abschottung.
Die Welt schreit auf, wenn uns ihr Schmerz unberührt lässt. Wir sind ein Teil davon. Von der Welt und ihrem Schmerz. Unser Schmerz ist ein Teil der Welt.
Das alles sind Knoten. Besser noch: Verknotungen. Im Verstand, Gemüt, in Seele und Herz. Wir können anders, wir dürfen, sind dazu eingeladen.
Wir glauben nicht an unsere Fähigkeiten, verbieten es uns, schlagen die Einladung aus.
Dauerhafter Schmerz ist nur Schicksal, wenn man ihn wählt.

Erinnere dich, auch du kannst gleiten auf den Schwingen heilender Flügel.