Während ich auf den am Bildschirm ins Überdimensionale vergrößerten Kompass starre, überlege ich. Habe ich ihn nicht wunderbar eingenordet, bevor ich den Screenshot gemacht habe? Warum der Beitrag »Erster Horizont« heißen sollte, und warum mir als Bild dazu ausgerechnet ein Kompass in den Sinn kam, will mir nun nicht mehr einfallen.
Es war um die Mittagszeit. Mag sein, dass ich den Höchststand der Sonne als maximal möglichen Horizont des Tages angesehen habe. Eine Höhe, die der Stern in diesem Jahr bisher nur in der Vorstellung theoretischen Wissens erklommen hat: Seit dem in der Neujahrsnacht hier die Funken sprühten und die Donnerschläge hallten, als wollten militante Gruppierungen die Stadt einäschern, lässt der Himmel vorsichtshalber Löschwasser aus allen Tränensäcken tropfen, die da oben als tiefhängendes Grau schweben.
Die Theorie des Horizonts. Die Wirklichkeit dieser Linie definiert sich nur durch Entfernung. Wann immer wir sie erreichen, löst sie sich auf. Immer laufen wir ihr hinterher. Am nächsten kommen wir ihr wohl, wenn wir auf dem Bauch robben. Den Kopf flach auf den Boden gepresst, können wir den Horizont berühren, indem wir die Hand ausstrecken. Was wir erreichen können, wenn wir uns nicht allzu viel vornehmen!
Trotzdem. Einen sichtbaren Horizont, eine sichtbare Naht zwischen Himmel und Erde, gibt es. Mit unserem Auftauchen an der Stelle, an der wir sie erkannt haben, setzen wir lediglich den Nahttrenner der Wirklichkeit an. Erkenntnis schickt die Träume in den Schlaf. Oder in Ohnmacht? Allein der Wunsch, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, stutzt die Flügel. In unseren realsten Momenten sind Emus und Pinguine flugfähiger als wir.
Mir fällt jetzt wieder etwas ein. Mein Beitrag über den ersten Horizont sollte eine kleine Vorausschau sein. Was bringt die Zukunft, so das erste Vierteljahr, das vor mir liegt? Als ob ich das wüsste! Termineinträge im Kalender, um zu Planen, erschaffen keine Wirklichkeit, sondern »nur« wieder Möglichkeiten. Je starrer man daran festhält, falls Änderungen notwendig werden, desto konsequenter verschließt man sich dem Erleben. Termine und Planungen sind künstliche Horizonte. Wir erschaffen uns eine Fata Morgana nach der anderen, um Nahrung zu haben: Die Illusion der Sicherheit muss gefüttert werden.
Mein Plan zu diesem Blogbeitrag war das eine. Der Horizont, den es zu erreichen galt, damit dieser teXt auf dem Bildschirm erscheint, das andere. Wie man das alles in Einklang bringen kann, den künstlichen Horizont der Planungssucht mit dem wirklich erfahrbaren, dem wir die Naht auftrennen, sobald wir ihn zu packen bekommen, als wollten wir eine alte Joppe noch einmal wenden, dazu dann noch die Realität, die sich nicht schert um Verlangen und Wünsche, wie das alles in Harmonie gebracht werden kann, übersteigt meinen Horizont.
Vielleicht heißt das Rezept einfach: Wo die Kompassnadel hinzeigt, hast du dich eingeordnet. Und dann bleib immer schön auf Kurs, ohne zu vergessen, dass diese Rose 360 Blätter hat, die in ° gemessen werden und alle ihre mögliche Daseinsberechtigung haben.
Willkommen hinter dem Ersten Horizont. Ihr habt es geschafft, wenn ihr bis hierher gelesen habt.
Erster Horizont
Als ich soweit war …
… seiner Musik bewusst zuzuhören, war er bereits knapp zwei Jahre tot. Seine Ermordung heute vor 31 Jahren bekam ich zwar mit, dass wir zusammen saßen und Platten hörten von ihm und den Beatles, war aber erst später.
Neben vielen Solosongs, die man inzwischen und über die Jahre hinweg im Ohr hat, ist es einer der “frühen” Pilzköpfe, der mir immer zuerst einfällt. Als er entstand, war ich selber noch nicht einmal geboren …
Im Gedenken an den großartigen John Lennon, der vor 31 Jahren gehen musste, heute hinter der achten Tür – Norwegian Wood “This Bird has Flown)
Auch Partnerschaften …

... werden durch Türen getrennt und verbunden. Wunderbar ist, wenn sie sich öffnen. Dann begegnen sich zwei auf der Schwelle, die ihre Welten abgrenzt voneinander, wie sie sie auch verbindet.
Meist tut es weh, wenn sich die Türen wieder schließen. Zuerst gibt der Eine den Balanceakt auf der Schwelle auf, dann die Andere. Vielleicht auch umgekehrt. Es folgt der Rückzug. Dann steht wieder auf jeder Seite einer. Die Tür mag zuschlagen, im Knall hallt das Echo der Frage mit, wie es dazu kommen konnte. Immer auf dieselbe Weise. Wenn wir es nicht aktiv herbeigeführt haben, ist es dennoch zugelassen worden.
Hier gibt es keine guten Ratschläge. Die sind meist gutgemeint und das ist – Das Gegenteil von gut! Vielleicht nutzt dem Einen oder der Anderen die Aufforderung etwas, wachsam zu bleiben. Sich selbst gegenüber, dem anderen und der Beziehung. Und vor allem eines nicht zulassen: Dass das Wort unausgesprochen bleibt.
Fragen und Schweigen
Dein Schweigen
War nie eine Antwort.
Aber ich war zufrieden.
Sagtest du nichts,
Sagtest du auch nicht:
Ich gehe!
Als du fort warst,
Fehlten mir nicht nur deine Antworten,
Sondern auch meine Fragen.
Die ich nie gestellt hatte.
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Gehört nicht hinter Gitter …

… aber ist die Tür nicht schön? Die Nummer Vier.
An einem der vier Adventssonntage haben wir uns schon immer getroffen. Der Weihnachtsmarkt in Leipzig wollte besucht und unsicher gemacht werden. Erlebt haben wir in den Jahren vieles, Wetter von minus 15°C bis plus 10°C; tolle Atmosphäre; weniger tolle; volle Stände und – volle Menschen. Was heute, nachher passieren wird – keine Ahnung. Aber mal so ein bisschen als Resümee passt es ganz gut, den heutigen Blick hinter die vierte Tür und damit die des zweiten Advent zu verbinden mit einer weiteren Folge von “Thesen am Tresen” – gelegentliche Treffen mit John Barlaycorn. Heute eben: Weihnachtsmarkt.
Viel Spaß beim Zuhören und allen einen schönen. Zweiten Advent!
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Zeitzeichen – Grammatikalisch

Die Zukunft windet sich
Im Fragezeichen [?]
Gegenwart kennt nur das Siegel:
Jetzt [!]
Und unter die Vergangenheit
Mach einen. [Punkt.]
[Foto aus dem cc-flickr-stream von Stefan Baudy]
Messers Schneide
fabUliert
Das Jetzt balanciert nicht darauf – Es ist des Messers Schneide.
In der Klinge der Zeit schimmert auf der einen Seite der Mond des Vergangenen, auf der anderen die Sonne des Künftigen.
Der dünnste Stahl trennt am schärfsten: Je schmaler der Grat der Illusion, von dem aus wir die Wirklichkeit betrachten, desto einschneidender die Erfahrungen.
Das wirkliche Jetzt, das, was in diesem Moment schon wieder Vergangenheit ist, indem ich davon schreibe, lässt sich nicht fassen. Die Klinge ist so scharf, das sie durch unser Sein gleitet, ohne eine sichtbare Wunde zu hinterlassen. Sie graviert Spuren. Ihrer Natur nach sind das Erscheinungen, die man erst bemerkt, wenn sie hervorgetreten sind. Spuren folgen dem, der sie hinterließ.
Das Jetzt ist Schneide zwischen davor und danach. An ihr wird fortlaufend Vergangenheit von Gegenwart getrennt, an ihr werden die Zeiten verbunden. Wie bei einer heißen Klinge, die im Frost durch Eis schneidet. Sie dringt ein und verdampft die Zukunft, der Augenblick ist nur eine schmale, flüchtige Fahrrinne, die als Vergangenheit sofort wieder gefriert hinter dem, was gerade geschah.
Wenn wir auf der Flucht sind, rutschen wir aus auf dem Eis.
Ertrinken können wir nur im Jetzt, nur hier gibt es die Wasserscheide, in die man forttauchen kann aus der Vergänglichkeit.
Wir bleiben für immer, wie wir waren, als wir gingen.
Aber dann hat jede Bewegung aufgehört.
Flucht aus der Fahrrinne ist immer Illusion. Der Verstand hängt fest in Eiswüsten oder verdampft seine Energie, indem er sich vorstellt, wie es wäre, wenn die Zukunft schon jetzt – wäre. Er schleppt entweder Packeis hinter sich her oder vertreibt den Dampf direkt vor sich. Den Nebel werden wir nie durchdringen können.
Messerscheide zwischen zwei Monaten. Was mag die Zeit es interessieren, wie wir sie eingeteilt haben? Was war mit ihr, bevor der Mensch kam, einen Stock in die Erde steckte und zum Schatten sagte: So wie du wanderst, das ist das Vergehen der Zeit. Hat es den Schatten jemals interessiert?
Bewegt es den Oktober, dass er gestern noch September zu sein hatte?
Was interessiert es den Sommer, dass wir ihn schon lange Herbst nennen? Er tobt sich aus mit seinen alten Weibern und verschönt uns damit den Ausklang einer Jahreszeit, die viel zu wünschen übrig ließ in diesem Jahr von dem, was wir ihr zugetraut haben. Ausgleich? Findet immer statt. Macht für uns aber nur Sinn, wenn wir das auch so akzeptieren.
Was immer ihr – Feiert, was gerade ist!
Ob, was war, wahr war, wer weiß das schon genau, wenn die Schatten länger geworden sind? Und ob sein wird, was wir uns wünschen – Schaut einfach hin…
Was bleibt – Sommergewinn
Schwer zu glauben? – Der Herbstmonat ist da.
Für die Metereologen ist der Sommer vorbei, aber was glauben wir zu wissen? Die Altvorderen hatten nicht mehr gesunden Menschenverstand als wir, scheinen aber besseren Zugang dazu gehabt zu haben. Sie schauten einfach und gaben weiter, was sie sahen. Der Wandel hat Markierungen, wie die Tag- und Nachtgleiche.
Wir aber rechnen. Rechnen das Leben nicht aus, weil das in keine Funktion passt. Pressen es deshalb zwischen eckige und geschweifte Klammern.
Und ich? Gehe nur am Feldrain entlang hinunter zum See. Wollt ihr wissen, was ich gesehen und gehört habe?
Am Feldrand erzählt der Mohn
Den neuesten Klatsch.
Die unreifen Früchtchen wollen
Den Sommer verklagen.
Wegen Vernachlässigung.
Und extremem Verhalten.
Er lebte alles aus,
Was das Leben ihm eingab
An schizophrenen Wetterfantasien.
Stürzender Regen, gejagt von Temperaturexplosionen.
Da fehlte nur – Frost.
Aber wer weiß, was noch kommt?
Die Weiden trauern nicht wirklich
Zwischen Ufer und Tiefe.
Sie behüten den See.
Könnten wir doch nur sein Flüstern verstehen:
Wir haben einen Sommer verloren,
Doch etwas, das bleibt, gewinnt immer.
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Mal einfach so – Fabuliert.
Manchmal kommt man nicht zum Zug. Und das ist überhaupt nicht schlimm.
Zu der Geburtstagshineinfeier in der letzten Woche, sollte vielleicht auch etwas gelesen werden. Meinte das künftige Geburtstagskind im Vorfeld, falls Autoren da wären und sie einen Text parat hätten. Ich würde da sein. Aber was für einen Text sollte oder wollte ich bringen?
Was wäre, würde ich aus einem meiner Bücher lesen? Würde ich selber nicht so spannend finden. Was wäre, wenn ich von einem anderen was lese? Unspektakulär, befand ich.
Was wäre, wenn ich ohne Text hingehe und dann erstaunt tue: “Sag bloß, das hast du ernst gemeint…”
Nicht mein Stil.
Bei all den Überlegungen zum Thema, all diesen “What if?”s, wie es Neudeutsch heißt, fragte ich mich, was wohl wäre, wenn ich eine kurze Geschichte, eher ein paar Betrachtungen schreibe zu der Frage “Was wäre, wenn…”
Gedacht. Getan!
Zum Lesen kam es nicht am Freitagabend. Sauber gefaltet nahm ich meine Ausdrucke im Rucksack wieder mit nach Hause. Da lagen sie. Bis sie mir eben in die Hände fielen.
Zeilen sprechen eine eigene Sprache. Über das hinaus, was die Buchstaben, Worte und Sätze zu sagen imstande sind. Eine einmal geschriebene Geschichte möchte gelesen werden und/oder gehört.
Was also wäre, wenn ich die vor einer Woche in die Welt gesetzte Geschichte in meinem Blog veröffentliche?
Wie ich diese Frage beantwortet habe, seht ihr hier. Die kleine Geschichte What if? Und für die, die nicht lesen mögen, aber hören, spendiere ich das Audio gleich dazu.
Viel Vergnügen!
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What if?
Was wäre…? Halten wir für eine interessante Frage. Vielleicht für DIE Frage überhaupt. Unterbewusst sind wir schließlich einen großen Teil unserer Zeit damit beschäftigt, an Szenarien zu arbeiten, die versuchen, genau darauf eine Antwort zu geben: Was wäre wenn… Das Schöne ist, dass es sowohl für die Vergangenheit funktioniert, wie für die Zukunft. Erst recht für die Gegenwart, für das, was wir dafür halten. Das ist wirklich toll. Wir lieben die Vielfalt der Möglichkeiten. Ebenso wie die Einfalt der Frage. Wir lieben es, zumindest die meisten von uns, aus nummeriert 243 Gerichten beim Griechen wählen zu können, um uns schließlich immer wieder konsequent für die Nummer 17a zu entscheiden. Gyros mit Pommes und einem Klecks Tsatsiki.
„Aber bitte ohne Reis! Den mag ich als Deutscher nicht so.“
Die Frage, was wäre wenn… wir den Anflug von Mitleid im Lächeln der Bedienung als das gedeutet hätten, was es war, stellen wir uns nicht. Wir stellen uns die Fragen nicht, die wir nicht hören wollen, und wenn wir uns durch das Nichtstellen ein Bein stellen, stolpern wir schimpfend weiter und fragen uns, was wohl wäre, wenn wir dem, der uns da ins Straucheln brachte, mal ein paar aufs Maul geben würden. Wenn wir ihn ausfindig machen könnten. Aber im großen Spiegel um uns herum halten wir uns selbst immer für Andere. Und umgekehrt.
Das Holz brennt inzwischen nicht mehr unter dem Hintern, und ich weiß, was wäre, wenn das anders wäre: Lange hätte ich es nicht ausgehalten auf der Bank im Park. Und das wäre schade, nach diesem Sommer, der mich an seiner eigenen Existenz zweifeln lässt.
Gottseidank ist das Wasser in der Sportflasche im Rucksack kühl geblieben. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, was wäre, wenn ich wie früher so ganz ohne Getränk losgezogen wäre. Nicht auszudenken, wie habe ich das damals nur ausgehalten? Teilweise einen ganzen Tag lang ohne Trinken. Und dann wurden die Speicher gefüllt mit diesem klebrigen Zeug, das heute noch immer in allen Getränke- und Supermärkten steht und verkauft wird. Also wird es auch getrunken, ganz sicher. Viel zu dickflüssig ist es, als dass es den Durst stillen könnte, statt mit Wasser zur Verdünnung füllt es die Zellen mit Zucker und verklebt sie.
Was wäre, wenn die Menschen ihre Trinkgewohnheiten ändern? Würden dann zwei gewaltige Geldrotationsmaschinen der Gesellschaft ins Schleudern kommen, die Getränkeindustrie und das medizinische Zustandserhaltungssystem, das sich selbstverniedlichend Gesundheitswesen nennt?
Was wäre, wenn ich nicht auf Wasser pur umgestiegen wäre? Würde es mir dann schlechter gehen heute?
„Du bist so ein Arsch!“
In mir regt sich spontan Abwehr, mein Reptilienhirn versucht sofort, herauszufinden auf welche Seite der Kampf- oder Fluchtskala ich mich zu schlagen habe. Das Pärchen, herrgott, sind die süß, weil noch so jung, irgendwie noch pubertär, dürfen die denn überhaupt schon so als Pärchen, habe ich gar nicht bemerkt. Sie stehen halb im Schatten des Baumes am Wegesrand.
„So ein Arsch bist du“, wiederholt das Mädchen, „wirklich wahr.“
Sie meint ihn, nicht mich, und ich bin beruhigt.
„Das hat meine Mutter gleich gesagt“, setzt sie nach.
Und da ich so beruhigt bin, frage ich mich, was wäre, wenn wir nicht immer alles so von den Alten übernehmen würden? So unbesehen, weil wir in den Momenten, in denen die Übernahme geschieht, noch nicht sehen können. Die meisten lernen es ein ganzes Leben lang nicht.
Könnten die Beiden da, könnten wir alle oder ein Großteil von uns, unbeschwerter leben ohne die Erblasten der Generationen vor uns? Was wäre, wenn wir dieses Glück der Freiheit unserer Existenz wahrnehmen könnten und genießen? Die Freiheit dieses Glücks.
Sein Gesicht liegt im Schatten unter dem surfbrettgroßen Schirm seines Rappercaps. Was wäre, wenn ich ihm sagte, dass er bei weitem nicht so cool rüberkommt, wie die Typen, die er nachzumachen versucht mit seiner betonten Lässigkeit? Würde er sich schwarz ärgern, so schwarz, wie sie sind, diese Snoop Dogs und andere?
Es sieht nicht nach Friedenspfeife aus, wie er ihr eine Zigarette anbietet und dann Feuer gibt. Bevor er die Schachtel zusammenknautscht, wirft er einen Blick darauf.
„Pfft! Rauchen kann tödlich sein, Ihre EU-Minister. Als wenn mich das interessieren würde. Rauchste, stirbste, rauchste nicht, stirbste. Auch!“
Er lässt das Knüllzellophan neben mir in den Eimer fallen.
Wie recht du hast, mein Junge, denke ich, und, Anstand hast du ja wenigstens, andere hätten das Zeug einfach fallen lassen, wo sie gerade gehen und stehen.
Das Mädchen saugt an der Kippe, als gäbe es kein Morgen mehr, so, wie es ihm bestimmt gefallen würde, würde sie es woanders tun. Er schließt sich an, nach drei tiefen Zügen beginnt er auf den Weg zu rotzen. Ja, auch an das Rauchen muss man den Körper erst gewöhnen, wie an so vieles andere, was wir, nachdem wir die natürlichen Barrieren überwunden haben, so gerne tun.
Was wäre, wenn die gewichtigen Entscheidungsträger in der Politik diese Aufdrucke auf den Nikotinschachteln nicht durchgesetzt hätten? Würden dann noch mehr an den Primär- und Sekundärfolgen des blauen Dunstes erkranken und sterben?
Inzwischen sind sie ein Stück weitergegangen, und siehe da, vielleicht war es doch eine Friedenspfeife, sie bleiben noch einmal stehen, in der prallen Sonne jetzt, und küssen sich so intensiv, wie sie vorher an den Kippen gesogen haben. Die qualmen derweil weiter zwischen den Fingern, in den Händen, die beim anderen auf dem Rücken liegen. Seine wandert langsam abwärts zu ihrem Hintern, weltvergessen, als wären sie in dem Park mutterseelenallein. Knackig sieht es aus, wohin seine Finger meinen Blick mit sich ziehen, aber doch schon mit einer Andeutung von Größe. Sie wird aufpassen müssen, wenn sie dem Teeniealter entwächst, dass sie nicht für alle Orte, an denen sie sitzen möchte, einen Doppelplatz buchen muss.
Als ihre Zungen sich lösen, spuckt er noch einmal zünftig aus wie sich das gehört, und Hand in Hand setzen sie ihren Weg fort, Rauchzeichen hinter sich her ziehend für alle, die sie lesen können. Seht, wir sind ein Paar!
Was wäre, wenn es keinen Streit in Beziehungen gäbe? Müssten wir dann auch auf Versöhnungen verzichten? Wie langweilig wäre das!
Endlich hole ich mein Buch aus dem Rucksack und schlage es auf. Was wäre, wenn ich mich nicht wieder ablenken lassen hätte, weiß ich genau. Ich wäre schon ein ganzes Stück weiter im Text.
Mhm. Dabei ist es wirklich spannend! Paul Cleave habe ich erst vor kurzem entdeckt, und auch, wenn er mit seinen Thrillern nicht unbedingt meinen Genrenagel auf den Kopf trifft, auch, wenn sein Stil im ersten Moment etwas Gewöhnung braucht, wie er so in der Ich-Form fabuliert und im Präsens durch die Geschichte geht, spricht er mich an. Nach dem ersten Buch mochte ich ihn, inzwischen, nach dem dritten, finde ich ihn toll.
Endlich gelingt es mir, in die Welt von Christchurch, der Stadt am Abgrund in Neuseeland einzutauchen. Hammerhart, wie da dem Protagonisten mit einer Werkzeugzange der Hoden zerquetscht…
Was wäre, wenn mir das passieren…
„Hallo!“ sagt Ela und gibt mir einen ihrer feuchten Küsse auf die unrasierte Wange. Für einen Moment frage ich mich, was wäre, wenn sie meinen Gedankengang nicht unterbrochen hätte. Wohin wäre ich gelangt mit den Überlegungen?
Sie rückt ein Stück ab, nimmt mich genauer in Augenschein. Vielleicht wirke ich gerade, als würde ich aufwachen. Als ich sie einweihen will, um sie zu fragen, was sie darüber denkt, was wohl wäre, wenn…
Kommt sie mir zuvor und fragt: „Was ist?“
Ich runzele die Stirn. „Was ist? Keine Ahnung, was ist! Aber kannst du dir vorstellen, was wäre, wenn…“
Sie küsst mich. Und ich weiß, was ist. In diesem Moment. In diesem Moment weiß ich, dass manchmal gut ist, was ist.
Mehr zu Texten von mir und wie ihr an die herankommt, erfahrt ihr auf meiner Seite Bücher[!] hier im Blog.
Ich glaube nicht, ich weiß. Ich spinne!
Fabulieren – Sich in der Fabel verlieren.
Die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit ist nicht einmal so dünn, wie sie fließend ist. Dass wir sie überquert haben, merken wir oft erst danach. Und doch bleibt auf jeder Seite immer die Frage:
Was ist denn nun was?
Träume ich oder wache ich und kann ich im Traum wissen, dass ich träume und im Wachsein wahrnehmen, dass ich nicht schlafe?
Ich weiß nicht. Ist nicht alles eine Frage der Perspektive?
Auf der anderen Seite der Brücke liegt das Ufer im Nebel. Verbirgt sich darin die Fiktion, die ich erkennen kann, wenn ich mich weit genug herauslehne aus dem Vehikel des Fakts? Finde ich den Fakt durch Fiktion durch Fakten durch Fantasie?
Eine Spinne webt ein Netz in der Wirklichkeit des Fensterkreuzes, dann verbindet ein Kunstwerk das Licht von draußen mit der Dunkelheit im Innern. Und trennt sie. Es kommt auf den Punkt an, auf dem wir stehen, was wir als welches erkennen.
Spinnen haben Netze, haben gelernt, dass es die Verknüpfungen sind, die Überleben garantieren.
Menschen folgen ihren einzelnen Fäden. Wo sie sich verknoten, fürchten sie Verstrickungen, ohne die sie nicht auskommen. Verstrickungsspiel, das menschliche Drama.
Wenn ein altes Netz reißt, spinnt die Spinne neu. Nicht nur ihre Beute verfängt sich darin, auch sie. Im Zentrum all ihrer Netze ruht immer die Kunst selber.
Fabulieren ist auch spinnen: Netze und anderes Versponnenes. Ohne zu Spinnen gibt es auch für Menschen kein Netz. Wir müssen uns gegenseitig fangen. Und gefangen nehmen. Lassen.
Bewegen sich unsere Netze, bewegen auch wir uns, und von unserem Bewegtsein läuft ein Zittern durch die Fäden im Sonnenlicht.
Die Menschen glauben, Wirklichkeit ist das, worin die meisten übereinstimmen. Schließt man sich Sichtweisen an, um dazuzugehören, lässt man sich anektieren.
Lass dir nicht erzählen, deine Wirklichkeit wäre, nur weil sie kein anderer außer dir erkennen kann, nicht fabelhaft!
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