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Schizophren oder Provokation

SchizophrenDie gesplitterte Linse im Fokus meiner Aufmerksamkeit bietet Möglichkeiten: Wenn ich den zerstörten Schliff des Glases als Neuschöpfung ansehe, als Kaleidoskop, offenbart sich mir nicht nur eine neue Perspektive, sondern mehrere. Jeder einzelne Splitter – Ein Kristall für sich, der in seiner unverwechselbaren Eigenart funkelt.

Ausgestreckt auf dem Rücken, den Geruch des frischen Grases in der Nase, ist das Himmelblau an diesem 1. Mai immer nur ein Blinzeln entfernt. Manchmal ist der Rückenkontakt mit der Erde wie das Schweben zwischen einem Abgrund, den man nicht kennenlernen möchte, und dem unbekannten Gipfel, der in den Himmel ragt. Ich frage mich tausend Fragen und würde als Antwort einfach von mir geben, was ich sehe.
Antwort von mir geben. Etwas von mir schwingt darin, ohne dass ich es verliere in diesem Weg-geben. Einen Weg geben. Mir selber.
Was ich sehe, ist eher gar nicht zu beschreiben, als einfach nur schwer. Auf dem Gesicht fühle ich das Muster aus Licht, das dieses strahlende Spinnennetz darauf wirft, im Zerbrochensein ist die an sich nur leicht gewölbte Linse vielfach dreidimensional.
Wie viele Dimensionen gibt es, und welche offenbart sich mir? Welcher offenbare ich mich?
Meine Gedanken zum 1. Mai sind sicherlich nicht korrekt in der Betrachtung von Leuten, die darauf stehen – Was immer Korrektheit auch bedeuten mag. Sie, meine Gedanken, sind ebenso schizophren wie das beobachtbare Verhalten um mich herum.

Die Einen wollen wieder marschieren, die Anderen demonstrieren dagegen. Gerichte werden bemüht, das Eine zu erlauben, das Andere zu verbieten. Die Tradition, der die Einen zu entstammen behaupten, hat vor Jahrzehnten verfügt, dass an diesem Tag das Eine wie das Andere geschehen kann: Marschieren und Demonstrieren.
Durch meine zerbrochene Linse der Wahrnehmung geschaut, haben in dem einen Splitter die Einen Knickköpfe und die Anderen lange Nasen. Der dritte Splitter beschert mir ein Knäuel aus Fragezeichen.
Ich würde gerne Antworten haben, wenigstens für mich. Mag sein, dass ich zur Erfüllung dieses Wunsches nicht die richtigen Fragen stelle.
Vielleicht sind Fragen- auch Fallen-Steller? So hänge ich in meinen eigenen Schlingen.
Wo jeder glaubt, SEINE Wahrheit wäre die EINE Wahrheit, macht die Wirklichkeit Striche durch alle Rechnungen.

Gestern hing ich zwischen Abgrund und Gipfel und habe die Sonne genossen. Unter einem Kreuz, das der allgemeinen Lesart nach nichts mit diesem Tag zu tun hat. Und doch haben am Morgen die Glocken der Kirche vor unserem Balkon geläutet, als wäre es ein kirchlicher Feiertag – Die Möglichkeiten ringsum scheinen so verblüffend unbegrenzt, weil alles Sichtbare nicht durch klare Linsen wahrgenommen werden kann, sondern nur durch Splitter.
Auf dem aufstrebenden Balken steht das Ihm zugeschriebene Zitat: „Ich bin der Weg“. Ist er auf diesem Weg hängen geblieben, oder sind es die Menschen, weil sie sich als Zeichen der Verbundenheit mit Ihm das Symbol seines Todes gewählt haben, statt das der Auferstehung?
Meine Fragen scheinen so schizophren wie das, was ich beobachten kann um mich herum. Ein Kaleidoskop ist schon eine seltsame Angelegenheit, bietet der Linse gegenüber aber den Vorteil der Vielfalt. Schließlich hat die Linse nur einen Brennpunkt, was dabei trösten kann, dass mir der Blick durch einen Wahrnehmungssplitter im selben Moment einen weiteren durch die anderen verwehrt.

Nach einem nicht kanonisierten Evangelium (dt: gute Nachricht) hat Er gesagt: „Ich bin gekommen, ein Feuer auf die Welt zu werfen“
Wenn Leben nicht Provokation ist und die Suche nach angemessener Antwort darauf, dann ist es die Suche nach der Antwort – auf Lethargie.

Suche sein

Suche sein
Der Weg kann Suche sein
Oder sich finden lassen.
Parallele Spuren führen hinter Horizonten
Zueinander. Ineinander.
Was du sagst,
Hast du vorher vielleicht nie gehört:
Du entdeckst die Welt
Im Tätig-Sein.
Was du hörst,
Kannst du vielleicht nicht wiederholen:
Begreifen kommt durch Verinnerlichen.
Was sich dir schweigend anvertraut,
Worüber du Schweigen bewahrst,
Ist das, was bleibt.
Im innersten Kern
Ist jeder Samen hohl.
Wenn die Welt dem Nichts entstammt,
Wie könnte die Rückkehr dann
Keine Wiedergeburt sein?

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Keine Meditation

Keine Meditation
Die Freiheit liegt in Lücken.
Zwischen den Gedanken.
Blicke im Vorbeihuschen
Von Gitterstäben,
Die Schatten werfen.
Auf unseren Gesichtssinn.
Gefangensein in dieser Weise
Ist das Festhalten.
An dem, wovon wir behaupten:
Es lässt uns.
Nicht los.

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Dem Gedanken-Gang …

Gedanken-Gang
… den Stuhl vor die Tür gestellt.
Bilder und Stille
Nehmen ihre Wanderung auf.
Erinnerungen an eine Zukunft,
Die Wirklichkeit wurde.
Wer anhalten will,
Muss mehr tun als Schweigen.
Oder weniger als Nicht-Reden?
Wenn wir keine Antworten haben,
Erfinden wir neue Fragen.
Aber in Bewegung bleiben,
Heißt gerade nicht
Im Kreis zu tanzen.

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Murmelbunt

Murmelbunt
Vielleicht tue ich dir Unrecht,
Indem ich dir Recht gebe.
Vielleicht liegst du falsch?
Wie man sich bettet,
So lügt man.
Verkrampfte Gliedmaßen werden ausgehalten
Durch Schonhaltungen.
Wir geben nicht nach,
Sondern geben vor:
Das, was auch immer,
Aushalten zu können.
Der natürliche Reiz
Liegt im Reiz des Natürlichen.
Wir aber sind abgestumpft in der Reizflut
Einer murmelbunten Kunstwelt.
Und glauben erkannt zu haben:
Zu viel Sauerstoff verwirrt den Geist,
Der trunken ist vom Spiritus
Immer wieder neuer Ersatzbefriedigungen.

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Self Made

Self Made
Menschen, die nicht mit-
Sondern nebeneinander leben.
Vögel werden stumm
In goldenen Käfigen.
Kein Gitterstab ist jemals wirklich
Aus Edelmetall gewesen.
Entfernungen auf dem Globus
Machen nicht einsam.
Es ist innere Distanz vom Selbst,
Die uns Lähmung vorgaukelt
Und Machtlosigkeit.
Dabei können wir fliegen!
Wenn wir wollen
Und die Unwirklichkeit erkennen
Aller selbstgebauter Käfige.

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Es geht um (noch) mehr …

Uploaded on Razzi.me… bei dem von mir selbstverfassten Worten.

Manch einer stellt vielleicht Fragen, die einem anderen gar nicht erst in den Sinn kommen. In welcher Verfassung befinden Worte sich nach dem Verfassen und ergeht es ihnen in den Ketten der Zeilen und Absätze besser als bei Soloauftritten, bei denen sie in Duden und Lexika nur selten eines vermögen: Über sich selbst hinausweisen?

Macht erst die Gemeinschaft stark oder ist das Teilen dort nicht immer ein Gewinn?

Man könnte das philosophisch betrachten. Man könnte meinen, die Zeilen in diesem Blogpost sind philosophische Betrachtungen. Dem Philosophen erscheint wahrscheinlich alles philosophisch, dem Nichtphilosophen ist wohl eher nichts mit der Liebe zur Weisheit ausgestattet. Das Auge des Betrachters: Der einzig wahre Blickwinkel für den, der blickt. Wir haben nichts weiter als das und die Möglichkeit, darauf zu verweisen. Dabei ist ein Fingerzeig keine Handlung, sondern eine Einladung. Schau doch mal! Nicht mit anderen Augen, aber unter einem anderen Blickwinkel.

Die nachstehenden zwei Kurzgeschichten sind einer größeren Sammlung entnommen und wurden als Einzelstücke im Kindle-Format auf der Plattform von Amazon zur Verfügung gestellt. Auch sie sind Einladungen: Sich mit dem Wort, wie ich es nutze, vertraut zu machen, um meine Welt zu entdecken.

Meine Frau geht fremd

Die Geschichte öffnet und schließt sich mit dem einen Satz. Doch ist das ein Kreislauf? Und was bringt die Sache ans laufen?
“Meine Frau geht fremd” zeigt, dass nicht nur Männer mit ihren Eroberungen hausieren gehen, dass Frauen von ihren nicht nur den besten Freundinnen erzählen und von den erstaunlichen Entdeckungen, die man davor, dabei und – danach machen kann.

In “Meine Frau geht fremd” nehmen wir teil an einem Abendessen, das wie eine Liebesnacht zelebriert wird und dürfen dann Voyeur sein bei einer Liebesnacht, die einem Festessen gleicht. Und es gibt einen Morgen danach.
Wir erleben eine Geschichte mit erotischen Momenten. Und viel mehr …

Der Anfang der Geschichte:
Die Nummer auf dem Display kenne ich auswendig und drücke auf die Lautsprechertaste. Bevor ich etwas sagen kann, platzt Dela heraus:
„Ich habe mir gedacht, ich brauche mal wieder etwas Sex!“
„Was?“ frage ich, nachdem ich den Hörer vom Apparat gerissen habe, damit der Lautsprecher verstummt. Er poltert auf die Schreibtischplatte.
„Fall nicht gleich in Ohnmacht!“ sagt sie. „Ich habe mir das gedacht, und mich deswegen mit diesem Typen getroffen.“
Ich frage sie, welchen Typen sie meint.
„Ach, habe ich ihn nicht erwähnt? Trotzdem, ich muss dir das erzählen.“
Ich mag Dela, ganz ehrlich. Auch nachdem, was zwischen uns alles passiert ist und dem, was alles nicht passiert ist. Sie ist ein lieber Kerl, und inzwischen haben wir in Ermangelung von zu stehlenden Pferden, die mitten in der City eher selten anzutreffen sind, das ein oder andere Glas zusammen geleert, und wenn es nichts zu feiern gab, wirklich und wahrhaftig nicht, haben wir auf uns angestoßen. Immer mal wieder.
Ob ich mir allerdings ihre Beischlafgeschichte anhören möchte, da habe ich so meine Zweifel.
„Hör mal“, sage ich, „das ist wohl kaum der richtige …“
„Natürlich nicht am Telefon“, sagt sie, und klingt ein wenig entrüstet. „Lass uns heute Abend treffen. Gleicher Ort wie immer?“
Nein! Will ich sagen. Und halte den Mund. Ich habe ein Date, und es passt mir nicht, es absagen zu müssen. Warum sollte ich das tun? Und warum sollte ich Dela davon erzählen? Sicher kann sie mit ihrem Bericht warten, bis auch ich meinen Spaß gehabt habe. Dann brauche ich nicht nur zuhören, sondern wir können uns austauschen.
Aber ich sage nichts.
Dela ist wie eine dieser Naturgewalten, die machtvoll ist durch ihre Stetigkeit. Kein Sturm, der über die Wellen daher gebraust kommt, sondern verborgene Strömung, die unter friedlich glitzernden und verträumt wogenden Wellen lauert. Und dich schnappt, wenn du es am wenigsten erwartest. Du genießt vielleicht gerade noch den rot heraufziehenden Morgen am Horizont, und plötzlich ist es Nacht um dich herum.
„Weißt du, heute …“, starte ich einen weiteren Versuch, aber sie bleibt die Schnellere.
„Also um Acht“, sagt sie. „Und ich bin ja auch dran mit Zahlen, du kannst ein Glück haben!“
Ich komme nicht dazu, ihr zu sagen, dass bereits die letzten beiden Treffen auf ihre Kosten gingen. …

“Meine Frau geht fremd” – Ist mehr als nur der Titel der Geschichte. Es ist auch: Der letzte Satz.
Aber – Wie kommt es dazu?

Die Schneeballblüte

Die Sinnlosigkeit einer Uhr an einem Ort, an dem Zeit nicht mehr existiert.
Was treibt mich an einem Sonntag dorthin?
An einem Wintertag in einem Winter, der so recht keiner ist. Mehr grau als klar sind die Tage. Aber ich kann mich nicht wehren. Dass ich das Bild am Abend vorher entdeckt habe, treibt mich voran. Ohne zu wissen, was mich erwartet, ohne zu ahnen, wem ich begegne.
Den Rand des Grabes, vor dem ich in einer viel zu früh in den Tag fließenden Dunkelheit stehe, schmücken winterfeste Blüten. Schneeballblüten.
Und in einer Tanne sitzt eine Krähe. Als wäre sie eine verbündete des Ortes…

Auszug:

“…Nichts als die Kulisse des Ortes; und die Dunkelheit, die weiter zugenommenen hat, die vom Rand einer mit Bäumen umsäumten Fläche zu mir zu kriechen scheint. Eine Nebelbank aus Schatten, die wie zerlaufende Tinte über das Feld der Vergänglichkeit kriechen. Um die Rillen und Furchen in der Erde zu füllen, sie dem Boden gleichzumachen, und dann aufzusteigen. Wie Nebel, der auf dunklen Wassern schwebt, um ein Schiff zu geleiten.
Das Scheppern ist lange verklungen, als ich immer noch stehe und lausche. Stille. Und schaue. Anschwellende Schatten.
Im Augenwinkel eine wischende Bewegung. Hinter den Büschen an der Pforte verschwindet jemand. Verschwindet hinter den Büschen an der Pforte jemand? Sie sind kahl, die Zweige. Trotzdem. Ich kann nicht hindurchsehen. Knirschen die Angeln der Pforte ihr ölloses, zahnschmerzhaftes Knirschen? Fällt kalt das Eisen der Gittertür in den geschmiedeten Rahmen? Dreht sich ein Schlüssel?
Dafür ist es zu früh, entscheide ich. Ich bin rechtzeitig losgefahren, rechtzeitig hier gewesen.
Meine Füße werden taub, selbst durch die dicken Sohlen kriecht die Kälte des Bodens. Es kann nicht mehr weit sein. Es ist nie weit, wenn man sich erst einmal entschlossen hat zu gehen. Und es dauert immer zu lange…”

Hier gibt es den Link zu den beiden Geschichten über meine Amazon-Autorenseite.

Luft scheppert

Verfallende Sitte:
Die Verbindlichkeit.
Rücktrittsoptionen ebnen den Grund ein,
Das Wort zu halten und zu bewahren.
Statt tief, denkt und handelt man flach.
Sie verlangen Recht ohne Pflicht.
Statt selbstbestimmter Zufriedenheit,
Genügt der Rausch kurzer Befriedigung.
Morgen gibt es das Nächste
Vor dem man sich drücken kann.
Zusammen mit der nächsten Grundlosigkeit
Sich die Mäuler zu zerreißen.
Wo die Luft scheppert,
Wird der Geist mundtot geredet
Durch zu viel Gerede.

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Investition ohne Lohn

Investition ohne Lohn
Ich weiß nicht
Was sich lohnt.
Dinge, für die es Lohn gibt.
Lohnt sich:
Mitgefühl?
Aufmerksamkeit?
Zufriedenheit?
Was ist mit Liebe?
Bekommt man dafür etwas wieder?
Und – lohnt sich das?
Kaum, wenn man für das,
Was man dafür hält,
Sich nicht selbst findet.
Darum gehen viele leer aus.
Liebe ist keine Investition.
Sondern das Geschenk,
Das man sich selbst macht.

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Es geht um mehr …

Haftnotizen… als 447 Seiten, um mehr als “nur” den Roman »Lea geht«.
Bevor es dazu kam, waren es die Zeilensammlungen, die nicht unbedingt kleiner waren im Sinn von weniger. Sie waren kürzer. Wie der Name schon sagt: Kurzgeschichten.
Um sie geht es weiter und immer noch, um sie wird es weiterhin gehen. Sympathische, kleine Texte zum Zeitvertreib, gern auch mit einem Aha-Effekt. Oder zweien, vielleicht auch dreien. Eurem Staunen könnt nur ihr selbst eine Grenze setzen.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte ich mit der Nummer 1-Kurzgeschichte »Haftnotizen« eine Story im Amazon-Kindleshop, die von Toni erzählt. Toni findet sich nach einem missglückten Banküberfall im Knast wieder, und das im Grunde nur, weil er eine Haftnotiz am Kühlschrank nicht gelesen hatte, die ihm seine Freundin dort angeheftet hat.

Leseprobe

„Unsere Regeln sind ganz einfach“, sagte Meerbrand und verschränkte die Hände auf dem Rücken.
Wie ein Ausbilder beim Drill hatte er die Füße leicht auseinander gestellt. Das von hinten durchs Fenster einfallende Licht warf den langen Schatten des Gefängnisdirektors zwischen Schreibtisch und den Stuhl, auf dem der Häftling Platz genommen hatte. Meerbrands Anzug, hervorragend geschnittene Maßkonfektion, nahm der Pose nicht nur die gewünschte Wirkung, sondern machte sie lächerlich. Doch der Leiter der JVA Steckabach liebte Auftritte und arrangierte die persönlichen Treffen mit seinen Schützlingen im Allerheiligsten wie ein kleines Bühnenspiel. Das Westfenster hinter dem Mann war so blank geputzt, als würde es seit seinem Dienstantritt keinen Regen mehr geben über dem kleinen Ort, dessen wichtigster Wirtschaftsfaktor der Knast war. Von der schrägstehenden Sonne wurde sein geringer Körperwuchs genau so kaschiert, wie er es wünschte.

Toni starrte von seinem Stuhl hinauf zu Meerbrand und staunte, wie stark die Effekthascherei wirkte. Hatte er nicht genug erlebt in den vergangenen vier Jahren, um von diesen Psychospielchen unbeeindruckt zu bleiben?
„Sie sind sogar so einfach“, fuhr der Direktor fort, „dass es einfacher nicht geht. Stimmen Sie mir zu, Herr Anton?“
Herr Anton.
Früher wäre auch diese Anrede ein Indiz dafür gewesen, dass seine Zeit als Nummer im Häftlingsoverall zu Ende ging. Aber Meerbrand sprach immer jeden mit ausgesuchter Höflichkeit an, und manchmal glaubte Toni, darin mehr Verachtung zu entdecken, als in dem Gebrüll des alten Direktors, der vor einem halben Jahr vorzeitig in den Ruhestand geschickt worden war.
Toni nickte.
„Gut!“ Es schien, als würde Meerbrand sich wirklich über die Reaktion des Mannes freuen, der da vor ihm hockte. So ganz unmännlich, die Füße und Knie dicht beieinander. „Und nun noch einmal zur letzten Erinnerung, Herr Anton. Um was für Regeln handelt es sich?“
„Sie sagen, was wir tun sollen, und wir tun es.“
Wieder wunderte Toni sich: Wie selbstverständlich diese Parole ihm über die Lippen gekommen war. Ohne Verzögerung, ohne Nachdenken. Dem Reiz folgte unmittelbar die Reaktion, wie bei den Hunden dieses Russen: Sie fingen an zu geifern, sobald die Glocke schellte.
„Ansonsten“, wurde Meerbrands Stimme eindringlich, „passiert was?“
Toni sah auf die Kante der Schreibtischplatte vor sich, an der eine Unregelmäßigkeit in der Maserung wirkte, als würde dem Furnier eine Nase wachsen.
„Sie werden Ihrem Namen Ehre machen“, sagte er.
Meerbrand beugte sich leicht vor, eine Hand hinter dem Ohr. „Ja?“
„Sie werden uns zeigen“, hob Toni den Blick, konnte das Gesicht des Mannes am Fenster aber kaum erkennen, „wie um uns herum das Meer brennt.“
Meerbrand öffnete sein Sakko und ließ sich auf den Fenstersims nieder, der breit war wie eine Bank. Zum Feierabend war es still im Bürotrakt der Gefängnisverwaltung geworden, die Zimmer lagen verlassen bis zum nächsten Morgen. Doch auch wenn nur von dort Geräusche herüberklangen, wo in den Quergebäuden die Häftlinge in ihren Zellen saßen, wusste Toni, dass ganz in der Nähe Sicherheitskräfte über den Direktor wachten. Er konnte sie spüren. Andere sagten, sie könnten sie riechen. Bei ihm war es eine körperliche Präsenz, als säße ihm tatsächlich etwas im Nacken.
Im Schweigen der beiden Männer schien die Zeit zäh zu werden. Statt als stete Tropfen, die langsam unser Dasein aushöhlen, stellte Toni sie sich vor wie den Sirup, den sie hier oft anstelle von Marmelade bekamen. Als Faden hing er vom Löffel und breitete sich dunkel, süß und klebrig auf der Brotscheibe aus. In den Jahren hier hatte Toni gelernt, sie in jeder Erscheinungsform willkommen zu heißen, Hauptsache sie verging. Die Zeit.
„Wie sind Sie hierhergekommen, Herr Anton?“ fragte Meerbrand, als es seiner Meinung nach lange genug still geblieben war.
Toni schluckte die Antwort Mit dem Knastbus herunter. Der Neue, wie er immer noch hieß, konnte das Meer brennen lassen, das aber ganz ohne Humor.
„Eine Haftnotiz hat mich in den Knast gebracht“, sagte er.
Meerbrand drehte den Kopf etwas, und Toni konnte sehen, wie er die Brauen gehoben hatte.
„Eine blöde, kleine Notiz mit Klebestreifen“, fuhr er fort, als der Direktor nichts sagte, „ein gelbes Quadrat, das am Kühlschrank klebte. Drei Worte, die ich – nicht gelesen habe.“
Der teure Anzug raschelte, als Meerbrand eine auffordernde Geste machte und dann die Arme wieder vor der Brust verschränkte.
„Erzählen Sie!“

Der Morgen begann wie jeder andere. Weniger brach der Tag an, als vielmehr die Nacht ab. Toni schwang die Beine aus dem Bett, stieß sich einmal mehr den Knöchel auf dem Boden und fluchte unterdrückt. Regelmäßig dachte er nicht daran, wenn er bei Karen schlief, dass das Futonbett dem Boden näher war, als seines Zuhause. Einen Moment lauschte er nach innen, dann in die Wohnung. Nirgends etwas zu hören. Karen war längst fort zur Arbeit und bevor er in Schwung kam, würde es eine kalte Dusche brauchen, ein oder zwei Schalen Müsli und wenigstens einen Packen Orangensaft.
Mit nassem Haar, das Handtuch um die Hüfte geschwungen, ging er zehn Minuten später vom Bad aus direkt zum Kühlschrank. Die post-it-Notiz an der weißen Tür sah er nicht direkt an. Seit es damals begonnen hatte in der Schule mit dem Lesen- und Schreibenlernen, näherte er sich Schriftstücken immer auf die gleiche passive Weise. Er streifte den Schatten mit einem kurzen Blick, den der an drei Seiten abstehende Zettel auf die weiße Oberfläche der Tür warf. Stellte fest, dass keine Zahlen darauf vermerkt waren, kein Termin also, keine Erinnerung an eine Uhrzeit, die er nicht verpassen durfte.
Gott sei Dank, dachte er, und stufte es als nicht wichtig ein.
Zwischen seinen Zähnen krachte das Müsli, wie der Schutt des eingerissenen Gebäudes gegenüber in der Mahlmaschine, die die größten Stücken zerbrach und transportfertig machte. Eine Weile sah er dem Treiben der Zerstörung zu, das eine Lücke in die Häuserzeile riss, als würde ein Zahn ausgeschlagen aus einem ansonsten festen Gebiss.
Gegen Mittag war er soweit, schnappte die Sporttasche, schwang sich aufs Fahrrad und fuhr zum Training. Und zur letzten Lagebesprechung vor dem Einsatz. Es konnte nichts schiefgehen, nie war ein Ding todsicherer gewesen als das, was sein Kumpel Benno und dessen Bruder ausbaldowert hatten. Und Toni trug das geringste Risiko. Er musste nicht einmal mit in den Laden, musste keine Waffe anfassen, keinen Menschen bedrohen. Der sicherste Job bei dem Coup war seiner, er fuhr den Wagen. Und es würde sich in einem Maß lohnen, dass es danach kein weiteres Mal zu geben brauchte.
…”

Soweit der Auszug aus der Kurzgeschichte. Komplett kann sie per Download geordert werden über diesen Link zum Amazon-Kindleshop. Und dann kann es auch gleich losgehen mit lesen.

Wer es gern so episch mag, wie der Roman angelegt ist, findet hier alles über »Lea geht«.