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Der erste Tod | Zum Gedenken

Meine einzige Reaktion, als meine Mutter still weinend neben mir auf der Liege saß, war- Keine Reaktion. Mit einem schrägen Seitenblick auf das gelbliche Papier des Telegramms, die Ellenbogen auf den Knien, den Kopf auf die ineinander verschlungenen Hände gestützt, hockte ich da; und wusste nicht, was ich denken sollte.
Weiß es heute immer noch nicht.
Das Leben geht weiter? Ha, Scheißdreck! Es gibt keinen Trost dafür.
Ob ich die Worte in dem kurzen Text gelesen habe, ist mir auch noch immer nicht bewusst. Erfasst habe ich sie jedenfalls nicht. Weil das, was sie zu sagen hatten, nicht zu fassen ist.
Vor dem Fenster des  Zimmers, das ich bisher mit meinem Bruder geteilt hatte, war es längst dunkel geworden. Aber das gehörte ebenso zur Unwirklichkeit, wie alles andere an dem Tag und an den folgenden.
Er würde nicht mehr nach Hause gekommen. Nicht, weil er sich dazu entschlossen hatte. Er würde es nie mehr können.
Ob es den Toten ein Trost ist, dass sie sich spätestens mit ihrem Fortgang einen ewigen Platz in unserem Gedenken, wenn nicht sogar in unseren Herzen erobert haben? Mich tröstet es nicht, denn auch 29 Jahre danach schmerzt die Erinnerung immer noch.
Es ist die scheinbare Sinnlosigkeit, die mich fassungslos macht.
Längst habe ich begriffen, das jeder Anfang sein eigenes Ende gebiert. Jedes Leben seinen eigenen Tod. Er ist es, der am Ende eines sich wie lang auch immer hinziehenden Weges wartet. Begriffen habe ich es also nur im Kopf. Und nach fast drei Jahrzehnten komme ich zu dem Schluss, dass es ein weiterführendes Begreifen nicht geben wird. Nicht auf dieser Ebene.
Es sei denn, man betrachtet Leben als eine mechanische Funktion. Dann ist Geburt das Einschalten der Maschine Mensch, der Tod ist das Außerdienststellen. Mein Gefühl sagt mir aber, dass das Leben ein anderes Gewicht hat, als ihm diese oberflächliche Erklärung zugesteht. Es wiegt schwerer, so schwer, dass sein Geheimnis mit keiner Technik dieser Welt zu heben ist. Und dabei lässt uns seine Leichtigkeit zugleich schweben. Dahin, woher wir kamen? Wenn wir von irgendwoher kamen…

 

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