Wie ein einzelnes Auge ohne Gesicht schaut das Bild vom Beifahrersitz herauf. Der dunkle Plastikrand wirkt wie zu dick aufgetragener Lidschatten. Genaugenommen sind es vier Blicke, fragende Blicke, die versucht haben, dem Fotografen durch das Objektiv ins Auge zu sehen. Jetzt verfolgen sie mich, egal wie ich den Kopf halte.
Die Landstraße zur Autobahn ist sonntagsleer, der Verkehrsfunk meldet die Strecke frei. Weit weg hinter Wolkenschleiern kämpft die Sonne. Es sieht nicht so aus, als könnte sie heute gewinnen.
Hinter der geschwungenen Einladung der Auffahrt drückt mich die Beschleunigung in die Wärme der Sitzheizung. Ins Seitenpolster gelehnt, beobachte ich im Rückspiegel die hinter mir davon fließenden engen Spuren der Baustelle.
Umhüllt von einem Kokon aus Musik, gleite ich mit dem Wagen dahin, und kann so meine eigenen Gedanken überhören.
Das Bildauge zwinkert mir zu, als ein Lichtreflex darüber zuckt.
Heute hatte ich den Morgen spät werden lassen, hatte mich nur zu gern immer wieder dem Sog meiner halbwachen Träume ergeben, der mich in die Welt auf der anderen Seite des Schlafs zog. Dass wir geschlafen haben, fühlen wir manchmal ebenso wenig, wie wir wissen, dass wir wach sind. Aber auch an einem Sonntag ist es schließlich einmal soweit. Es heißt aufstehen. Und wenn man glaubt, sich auf nichts freuen zu können, ist da immer noch der Kaffee. Ich mag ihn, direkt in einer Schale aufgebrüht, wie sie die Franzosen benutzen für ihren café au lait.
Irgendwann war der Laptop hochgefahren und- schwieg mich an. Brachte keinen Output, weil ich ihm nichts gab, was er hätte sagen können. Es waren genug Notizen zu ordnen, also versuchte ich einmal mehr, System da hinein zu bringen. Wiederholte Blicke ins Textprogramm zeigten immer dasselbe. Die Seite war leer bis auf den erwartungsvoll zwinkernden Cursor in der linken oberen Ecke. Ausdauer hatte er, alle Achtung! Im Gegensatz zu mir, dem langsam die Geduld fehlte.
Was hatte ich nur, es war Sonntag!
Ein paar Atemzüge am offenen Fenster würden sicherlich helfen. Feucht und dick war die Winterluft, als könnte man im Hof kleine Stücke davon herausschneiden; dem Wetterbericht nach war es für die Jahreszeit zu warm. Blattlos schaute der vor einem halben Jahr verschnittene Kirschbaum herauf, als hätten die dunkeldürren Äste den heiseren Ruf einer Krähe über den Dächern auch gehört.
Als nächstes erschien mir ein weiterer Kaffee die Lösung zu sein. Tief sog ich das heiß würzige Aroma ein, bevor ich an der großen Schale nippte. Mir war egal, ob das Zeug wirklich Lebensgeister und Kreativität weckte, oder nur ein Placebo war. Hauptsache, ich kam voran.
Kam ich aber nicht.
Also Augengymnastik. Ich presste die Lider aufeinander, riss die Augen wieder auf. Auf dem Blatt zuckte der Cursor hin und her zwischen Ausrufe- und Fragezeichen.
Eine halbe Stunde später stellte ich die leere Schale neben den Laptop. Ich war entnervt, und da lag das Bild.
Was wollt ihr?
Wie gestern Abend starrte der schwarze Lidrand mich an und wollte sich nicht wieder in den Kasten legen lassen.
Mist!
Schnüre von Bremslichtern leuchten auf allen drei Spuren vor mir auf. An der Seite der Hinweis, in 600m nur noch zwei Fahrstreifen. Ich nehme Gas weg und fädele den Wagen rechts ein. Die nackten Äcker ziehen sich brach bis zum Horizont, als wären sie gestorben. Die fünf Grad plus auf der Außentemperaturanzeige bieten kaum Aussicht darauf, dass sie bald ein Leichentuch bekommen.
Noch 65km. Die Musik schweigt, während der Wechsler eine neue CD sucht. Ich versuche mich zu erinnern, womit ich ihn gefüttert habe. Es ist zu lange her.
Wie soll man sich an das Erleben vor über dreißig Jahren erinnern, wenn es nicht mal mehr zu dem von vor ein paar Wochen reicht?
Einen Tag, an dem das Bild aufgenommen wurde, gibt es nicht. Wir waren nie zusammen beim Fotografen. Was mich anstarrt, ist eine Montage, ist künstlich. Ist es deswegen unwirklich? Setzt sich Wirklichkeit nicht aus den Splittern zusammen, in denen wir unsere Erinnerungen spiegeln?
…
Die komplette Geschichte wird im Prosaband “Fang das Licht!” enthalten sein, der in Kürze erscheint.