Ich war im Dunkeln losmarschiert, froh, unbemerkt aus dem Haus zu kommen. Wobei ich mir im Nachhinein nicht sicher bin, dass wirklich alle anderen geschlafen haben, und die Wirtin nicht doch von ihrem Gaubenfenster aus, das sich wie ein dunkles Reptilienauge in die Nacht wölbte, meine unsicheren Schritte auf den Wald zu beobachtet hatte. Immer, wenn sie von dem Gipfel gesprochen hatte, zu dem man von dieser Seite des Bergmassivs nur über den auch tagsüber dunklen Pfad unter den alten Bäumen gelangte, war etwas Geheimnisvolles in ihren Zügen gewesen. Gemischt mit einem Schalk, einer Art Belustigung. Als wüsste sie von meiner Neugier, über die ich mir selber noch nicht klar geworden war. In der Erinnerung erscheint es mir, als hätte sie jeden Tag darüber gesprochen. Über die Wanderung. Mal vom Weg, mal vom Pfad. Jeden Tag, immer mal wieder. Immer mehr. Zwischen dem Frühstück, das an manchen der Sommermorgen knapp zwei Stunden dauerte, dem Sitzen am Strand, wo die Wellen das immer gleiche Lied ihrer Reise sangen, und das immer anders klang; zwischen den Wanderungen im nassen Sand entlang der Schattenkante schroffer Klippen und den Grillabenden, zu denen immer wesentlich mehr Leute um das Feuer herum saßen, als jemals in dem Haus Platz haben konnten- Zwischen all diesen Tätigkeiten, die man mit Urlaub verbindet, war es immer wieder dagewesen. Das Erzählen von und über die Geheimnisse, die überall verborgen waren, und die man finden konnte, ohne seinen Ort zu verlassen.
„Überall“, hatte ich am ersten Abend lachend gefragt. Die Schatten der Nacht hüllten die Leute rings um das Feuer ein; nur gelegentlich flackerte Widerschein von ächzenden oder singenden Flammen über die Gesichter. „Aus dem Einerlei der Geheimnislosigkeit bin ich ja gerade geflohen“, fuhr ich fort. „Aus dem Alltag, dessen sich ständig wiederholende Hektik in Wirklichkeit Ereignislosigkeit ist.“Sie hatten geschwiegen. Das Fett der Lammkeulen tropfte ins Feuer, zischte auf und schwängerte die Luft mit dem Duft des jungen Fleischs. Hinter den Klippen rauschte das Meer. Von links wurde mir der kreisende Weinkrug gereicht, von rechts erreichte mich im selben Moment der mit dem klaren Wasser, das einer der Familie der Wirtin jeden Morgen aus einer verborgenen Quelle holte. Vom Wein nahm ich einen tiefen Zug des Aromas, versenkte mein Gesicht im Bukett, das aus dem Tongefäß strömte, schloss die Augen und fühlte die Sonne, die die Trauben zur Reife gebracht hatte. Dann reichte ich ihn weiter, setzte dafür das Wasser an den Mund und nahm einen kräftigen Schluck.„Nur wer nicht still sein kann“, hatte die Wirtin schließlich gesagt, während sie sich zum Feuer beugte und die Keulen mit einer Mischung aus Wein, Senf, Honig und verschiedenen Kräutern bestrich, „nur der muss immer weiter laufen.“Wenn mir das in der Dunkelheit, die mich auf dem Weg durch den Wald umfangen hatte, in den Sinn kam, dann nur flüchtig. Mit jedem Schritt wuchs meine Beklemmung, der Boden, bedeckt von einem Teppich aus den Nadeln der Bäume rings um mich, federte unter meinen Sohlen. Nach wenigen Schritten war ich aufgesogen, bemerkte erst nach einer Weile, dass das in den vergangenen Tagen allgegenwärtige Meer nicht mehr zu hören war. Und doch wuchs mit jedem Schritt auch – meine Neugier.
Dieser Urlaub war nicht geplant gewesen, um Neugier in irgendeiner Form zu befriedigen. Außer natürlich die Neugier auf Land und Leute, das Essen und Trinken, die Gegend, ein paar Kulturschätze, das Übliche eben für die kurze Zeit der Flucht aus dem Alltag. Für zwei Wochen wollte ich den Luxus genießen, nicht auf dem Laufenden bleiben zu müssen, keinen Nachrichten hinterher zu jagen oder dafür zu sorgen, dass es etwas gab, dem andere hinterherjagen konnten. Wenn sie denn wollten. Ich lächelte bei dem Gedanken. Das Echo der uns selbst auferlegten Geschäftigkeit, hat einen langen Nachhall, wenn wir in der Stille ankommen. Nur allmählich wird das Schnattern der Gedanken stiller, läuft sich an sich selber müde, wenn wir ihm keine neue Nahrung geben, bis es schließlich einschläft. Wie flüchtige Traumbilder flackert es manchmal auf, immer seltener. Ungewohnter Friede breitet sich aus, weniger um uns herum, als tief in uns selbst.
Im Dunkel des Waldes, in dem ich den unbekannten Weg eher ahnte, als dass ich ihn ertasten oder gar sehen könnte, schien dieser Friede bei mir angekommen zu sein. Oder ich bei ihm?
Ein Schatten rauschte heran und griff mir ins Gesicht, strich darüber, dicke, dichte Spinnweben, die mich wie gelähmt stehenbleiben ließen. Ein Warnruf hallte in meinen Ohren, ein spitzer, hoher Ton, wie die Stimme der Nachtschwärze. Mein vom Aufstieg klopfender Herzschlag hatte ausgesetzt, und es nutzte nichts, sich daran zu erinnern, dass die Gefahr, die wir ansehen und erkennen können, meist keine mehr ist. Ich sah nichts, gerade mal einen in der Dunkelheit ertrinkenden Schemen, wenn ich mir die Hand dicht vor die Augen hielt. Über mir knackte es in den dichten Ästen der Bäume, und ein Rauschen in den Ohren kündigte an, dass der Schatten sich wieder näherte, um noch einmal nach mir zu fassen. Um mich besser zu packen, als beim ersten Mal?