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Der Alte am Wegesrand II

Hier findet ihr den Anfang der Geschichte…

Der Schrei verhallte. Hinter mir, blieb irgendwo zurück in der Dunkelheit weiter abwärts zwischen den Bäumen. Nicht wie ein Echo, da kam nichts zurück. Der Laut bäumte sich auf bis zu seiner ganzen Größe, um sich schnell wieder in sich selbst zusammen zu ducken. Blieb stecken. Da hinten, im Gestrüpp, in den Baumstämmen, die immer noch nur eine Ahnung waren.
Schrei. Käuzchen rufen eher, als dass sie schreien. Oder war es eine Eule gewesen, ein Uhu? Was wusste ich schon von diesen Tieren? Einer dieser Nachtvögel muss es gewesen sein, was da nach mir gefasst hatte. Im Anflug, Sturzflug, Vorbeiflug. Wie aber hatte er mich verfehlen können, wenn er mich wirklich treffen wollte? Galten sie nicht als ungemein zielsicher?
Ich drehte mich auf dem Absatz um. Hinter mir nichts als diese Stille, die so plastisch schien, als würde sie sich anfassen lassen, und erst wenn man darauf zugeht, zögernd nach links und rechts zurückweichen. Was bleibt ist dieses Gefühl, durch immer dichter werdende Altweibersommerfäden zu gehen. Wenn ich auch nicht zurück wollte- Die gleiche Dunkelheit wie abwärts, erwartete mich ebenso den Pfad hinauf.

Das Rascheln meiner Kleidung im Ohr, dazu der durch Aufstieg und gerade durchlebten Schrecken schwerer gewordene Atem. Herzschläge, wie ferne Echos innerer Lebendigkeit. Gedankenkreiseln. Die Aufmerksamkeit wie eine springende Kugel zwischen den Fächern Rot und Schwarz. Weder die Scheibe mit den Zahlen, noch die Kugel scheint jemals lange stillzustehen. Wenn wir einen Treffer gelandet haben, wird ausgezahlt und einkassiert, schnell geht es weiter. Wir glauben, weiterspielen zu müssen, nach einer Niederlage erstrecht. Wir müssen kompensieren, was wir verloren glauben. Manchmal landet die Kugel auf Zero. Das Nichts bietet den höchsten Gewinn. Tritt das Unwahrscheinliche ein, ist es mehr wert, als alle Zahlenspiele, alle Farbsprünge. Vielleicht sind das unsere mentalen Volltreffer?
Mir fiel auf, wie mechanisch ich seit der Begegnung mit dem Nachtvogel weiter gegangen war. Ich beschloss, mich auf den Weg zu konzentrieren, auf die Schritte in der Dunkelheit, die mich auf mich selbst zurück warf. Ahnung gab es nur im Innern. Sie wechselte vom Kleid der Hoffnung in das der Furcht und wieder zurück. Die Logik sagte mir, dass ich nichts zu fürchten brauchte, aber die Blindheit trotz weit aufgerissener Augen erzählte ihre eigene Geschichte. Die Logik war es auch, die sagte, dass ich auf nichts hoffen brauchte, das nicht da sein oder eintreten konnte. Was aber wusste ich von den Möglichkeiten, die hinter dem Horizont lagen? Der kein Stück weiter entfernt war, als ich den Arm ausstrecken konnte. Das Herz spricht seine eigenen Worte. Immer gleich scheint dieses Trommeln. Und doch in einer Sprache, die wir nie ganz verstehen werden.
Links und rechts die Bäume, nach wie vor nur zu ahnen und zu fühlen. Um jeden strich der von aufwärts sanft in die Schneise wehende Wind in einem anderen Ton. Passte sich die Luft den Baumstämmen an, oder hatte jeder seinen eigenen Ton? Über mir im Tuch aus Dunkelheit gelegentlich ein verstörtes Aufblitzen. Die Wolkendecke musste aufgerissen sein, durch das dichte Dach des Waldes funkelten ab und zu Sterne. Und weiter! Auf die Schritte achten! Schritt für Schritt.
Beim nächsten riss mir jemand die Füße unter dem Körper weg.

Der Sturz war so abrupt, dass die Zeit zwischen dem letzten Schritt und dem Aufschlagen auf dem Boden nicht zu existieren schien. Am kühlen Hosenstoff tastete ich die Wade hinunter, die Finger jederzeit bereit, davon zu schnellen. Dass wirklich eine Hand nach mir gegriffen hatte, hielt ich für ausgeschlossen. Was da meinen Knöchel gepackt hielt, konnte aber ein Tier sein. Es geschah nichts weiter, ich konnte meinen Fuß aber auch nicht bewegen.
Über den Saum weiter abwärts schob ich meine Hand, fühlte das schuppige, kühle Etwas, zuckte zurück. Aber es bewegte sich nicht. Ich fasste wieder zu. Fühlte daran entlang. Nach links, nach rechts, mit angehaltenem Atem. Entweder hielt das da unten auch die Luft an, oder es war- Nicht in diesem Sinne lebendig, dass es sich bewegen konne. Kurz entschlossen fasste ich beherzter zu, bekam die Wurzel, die wie eine Schlinge aus dem Boden ragte zu fassen und blies die Luft aus. Erleichtert.
Beinahe mühelos konnte ich den Fuß nach hinten aus der „Falle“ schieben, kam auf die Knie, stand auf und klopfte mir im Dunkel die Hosenbeine ab. Auf die Stelle unter mir zu starren, wo es mich zu Fall gebracht hatte, war sinnlos. Alles verlor sich im Schwarz der Nacht. Der Schweiß der Aufregung begann unter meinen Sachen auf der Haut zu trocknen und abzukühlen, am besten war, wieder in Bewegung zu kommen.
Auf den ersten Metern tastete ich vorsichtig bei jedem Schritt den Boden ab, dann schritt ich wieder gleichmäßiger und routinierter aus. Immer schön auf die Schritte achten! Außer einem leichten Summen im Knöchel war von dem Sturz nichts geblieben. Ich fasste nach den Schulterriemen des Rucksacks, um auch den wieder gerade zu rücken, als mir heiß ein Stich durch das Handgelenk fuhr. Nachdem ein Strauß von Sternen vor meinen Augen explodiert war, wurde es für einen Moment noch schwärzer. Diesmal schnappte ich wirklich nach Luft, blieb stehen und umklammerte mit der anderen Hand das Gelenk.
In diesem Urlaub der Déjà vus tauchte ein weiteres auf. Nicht nur der Eindruck, da wäre schon mal das Gleiche gewesen, sondern die Erinnerung an eine Szene, abends, vor dem Essen auf dem Platz vor dem Haus. Es war, als würden die Bilder davon durch die Zeit springen und nacherlebbar werden, zu meinem Empfinden zusammenschmelzen in dieser Nacht.

Das Kind schrie auf. Im Halbdunkel des sinkenden Abends gab es nur dieses klägliche Jammern. Schließlich entdeckten wir die Kleine, die im Schatten vor den Büschen lag. Alle sprangen wir gleichzeitig auf, ein Stuhl fiel polternd um, das Geschirr klirrte auf der schweren Tischplatte. Bevor wir das hilflos daliegende Bündel erreichten, kam die Mutter aus der Haustür gerannt und kniete bereits bei dem Mädchen, strich ihr die Haare aus der Stirn, als wir einen Halbkreis um die beiden bildeten.
„Ganz ruhig, kleiner Engel!“ Die Mutter wiegte das Mädchen in den Armen, verbarg das verweinte Gesicht in der Halsbeuge und ihr Atem wurde von Sekunde zu Sekunde ruhiger, während sie die Augen in tiefem Frieden geschlossen hielt.
„Wir müssen ihr helfen!“ sagte einer der Gäste und wandte sich dem Haus zu. „Da muss man mal was tun.
Ich konnte nur auf die beiden starren, wie sie miteinander zu verschmelzen schienen. Wie in Trance tastete die Hand der Mutter an dem dünnen Arm des Kindes entlang zur Hand…

Fortsetzung folgt…

Hier geht es weiter…

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