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Der Alte Am Wegesrand III

Hier findet ihr den Anfang der Geschichte…

Ein Kokon aus Schweigen, in dem wir alle beieinander standen, ferngehalten vom Kern, in dem Mutter und Kind hockten. Eine fühlbare Verbindung, bei aller Distanz, Schwingungen, wie die Fäden in einem Netz, die verbinden ohne zu verstricken.
Die Kleine erschauerte, als die Finger ihrer Mutter sich um das dünne Gelenk schlossen. Der schmale Körper zuckte, wie es manchmal geschieht, kurz bevor man einschläft. Der Widerschein des Feuers vom Grillplatz huschte über das so blass wirkende Gesicht, in dem sich Ruhe und ein leichtes Lächeln ausbreiteten. Obwohl sie doch gerade so doll gestürzt war.
„Hier, ich habe alles dabei!“
Die lederne Bügeltasche vor sich hertragend wie die Reliquie bei einer Prozession, kam der Doktor mit großen Schritten aus dem Haus, wollte sich durch den schweigenden Kreis der Umstehenden drängen. Ich erinnerte mich daran, dass ihn andere Gäste so genannt hatten. Doktor. Abrupt blieb er stehen, genau neben mir. Als wären die letzten zwei Schritte nicht zu überwinden.
„Aber, was“, hob er an.
„Die werden Sie nicht brauchen.“ Die Wirtin hatte die Hand auf seinen Arm gelegt. Die Tasche sank herab, bis sie wie ein Anhängsel neben dem hageren Mann mit der gerunzelten Stirn hängen blieb, und die Frau fuhr mit einer nach Sommerwind klingenden Stimme fort:  „Alles ist gut, so wie es ist.“
„Ich bin Arzt!“
Mit einer Geste forderte sie ihn auf, die Stille nicht unnötig zu stören.
„Das Kind braucht Versorgung!“ Seine Stimme war im Flüstern ganz heiser, während er auf die Mutter mit der Kleinen zeigte. „Kühlung, Schmerzmittel, man muss sehen, ob vielleicht etwas gebrochen ist!“
Ein langer Blick und ihr Schweigen ließen ihn endlich verstummen.
Das Kind war inzwischen nicht nur vollkommen ruhig, sondern strahlte etwas aus, das geheimnisvolle Stille verbreitete. Ein Schweigen, umso eindringlicher, weil es bewusst von allem ringsum getragen wurde.
Die in den Kies flüsternden Wellen in der Nähe verstärkten dieses Empfinden noch.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort standen, gebannt von der Szenerie, an deren äußerer Erscheinung zunächst nichts besonderes war. Eine Mutter, die ihr bei einem Sturz verletztes Kind hielt. Es war die Kraft, die darin mitschwang, das Unbeschreibliche, das fühlbar ist, das sich den Worten aber entzieht.
Eine Bewegung in den Schatten ließ mich wieder zu mir kommen. Die junge Frau trug ihre Tochter in Richtung der Bäume. Dunkel verlief der Saum der Gewächse, wie eine blauschwarze Wand, durch die sie hindurchgingen, um zu verschwinden.
Schweigend löste der Kreis der Gäste sich auf, sie gingen wieder zurück zu den Plätzen am Feuer. Die Flammen züngelten verstohlen und nur noch halb hoch aus dem verbrannten Holz, irgendjemand reichte den Weinkrug herum.
Der Doktor war verschwunden, wie eine Spur in der Nachtluft schien lediglich noch sein Stirnrunzeln über der Stelle zu schweben, an der er gestanden hatte.
„Sie kann mit Pflanzen reden.“
Ich wandte den Kopf.
Die Züge der Wirtin waren ernst, beinahe feierlich, wie sie neben mir stand. Keine Ahnung, woher sie plötzlich aufgetaucht war, ich hatte sie im Haus vermutet.
„Ich habe schon gehört“, antwortete ich, „dass Pflanzen besser blühen und gedeihen, wenn man freundlich mit ihnen umgeht, ja, dass manche sogar mit ihnen reden. Aber was nutzt das jetzt dem Kind?“
Sie lächelte, wie schon so oft in den letzten Tagen seit meiner Ankunft. Wie eine Mutter, der in ihrer grenzenlosen Geduld klar ist, dass ein Kind Fragen über selbstverständliche Dinge stellt. Selbstverständlich für den, der sie selbst verstanden hat.
„Sie redet nicht, um sie anzuregen und auch auf diese Weise zu nähren und zu pflegen. Jedenfalls nicht im Moment. Jetzt redet sie, um zuzuhören. Die Kraft aus dem Schoß von Mutter Erde wird durch die Wurzeln der Pflanzen an die Oberfläche geholt. Diese Kraft wird die Hand des Mädchens heilen. Es hat schon begonnen, als die beiden auf den Grashalmen hier saßen, umgeben von den Büschen.“
Unter Heilpflanze hatte ich bisher immer etwas anderes verstanden. Extrakt, Pulver, Wickel, Tee. Aber so?
„Ich verstehe nicht ganz“, tastete ich mich behutsam vor.
„Was die Menschen für die beweglichen Lebensformen der Erde bedeuten, entspricht dem Wesen der Bäume für die unbeweglichen. Oder verwurzelten. Die, für unser Ohr schweigenden Riesen, sind Hüter und Bewahrer, sind Krönung einer anderen Entwicklungslinie, als es unsere ist. Aufrecht, wie sie in den Himmel ragen, verbinden sie den festen Boden des Lebens mit den lichten und luftigen Möglichkeiten des Himmels.“
Ein heller Schein sprang zu uns herüber. Das Feuer war zu neuem Leben erweckt worden durch ein paar frische Scheite, die einer der anderen Gäste unter dem Verschlag neben dem Haus hervorgeholt hatte. Die Flammen tanzt im Wechsel mit den Schatten über ihr Gesicht.
„Sie verbinden Himmel und Erde?“ fragte ich.
Die Wirtin nickte. „Schließlich gehen auch die Menschen aufrecht.“
Bevor ich eine weitere Frage stellen konnte, tauchten Mutter und Kind wieder vor den Schattenflächen des Waldstücks auf. Als hätten sie sich von einem Moment zum anderen in der Dunkelheit materialisiert. Die Kleine ging an der Hand der Frau, als wäre nichts geschehen. Als sie ihre Großmutter neben mir erkannt, rannte sie die letzten Schritte und fiel ihr in die Arme. Alles war, als wäre nichts geschehen. Nur, dass Zeit vergangen war.
„Nun musst du aber etwas essen!“ Die Wirtin wandte sich mit der Kleinen dem Essplatz zu. „Es ist Zeit für dein Bett.“
Die Mutter des Kindes blieb lächelnd vor mir stehen. „Es ist alles so einfach“, sagte sie.
„Ich freue mich, dass es ihrer Tochter gut geht“, sagte ich. „Sie scheint keinerlei Schmerzen zu haben. Wie lange wird es dauern, bis es wieder ganz geheilt ist?“
„Es ist heil.“ Ihre großen Augen blickten dunkel zu mir herüber. „Alles ist immer heil. Unsere Wahrnehmung ändert den Zustand.“
„Moment, Moment“, unterbrach ich sie. „Geänderte Zustände ändern, zwangsläufig, auch unsere Wahrnehmung, meinen Sie.“
„So wurde es uns beigebracht. Aber ständige Wiederholung macht das Unwahre nicht wahrer, während durch Verschweigen die Wahrheit vielleicht unhörbar wird, unsichtbar. Aber nicht aus der Welt geschafft werden kann.“
Sie lacht kurz auf, weil ich wohl etwas verdutzt dreingeschaut habe. Ich kannte sie als liebevolle Mutter, guten Geist des Hauses, neben der Wirtin selber, die wiederum ihre Mutter war, habe sie beobachtet beim Aufschneiden von frischem Brot, dem Reinigen der Zimmer, dem Auflegen von Lammfleischspießen  uns Maiskolben auf dem Grill. Diese kurze philosophisch verschachtelte Äußerung, die dennoch so klar ist, hatte ich einfach nicht erwartet.
Ich stieß die Luft mit leichtem Pfeifton aus, aber bevor ich noch etwas sagen oder fragen konnte, erzählte sie mir, dass sie einfach mit dem Kind auf dem Schoß an einen Baum gelehnt hatte. Um Kraft zu tanken. Die sie dann weitergeben konnte an ihr Kind.
„Das ist alles?“ wollte ich wissen.
„Haben Sie es schon einmal probiert?“ fragte sie.
Ich unterdrückte die Frage, wer das wohl hat, wenn er so aufgewachsen ist wie ich. Hatte ich doch nicht einmal den Glauben daran, dass es funktioniert. Als ich ihr das sagte, nickte sie. Ohne Vorwurf, ohne Spott oder Anmaßung. Da war, wie so oft schon in den letzten Tagen, einfach nur Verständnis.
„Es ist ganz leicht“, erklärte sie. „Außer am Anfang, wie das immer ist im Beginnen. Bevor man über die Schwelle gelangt ist.“
„Was für eine Schwelle?“ Ich schaute sie verständnislos an.
„Für all unsere Erfahrungen müssen wir einen bestimmten Punkt überwinden, hinter dem sie sich einstellen“, erklärte sie. „Die Kunst liegt in der Ausdauer. Es braucht den Willen, das alte Schema unserer Weltsicht loszulassen. Ich nenne das Konsistenz, statt Konsequenz. Ein guter Teig wird ohne Klumpen glattgerührt, nicht mir Konsequenz. Die ergibt sich daraus.“
„Und Sie meinen, wenn ich…“
„Kommen Sie“, unterbrach sie mich und hakte sich ein, „wollen wir essen gehen.“

Als ich mich im Dunkel der Nacht meiner Wanderung an dem Baumstamm hinab gleiten ließ, stand die Szene wieder in frischen Bildern vor mir. Den Rucksack vor mir auf dem Schoß, lehnte ich meinen Kopf gegen die glatte Rinde, schloss die Augen, tauschte die Dunkelheit ringsum gegen die im Innern und umfasste mit der unversehrten Hand das schmerzende Gelenk der anderen. Obwohl ich die Berührung vorausgewusst hatte, zuckte ich leicht zusammen. Heiß fühlte sich die Stelle an und dicker als sonst. Was sollte es bringen, was ich hier tat? War es nicht besser, sich so schnell wie möglich auf den Rückweg zu machen, um Hilfe zu erhalten?
Doch die junge Frau hatte mir im Laufe des Abends, während wir aßen und meist still um das Feuer saßen, erzählt, dass es auch wirken konnte, wenn man es bei sich selbst anwandte.
Ohne zu wissen, worauf ich wartete, saß ich da. Die Erinnerung an den Sturz gerade eben verblasste, mein Atem wurde ruhiger. Es war, als ginge ich weiter. Aber im Innen, statt auf den Wegen, auf denen wir uns müde laufen…

Hier geht es weiter…

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