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Der Alte am Wegesrand IV

Hier findet ihr den Anfang der Geschichte…

Leicht schaukelnd trieb ich dahin. Wenn wir ringsum nur von Horizont umgeben sind, einer weit, weit entfernten Linie aus pastellfarbenem Zusammentreffen zwischen Himmel und Meer, begreifen wir auf einmal die geschrumpfte Begrenztheit, die wir selber sind. Solange wir die Oberfläche unseres Körpers als Grenze wahrnehmen.
Wellen neckten den Bootsrumpf, als wollten sie das Gefährt zum Tanz auffordern.
Wie immer war ich mittendrin. Keine Anlaufschwierigkeiten, kein Abwarten, kein Ankommen. So, wie Leben sein sollte. Plötzlich, ursprünglich und urwüchsig, keine Fragen, die an dem Wunderbaren zweifeln, die es als selbstverständlich nehmen, und dafür dem von uns immer für selbstverständlich gehaltenem im Leben Raum geben. Dass wir darüber staunen können.
Aber ich musste eine Richtung wählen, spähte dahin, wo vermutlich die Sonne untergehen würde, kehrte den Rücken und griff nach den Riemen. Krachend zerbrach der rechte, als ich ihn ins Wasser getaucht hatte und durchziehen wollte. Ich verlor das Gleichgewicht und…
… schreckte auf, ein Gefühl, als würde ich nach langem Tauchgang in dunklem Wasser endlich an die Oberfläche kommen, endlich wieder frei atmen können. Ich schnappte nach Luft, das Krachen von Holz als Echo im Kopf. Wahrscheinlich war irgendwo ein Ast gebrochen in der Nacht und hatte mich aus meinen Bildern gerissen.
So, wie Leben sein sollte. Und es war ein Traum gewesen.
Ringsum schwiegen die Bäume. Ich versuchte die Benommenheit wegzublinzeln, das Einzige, was ich klarer sehen konnte danach, war die Finsternis. Ich musste weiter.
Erschöpft ächzte ich auf, noch bevor ich die Bewegung ausgeführt hatte. Mein eingeschlafener Hintern hielt mich am Boden fest. Unsinnigerweise schaute ich mich um. Dass wir auch immer glauben, beobachtet zu sein. Vorsichtig ließ ich mich zur Seite sinken und massierte meine rechte Backe. Das Rascheln der Farne um mich herum klang wie Kichern. Sollten sie doch.
Meine Finger versanken im kühlen Sand, wo ich mich aufstützte, weich wie Seide. Wer mahlt den Sand für Waldboden nur so fein? Moosgeruch stieg mir in die Nase und unwillkürlich fragte ich mich, ob das hier ein gutes Pilzsammelgebiet war. Aber zur Pilzsaison würde ich schon lange wieder weg sein. Was vor und hinter uns liegt, scheint immer um so viel größer, als der gegenwärtige Moment. Kein Wunder, wenn man auf dem Boden lag, höchstwahrscheinlich so durch Farn und Gestrüpp verborgen, dass auch am helllichten Tag niemand einen entdecken würde.
Ich stoppte Massage, die zu spüren ohnehin nur eine Illusion war. Weil ich wusste, dass ich mir an den Hintern fasste, wo noch immer noch alles taub war. Darüber, was mit mir passierte, falls mir etwas passierte, hatte ich nicht nachgedacht. Weder vor meiner nächtlichen Wanderung, noch jetzt. Bis jetzt. So genau wusste ich nicht einmal, wo ich war. Irgendwo oberhalb der Pension, die selber einsam und trotzig an der Bucht stand, zurückgesetzt vom Sandstrand auf einer felsigen Klippe. Dabei so geschützt, dass man von der massigen Holzbank vor dem Haus den Sandstreifen nicht sehen konnte, und der Wind sich erst in den Bäumen und Felsen ringsum fing, wenn er auffrischte. Die holzverkleidete Fassade trotzte nicht dem Meer, sondern es hatte sich in das Lächeln des Küstenverlaufs geschmiegt, den das Wasser dem Land abgerungen hatte durch jahrtausendewährende Küsse. Wie sollten die mich finden, wenn ich mich ernsthaft verletzte? Sie wussten nicht einmal, wo ich war. Vielleicht konnte die Wirtin es sich denken, vielleicht ihre Tochter. Waren meine Fragen nach dem Bergplateau nicht immer deutlicher geworden in den letzten Tagen? Und hatten sie mich nicht immer wieder gewarnt?
Mir würde nur Hoffnung bleiben im Ernstfall. Ich war allein. Ein Umstand, der mich an sich nicht störte. Ich lebte allein, arbeitete meist allein, war allein in diesen Urlaub gefahren. Den Unterschied macht, ob man es will, oder ob man es muss. Ob man die Wahl hat. Auf dem Bauch zwischen Büschen und Farnen, war meine Wahl äußerst eingeschränkt.
Hitze und Kribbeln im Hintern holten mich abrupt zurück aus der Was-wäre-wenn-Welt. Ich biss die Zähne zusammen, sog die Luft scharf ein. Wie schmerzhaft, wenn das Leben zurückkehrte. Es summte wie der hochfrequente Flügelschlag von Kolibris im Gesäß. Nur langsam wurde es besser, nachdem ich mir eine Zeitlang eingeredet hatte, dass es so wäre.
Der feine Sand rieselte von der Hose, als ich sie abklopfte. Ich streckte mich, fühlte mich weniger munter als noch vorhin, als ich mitten in der Nacht losmarschiert war, schulterte den Rucksack und ging weiter. Nach ein paar Schritten wurde es besser. Die Müdigkeit verflog etwas und nahm das Gefühl mit, auf unsicherem Boden zu gehen. Ohne die Angst, bei jedem Schritt zu stolpern, hängen zu bleiben und wieder zu fallen, schritt ich schließlich wieder so kräftig aus, wie die Steigung es zuließ.
Wie spät mochte es sein? Wie lange war mein letzter Blick auf die bernsteinschimmernden Ziffern des Weckers her? Das Haus hatte mit all seinen Gästen noch in tiefem Schlaf gelegen, und ich war froh, dass von den hölzernen Stufen hinab in die Diele keine knarrte. Sicher hatte die Wirtin einen leichten Schlaf, liebevoll wie eine Glucke behütete sie das Wohlergehen aller Anwesenden. Hinter der Tür direkt am Treppenabsatz hatte jemand gesprochen. Nach kurzem Zögern war ich weiter gegangen. Nein, ich hatte nicht gelauscht, hatte mich nur vergewissert, dass alles in Ordnung war. Jemand sprach im Schlaf, keine zusammenhängenden Worte, die auf den Flur drangen. Bei dem Gedanken, dass es unser eifriger Mediziner sein könnte, musste ich lächeln. Sekunden später war ich in die Dunkelheit hinausgetreten und schnell auf den Wald zumarschiert.
Ich rechnete nach, das heißt, ich wollte es. Aber so ganz ohne Anhaltspunkt war die Zeit einfach eine amorphe Masse.
Die schnellen Schritte wärmten mich gegen die Nachtkühle, auf dem Rücken spürte ich leicht den Schweiß. Ohne zu ahnen, wie weit die geheimnisumwitterte Stelle auf dem Berg entfernt war, war ich sicher, am Morgen dort wohlbehalten anzukommen. Woher wollen wir schon wissen, auf welchem Weg unsere Ahnungen zu uns finden?
Beide Daumen unter die Riemen des Rucksacks geschoben, rückte ich ihn in eine bequemere Position, atmete tief durch und…
Verdattert blieb ich stehen und starrte auf meine Hand. Ein Fünffingerschattenriss schwebte vor meinen Augen, durch Wärme und Schweiß in der Handfläche besser wahrzunehmen, als durch die Augen. Ich bewegte die Finger. Drehte die Hand im Gelenk, vor und zurück, im Kreis, nach links, nach rechts. Nahm die andere dazu. Auf welche war ich gefallen vorhin? Ich wiederholte die Hand-, Fingergymnastik mit beiden. Keine Schmerzen. Weder links noch rechts.
Mit geschlossenen Augen ließ ich sie sinken. Mein Atem beruhigte sich, ein gleichmäßiges Fließen der Luft, herein und hinaus.
Bevor ich weggetreten war vorhin am Baum, gab es diese Verbindung. Als würde man mit einem vertrauten Menschen Rücken an Rücken sitzen und genießen, dass man sich ohne Worte verstand. Dann dieser Traum, das Boot auf dem Meer. Jetzt fühlte ich im Innern auch diese Bereicherung, wie nach einem guten Gespräch, einem Abend in aller Gemütlichkeit, bei dem alles zusammentraf. Lust, Laune, Klarheit. Aber hier war mehr.
Es ließ sich nicht erklären, nicht einmal benennen. Wenn es eine Sprache der Pflanzen gab, vor allem der Bäume, konnte ich sie nicht wiedergeben. Hatte ich sie verstanden? Die Wirkung war da. Den alten Baum an meinem Rücken, ich hatte ihn verstanden.
War alles nur Einbildung gewesen, Schmerz, Schwellung, die Wirkung des Holzgewächses? Die Wahl hieß: Glauben. Glauben, dass es wahr war. Oder eben nicht.
Ich konnte wählen.
Langsam ging ich weiter, von der Dunkelheit immer noch so dicht umspült, dass es unmöglich war, den Weg voraus zu bestimmen.
“Verletzung und Schmerz”, hatte die schöne Tochter der Wirtin noch gesagt im Verlauf des Abends, “sind nur, was wir dafür halten.”
Mit vielem von dem, was sie lächelnd erzählte, konnte ich nichts anfangen. Meine Welt bestand aus einer geraden Linie. Auch wenn die Erde rund war, was zum Horizont führte, war immer der Weg geradeaus.
Noch einmal hob ich die Hand. Lag es daran, dass ich das Handicap einfach nicht akzeptiert hatte?
Ich weiß nicht, was der alte Riese mit der rauen Rinde mir in dieser Nacht zugeflüstert hat. Aber wenn ich ihn auch nicht verstanden habe, gab es danach ein anderes Verstehen und Verständnis in mir.

Ich schaute auf, bremste ab, wie vor eine Wand gelaufen. Der Übergang war zu abrupt. Hinter mir war das Rauschen in den Bäumen zu einem Rascheln geworden, einem Flüstern, das nie aufhörte. Die Geschichte der Welt ist vielleicht nicht unendlich, aber solange sie währt, eben unaufhörlich.
Blinzelnd entdeckte ich den auf dem Berg erwachenden Morgen vor mir. Zwischen Erde und dem fahlen Himmel zackten die noch höher liegenden Felskanten hinauf zu den Sternen, die sich auf die Heimreise begeben hatten.
Wie abfließendes Wasser ließ mich die Anspannung los, die ich während des Marsches gar nicht so wahrgenommen hatte. Dann sprang es mich an, ich griff mir an die Nase und duckte den Kopf, als es in meinem Nacken aufheulte…

Fortsetzung folgt.
Hier geht es weiter…

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