Home › Page › Der Alte am Wegesrand V

Der Alte am Wegesrand V

Hier findet ihr den Anfang der Geschichte…

…Ich schnappte nach Luft, aber den Mund so weit aufzureißen war keine gute Idee. An diesem Doppelrand, an dem sich die Baumgrenze traf mit der kargen Felslandschaft des Plateaus, und sich zugleich die Nacht trennte vom Tag, indem sie den Morgen erst als Grenze schuf, und dann auflöste, an diesem Rand war die Luft so trocken, als würde der Fön sie sämtlicher Feuchtigkeit berauben. Jeder Atemzug fühlte sich an, wie in einer Trockensauna zu hyperventilieren.
Ich fuhr herum zu dem Aufheulen hinter mir. Da war nur der Wind, der mich herauf begleitet hatte. Er hatte die Tonlage geändert. Vielleicht erschien es mir auch nur so, weil er nicht mehr direkt über mir in den Bäumen sang.
Mit abgewandtem Gesicht griff ich nach dem Rucksack. Wie hatte ich im Dunkel nur die verdammten Schnüre verknotet? Das Brennen in den Lungen zwang mich zum nächsten Atemzug, bevor ich die Flasche herausziehen konnte. Endlich! Ein tiefer Zug. Und- mein Wasser war alle. Ich hatte das alles doch nicht unterwegs getrunken, oder? Der Rucksack war trocken, nichts ausgelaufen. Ich kam mir albern vor und schaute mich rasch nach rechts und links um, als ich mich beim Schütteln der Flasche ertappte. Wir suchen immer nach der Bestätigung des Offensichtlichen.
Auf einem Geröllbrocken weiter oberhalb führte die Dämmerung den Abschiedstanz von der Nacht auf. Mit tastenden Schritten trat ich zwischen die losen Steine, und setzte mich nach knapp fünf Minuten auf den Findling. Ungeniert gähnte ich dem Morgen entgegen. Seit einem Tag hatte ich nicht geschlafen, und die letzten Stunden waren kein Spaziergang gewesen.
Aber was für ein Schauspiel zur Belohnung! Als würde er von liebevollen Händen aus der Wiege gehoben, zog der Tag herauf, unendlich behutsam.
Wie der Schwung im Bogen einer Welle, breitete sich der Baumbestand aus hinunter zur Küste, die nur eine verspielte Nebelbank war. Ich rieb mir die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigfinger, ein bewährtes Mittel, um munter zu werde. Aus dem Rucksack zog ich das Päckchen mit Brot und hauchdünnen Scheiben getrocknetes Rindfleisch. Lächelnd erinnerte ich mich daran, dass die Leute hier mit eisiger Miene reagierten, wenn man es Carpaccio nannte. Einige behaupteten, das Rezept stammte ursprünglich aus dieser Region, die Italiener hätten es nur für ihre Küche vereinnahmt. Am meisten freute ich mich auf die von den Wirtsleuten selbst eingelegten Oliven.

“Es gibt viele Geheimnisse um die richtige Zubereitung”, hatte mir die Wirtstochter verraten.
“Und das alles wird natürlich nur innerhalb der Familie weiter gegeben”, vermutete ich, “immer von der Mutter zur Tochter.”
Die Bucht hatte so viele natürlich entstandene Plätze zum Rückzug, zur Entspannung und zum Träumen. Wie ein Teppich breitete sich kräftiges Gras aus auf dem Hügel rechts vom Haus. Glitzern und Rauschen des Meeres unter uns, hinaus bis zum Horizont, fesselten den Blick und befreiten die Seele.
Wir drehten uns von der Anhöhe um nach dem fröhlichen Kinderlachen. Das ältere Paar, das die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt war, still, friedlich und freundlich zu lächeln, spielte mit der Kleinen. Als wäre es ihre Enkeltochter. Er schubste sie auf der Schaukel an, während die Dame einen Kranz flocht aus Blumen. Seit meiner Kindheit hatte ich nicht mehr gesehen, wie die langen, biegsam-grünen Stiele miteinander verbunden wurden. Die unvergleichlichen Lachsalven eines Kindes erklangen jedes Mal über die Weite der Bucht, wenn das Holzbrett zwischen den beiden dicken Seilen wieder nach vorn gestoßen wurde.
Bereits einen Tag später schien sie keine Erinnerung mehr an die Schmerzen im Handgelenk zu haben, sich nicht einmal mehr an den Sturz zu erinnern.
“In einem Werbespot”, die junge Frau neben mir sah mich mit gesenktem Kopf an, als würde sie gerade einen drehen, “würde es jetzt wohl heißen, ausgesuchte Frische, beste Zutaten und all unser Wissen.”
Ich rollte die Augen. “O ja.”
“Wichtigster, in den meisten Rezepturen aber unterschlagener Bestandteil, ist immer noch Hingabe an das, was man tut. Damit wird alles zu etwas Besonderem.“
“Sie schwelgen den ganzen Tag also in Leidenschaft, wenn Sie etwas tun?”
Sie lachte. “Auch dann, wenn ich nur geschehen lasse.”
Manchmal ist da einfach so ein Prickeln. Unverhofft und unvermutet rennt es auf und unter der Haut entlang, fühlt sich an wie Eisnadeln. Die nach Salz duftende Bö vom Meer herauf, half da nicht viel. Eher noch brachte sie das Gefühl mit sich, winzige Kristalle würden sich auf den Armen niederlassen und von dort langsam in die Blutbahn sickern und sich im Körper verteilen. Das Salz des Lebens.
Ich war hier nur Gast auf Zeit, sie die Tochter der Wirtin, eine der Gastgeberinnen.
Wo trennen sich Spiel und Ernsthaftigkeit? Oder ist alles Spiel oder alles Ernst?
“Bei den Oliven”, fuhr sie nach Sekunden fort, in denen sie anscheinend meine Unsicherheit genossen hatte “suchen wir die besten Früchte aus, legen sie in unser eigenes Öl von der letzten Ernte ein und dann…”
“Ja?” fragte ich.
“Die Mischung machte es. In diesem Fall aus Frische und Säure. Wir nehmen ein paar Blätter Minze, dazu Zitronenspalten.”
Ich nickte. Versuchte mich an den Geschmack der Oliven zu erinnern, die seit meiner Ankunft zu jeder Mahlzeit gehörten. Konnte einzelne Bestandteile aber nicht identifizieren in der Gesamtkomposition.
“Haben Sie eine Vorstellung davon”, fragte sie, die Stimme ganz dunkel geworden, “wie es auf diesem Zitrone-Minze-Aroma schmeckt, wenn man sich…”
“Mama, Mama!”
Aufgeregt nach Luft schnappend vom schnellen Lauf den Hügel herauf, stand das Kind vor uns. Unter den weißen und gelben Blüten um die Stirn leuchteten ihre Wangen apfelrot.
Sie unterhielt sich in einer Sprache mit ihrer Mutter, deren Klang ich mochte, während ich kein Wort verstand.
Dem Zauber der Anziehung zwischen Mann und Frau war ein anderer gewichen, als Nadia sich erhob und ihre Tochter an die Hand nahm. Beides war Zauber, beide Male drehte es sich um das pure Vergnügen des Lebens, sich selbst zu erhalten. Während es einmal um Lust ging, war dem Urtrieb der Vermehrung nun jener der Erhaltung gewichen. Beim ersten kämpfte man darum, sich aufgeben zu dürfen, um sich zu finden, beim anderen würde man sich aufgeben, um das eigene Blut zu erhalten.
Felicia, die Kleine, lächelte mir zu, spielte mit der Zungenspitze in einer Zahnlücke, an die sie sich wohl noch nicht gewöhnt hatte.
“Auf einen anderen Augenblick”, sagte Nadia, und die Kleine winkte mir im Weggehen zu.

“Unsere kleine Bucht hier verzaubert jeden!”
Der Schattenriss vor der in den Nachmittag sinkenden Sonne hatte eine warme Stimme, eine, in der auch leichter, gutmütiger Spott mitschwang.
Die Wirtin ließ sich neben mir nieder, als hätte ein Fingerschnippen sie und ihre Tochter ausgetauscht. Sie schirmte die Augen ab gegen das Glitzern, das vom Meer herüber flackerte.
Ich kaute an einem ausgerissenen Grashalm. “Hier sind es die Menschen, die den Besucher in ihren Bann schlagen.”
Sie folgte meinem Blick. Tochter und Enkelin traten in den Schatten der Veranda, bevor sie im Haus verschwanden.
“Hat sie Ihnen den Kopf verdreht?”
Mir schoss Hitze ins Gesicht, aber sie sah immer noch hinüber zum Haus, folgte dann dem mit Bruchsteinen gepflasterten Weg, bis der in dem schmalen Steg mündete. Wasserfiguren tanzten unermüdlich an den dunkel glänzenden Pfählen empor.
Ungeniert nutzte ich die Gelegenheit, sie zu betrachten. Kaum zu glauben, dass sie an der Spitze dieser Generationenkette stand. Die ganz Kleine der Spross, zart und ebenso neugierig auf das Leben wie unerfahren darin; die Tochter, die Blühte, immer noch nicht ganz aufgebrochen, aber schon mit einem Kind, dem sie das Leben geschenkt hatte. Und die gesamte Reife, die das Leben zeigen kann, hatte sich neben mir niedergelassen, zu Form, Klang, Wärme und Gefühl geworden in dieser Frau. Kaum vorstellbar, dass sie Großmutter war. Doch auch das hatte wohl nichts mit Altsein zu tun. Waren sie jung schwanger geworden, sie und auch ihre Tochter, dann war sie nicht einmal vierzig. Die Frau, die Herrin der Bucht mit dem großen Haus, das tagein, tagaus von Gästen belegt war, das ganze Jahr über.
Auf die Ellenbogen gestützt, ließ sie den Kopf in den Nacken hängen. Sonnentupfen schimmerten wie auf geschmolzenem, schwarzem Steinfluss in ihrem Haar.
“Was sehen Sie?” wollte sie wissen.
Das Leinenkleid, durch das sich die Konturen ihres Körpers drückten, schien ihr einziges Kleidungsstück zu sein. Ich schluckte.
“Den wirklichen Zauber der Bucht, den man im Allgemeinen nur erahnt wie einen Traum, der mir aber mitten am Tag begegnet.”
Ein sanftes Lächeln in den Mundwinkeln, ließ sie sich ins Gras sinken.
“Wirtin, Gastgeberin, Köchin”, sagte sie, “das ist nichts Besonderes. Und wenn es ein Traum ist, dann nicht mehr und nicht weniger als alles andere.”
„Wir sind nur unsere Rollen, wenn wir sie spielen“, sagte ich. Und fragte mich, wie mir dieser Spruch so plötzlich in den Sinn gekommen war.
“Ich bin auch nur eine Frau.”
“Weder auch, noch nur. Niemand ist auch wie ein anderer. Niemand ist nur, was er oder sie scheint.”
Sie streckte die Hand aus. Warm streichelten ihre Finger meinen Nacken. “Du musst nicht extra was Kluges sagen, um nett zu sein! Ich bin hier, weil du nett bist.”
Ich war völlig überrascht, als sie mich zu sich zog, konnte aber nicht anders, als auf die Frage ihrer leicht geöffneten Lippen mit einem stumm gerufenen Ja zu antworten.
Beim nächsten Blick in ihre Augen waren Stunden vergangen. Dabei stand die Sonne hinter uns kaum tiefer als vorher. Jemand musste die Zeit angehalten haben.
“Wir entdecken den Zauber, wenn wir einander zulassen.” Ihre Stimme war kaum lauter als das Flüstern der schüchternen Briese im Gras. “Und uns, wenn wir uns ihm nicht verschließen. Aber das wissen wir nicht, weil wir alles mit dem Verstand erfassen wollen, statt mit dem Verstehen.”
Sie schob meine Hand unter ihr Schlüsselbein. Der sanfte Schlag ihres Herzens strömte durch meine Finger. Sie war vollkommene Ruhe. Ich holte Luft, als sie mir mit einem Finger die Lippen verschloss.
“Es gibt Momente, in denen alles gesagt ist. Für immer.”
Ein Gefühl von Allgegenwärtigsein erfasste mich, wie eine Welle den Körper hochhebt über den sandigen Grund. Alles drängt nach oben. Ich konnte nicht sagen, ob ich überall war, oder das Überall sich in mir bündelte. Wo ich mich befand, da war ich aber nicht. Und doch so intensiv, dass die Gegenwart zerplatzen wollte, wie eine zu prall gefüllte Blase.

Sie setzte sich auf. Den Kopf auf die Knie gestützt, blinzelte sie in die See. Das Sonnenlicht spielte auf der Palette des Meeres, zog in Streifen und schillernden Flächen immer wieder neue Nuancen aus einem unsichtbaren Farbkasten, so, wie es zusammenfloss, strömte es wieder auseinander. Ihre Worte sprach sie in das Flüstern des Windes. Ich saß hinter ihr und lauschte, eine Hand auf ihrer Schulter, unter der sie sich kurz dehnte wie eine Katze.
“Die Menschen wurden geschickt, den Zauber zu entdecken. Was sie immer wieder fertigbringen, ist aber, ihn zu zerstören. In vergangenen Zeiten konnte er nicht zerstört werden. Die alten Weisen erzählen davon. Alles war eines, Quelle, Strom und Mündung waren sich jederzeit einer einfachen Wahrheit bewusst. Dass sie gemeinsam einer alles erschaffenden Urquelle entstammten.”
Sie rückte ganz dicht an mich heran.
“Die Gegend hier, das ganze Land, war ein einziger Tempel. Nicht so, wie die Menschen heute Tempel kennen, Gebäude, geschaffen von Menschenhand, pompös und übertrieben, um die zu feiern, die sie bauen ließen. Hier war alles das Haus des Einen Geistes, die Berge, jeder Baum, der Wind in den Wolken, das Meer, jeder kleine Kiesel. Die Menschen wussten noch, wie-”
Ein gellender Schrei tönte vom Haus herauf.
Wir waren gleichzeitig auf den Beinen, ich stützte sie am Ellenbogen, als sie kurz schwankte.
Die Schatten waren etwas weiter aus dem Wald unter den Bergen herausgekrochen, nach dem Aufschrei schien alles erstarrt. Das Küchenfenster stand offen, die anderen Gäste waren entweder noch unterwegs oder ruhten sich in ihren Zimmern aus. Veranda und Essplatz lagen verlassen da.
Isabella nahm ihre dünnen Latschen in die Hand und hastete den Abhang hinunter. Mit ihren schnellen Schritten konnte ich kaum mithalten. Zumal ich etwas schwindlig war. Das abrupte Aufstehen und der Sinnesrausch kurz zuvor, forderten ihren Anteil an Energie. Als ich ins Haus trat, stieß Isabell bereits die Küchentür auf. Einen Moment zögerte ich, als sie die Hand vor den Mund schlug, dann machte ich die letzten drei Schritte und spähte um den Türpfosten…

Fortsetzung folgt. -> Hier geht es weiter.

Leave a Comment