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Der Alte am Wegesrand VI

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Die Bewegung der Zeit ist zäh. Dabei steckt in dem steten Fluss eine immerwährende Konsequenz. Egal an welchem Uferstreifen wir innehalten, immer kommen Ergebnis und Ursache auf uns zu und auf Dauer bleiben wir nirgendwo. Auf Dauer treiben wir vorbei.
Die Sonne stand weit höher, als noch vor dem Frühstück. Was den Tag vom Morgen unterscheidet, ist die Eindringlichkeit, auch der Farben. Licht flimmerte über die Felsen, blinzelnd schirmte ich meine Augen ab. Weit hinter dem sattgrünen Schwung der Bäume empfing der Uferstreifen in unendlicher Duldsamkeit das Werben der Wellen mit ihren Schaumkronen. Für mich war es ein lautloses Bild, Entfernung verändert nicht die Dinge, sondern unsere Wahrnehmung davon. Das Flüstern des Wassers im Kies, wenn es sich zurückzieht, seine Leidenschaft, mit der es dem Strand schon Jahrtausende lang Treue schwört, war nur das, was ich in der Erinnerung hörte. Es fand nicht statt in der Wirklichkeit, war dennoch real. Wie manchmal auch das Leben.
Ein wirkliches Geräusch holte meine Aufmerksamkeit zurück auf den Berg. Träge summte eine Hummel nur ein paar Zentimeter neben meinem Kopf, stand in der Luft neben mir wie ein Minihelikopter. Erstaunlich, dass sie sich da hoch verirrt hatte. Der karge Bewuchs dürfte sie kaum eingeladen haben.
Das Frühstück hatte durstig gemacht. Erst als ich die Flasche wieder in der Hand hielt, fiel mir wieder ein, dass sie schon seit einer Weile leer war. Aber wegen der Quelle, von der alle mir erzählt hatten, war ich schließlich hier? Mit geschlossenen Augen und schief gelegtem Kopf glaubte auch ich, besser hören zu können. Da säuselte der Wind um die Felskanten, von weiter unten rauschte der Wald. Kein Wasserplätschern.
Ein paar Dehnungsübungen ließen die Gelenke knacken, und es fühlte sich an, als würden die Muskeln neue Spannkraft bekommen. Über mir reckte der Gipfel sich noch weiter in die Höhe, aber da würde es nur mit entsprechender Ausrüstung weiter gehen. Tiefe, dunkle Spalten zogen sich durch das Gestein wie Furchen in der alten, verhärteten Haut des Berges. In welcher sollte ich anfangen zu suchen?
Die Trekkingschuhe boten ausreichend Halt auf dem Boden, der immer wieder von Geröll übersät war. Mancher Schritt wurde zum Tasten, wo sich die Gelegenheit bot, stützte ich mich mit den Händen ab. Im Schatten, in den ich immer wieder eintauchte, hockte die kühle Verschlafenheit des Berges. Ich sah mich um. In die Tiefen der klaffenden Risse schien wahrscheinlich nie die Sonne. Modergeruch. Irgendwo musste die Feuchtigkeit herkommen.
War der Durst, den die nach altem Hausrezept eingelegten Oliven verursachten, nur ein weiterer Ansporn, nach der Quelle zu suchen? Eine dieser Zufälligkeiten, die uns in Bahnen lenken, in die wir längst gehören. Oder aus alten hinauswerfen. Schließlich könnte ich mich hier oben auch an ein ruhiges Plätzchen setzen, das Wechselspiel des Lichts beobachten, mit dem der Tag sich schmückte, ab und zu ein Foto davon machen. Ich schluckte, inzwischen fühlte mein Hals sich an wie trockengewischt. Die Quelle zu finden, war doch wichtiger, als hier in der Sonne zu faulenzen. Wer weiß, ob ich Flüssigkeitsverlust durch den Nachtmarsch überhaupt mit dem einen Liter Wasser hatte ausgleichen können.
Das nächste Stück war nur durch klettern zu überwinden. Den Rucksack auf den Schultern, suchte ich mit den Fingern nach Halt, zog mich aufwärts, während mir die Kälte des Felsens durch die Kleidung drang. Endlich konnte ich mich aus dem Einschnitt im Gestein wieder nach oben schieben. Was für ein Anblick. Und nicht nur deswegen: Durchatmen! Schnall schloss ich den Mund wieder, versuchte durch Reiben der Zunge an den Zähnen, etwas Flüssigkeit zu bekommen.
Legten sie da unten verschieden Sorten Oliven ein? Nach unterschiedlichen Rezepten? Die bauchigen Gefäße standen Reihe an Reihe in dem natürlich gekühlten Vorratsraum, einer Höhle im Gestein, durch die man außer über ein Stück mit Bohlen gepflastertem Weg auch durch einen Gang im Keller kam. Gab es ein Ordnungssystem nach frisch, mittelreif, reif, das ich nicht kennen konnte? Es war nicht vorgesehen, dass Gäste sich in den Vorratsräumen selber bedienten.
Ich strich mir über die Haare und schüttelte den Kopf. Bisher war mir der Durst nicht aufgefallen, weil ich genug zu trinken hatte. Dessen, was wir haben, sind wir uns selten bewusst. Der Reiz des Neuen liegt nicht darin, dass uns etwas Unbekanntes begegnet, sondern resultiert aus unserer Wahrnehmung. In diesen Momenten nehmen wir wirklich war, womit wir es zu tun haben.
In der Ferienpension war ich natürlich immer gut versorgt, mit allem, was Keller und Küche hergaben. Mit einem Satz sprang die Erinnerung zurück zu diesem Abend vor ein paar Tagen.

Ich stockte an der Tür. Tinsas Gesicht bestand nur aus nachtschwarzen Augen, weit aufgerissen wie der Mund, als wären Blick und Schrei gefroren. Ansonsten war die Köchin bleich wie die gekalkte Wand hinter ihr. Die leeren Hände vor der Brust kneteten etwas, das nur sie sehen und fühlen konnte. Als würde sie sich vor dem Angriff eines anspringenden Hundes schützen.
Isabella hielt mich fest, als ich an ihr vorbei drängen wollte.
Erstaunt sah ich sie an, deutete dann auf Tinsa. “Sie sieht aus, als könnte sie Hilfe gebrauchen.”
Die Wirtin nickte. “Dann sei bei ihr, ohne ihr zu nahe zu kommen. Durch das hier muss sie allein durchgehen.”
Vorsichtig sah ich mich in der Küche um, einem Raum, der für mich als Gast und Urlauber zur Peripherie gehörte. Erstaunlich, dass in diesem Minireich all die Leckereien gezaubert wurden, mit denen man mich und die anderen Gäste jeden Tag verwöhnte. Tinsa hatte den Blick starr auf den Küchenblock mitten im Raum gerichtet, als könnte sie hindurch sehen.
“Was soll das?” wollte ich wissen und versuchte, Isabellas Hand abzustreifen.
“Schscht!”
Erst jetzt bemerkte ich Nadia und die Kleine. Auch bei ihnen konnte ich keine Sorgen um die kleine, drahtige Köchin erkennen. Felicia hatte den kleinen Zeigefinger so fest gegen die Lippen gelegt, dass er sich bog und schaute vorwurfsvoll zu mir herüber. Das passte nicht zu dem, was ich über die Menschen gelernt hatte in den davor liegenden Tagen.
“Tinsa!” Isabellas Stimme war bestimmt, nicht aber ohne einen warmen Unterton.
Die Köchin zeigte keine Reaktion. Dann lief ein Schauer durch sie. Sie öffnete den Mund. Wenn sie etwas sagte, war es nicht zu verstehen. Jedenfalls hatte ich nichts gehört.
Nadia und Felicia beugten sich der Szene entgegen, wie Publikum im Theater, wenn das Geschehen auf der Bühne einem Höhepunkt zustrebt.
“Atme!” Isabella wurde noch eindringlicher. “Du musst es tun, und du weißt es.”
Die Magierin des Herdes senkte das Kinn, dann den Kopf. Sie nickte. Wie hätte es zu all dem auch keine Vorgeschichte geben können! Egal wovon wir glauben, dass es gerade beginnt, wir sind immer mittendrin. Unser Leben entfaltet sich wie eine Patchworkdecke. Wo wir den nächsten Flicken Erleben ansetzen, den vorhergehenden beenden, ist für andere noch lange nicht Schluss.
Die Spannung der Frauen, die den Raum um die Kochplatten und die zwei Backöfen herum vibrieren ließ, übertrug sich auf mich. Was war hier los?
Obwohl Isabella sich kein Stück bewegte, schien sie sich zurückzunehmen. Auf Distanz zu gehen.
“Du musst es tun”, sagte sie, “und zwar jetzt!”
Die kleine Felicia erstaunte mich am meisten. Ihr ganzer Ausdruck zeigte eine unverhohlene Neugier, ganz wie von einem Kind zu erwarten. Dabei war sie doch so gelassen, als erwarte sie nur eine Bestätigung- Ihrer eigenen Erwartung. Ich schüttelte den Kopf. Was für ein verworrener Gedanke!

Tinsa nahm die Hände von der Brust, und genau das bedeutete, dass sie sich ein Herz fasste. Die starre Maske ihres Gesichts löste sich auf, die Angst verschwand und wich Entschlossenheit.
Ich sah von einer zur anderen. Isabella so ganz dicht neben mir, dass ich ihre Körperwärme spürte. Ihre Tochter und Enkelin ein Stück weiter im Raum, Nadia hatte der Kleinen eine Hand auf die Schulter gelegt, wie man es bei Kindern tut, die einer bestimmten Sache ihre ganze sprunghafte Aufmerksamkeit schenken sollen. Aber das war wohl nicht nötig, Felicia schien gar nicht mehr hier zu sein.
Die Köchin trat einen Schritt vor, sogar etwas Farbe war auf ihren Wangen zu sehen. Der Punkt, den sie fixierte, war hinter dem Kochblock verborgen. Als sie weiterging, langsam, doch ohne zu zögern jetzt, verschwand auch sie von der Hüfte abwärts, so dass nur noch ihr Oberkörper quer durch den Raum schwebte. Ohne zu Halten öffnete sie im Vorbeigehen die rückwärtige Tür, die auf den kleinen Wirtschaftshof führte. Zweimal in der Woche hielt dort ein Minitransporter mit nagelndem Dieselmotor, um die Vorräte der Ferienpension aufzufüllen. Der Fahrer, ein junger Mann mit blauschwarz in der Sonne glänzenden, wilden Locken, warf immer verstohlene Blicke auf Nadia. Wenn sie sich dann näherte, war seine wachsende Verlegenheit nicht mehr zu übersehen, bis er schließlich tat, als wäre sie Luft.
Die Tür schwang auf, vor dem halbhohen Zaun stapelten sich ein paar Kisten. Ein aufrecht stehendes Fass diente als Lande- und Fressplatz für ein paar Vögel. Erschrocken stoben sie davon, als der Lichtschein aus der Küche auf sie fiel, ließen einen vereinsamten Futternapf zurück.
Tinsa nahm den Besen von der Wand neben dem Türpfosten. Die Schnur hatte sich am Haken verheddert, sie musste noch einmal nachfassen, tat das, ohne sich umzudrehen. Sie starrte in die Ecke, die ich nicht sehen konnte. Von der vor Schreck gelähmten Frau war nichts geblieben, sie hielt den Besen wie eine Lanze, bereit zu Angriff, als auch zur Verteidigung.
Meine Neugier trieb mich weiter in den Raum. Wieder hielt Isabella meinen Arm fest, bedeutete mir diesmal nur mit dem Finger auf den Lippen, wie ich mich verhalten sollte. Auf Zehenspitzen schlich ich um den Block herum, hielt den Atem an und sah zu, dass ich an der Stelle, wo die Herdplatten Hitze warfen, so schnell wie möglich vorbei kam.
In geduckter Haltung richtete Tinsa ihre Besenlanze auf den Gegner. Was mochte da nur hocken? Hier, in diesem Haus, das mitten in der Natur lag, den Wald im Rücken, den weißen Strand mit den blautürkisen Träumen an seinem Saum ständig vor Augen, das dennoch eine der saubersten Unterkünfte bot, die ich je im Urlaub erlebt hatte. Ich schaute auf, als ein kehliges Knurren aus dem Hals der zierlichen Frau grollte.
“Und jetzt”, sagte sie und holte dabei mit dem Holzstiel zum Stoß aus, “machst du, dass du fort kommst und lässt dich nie wieder blicken!”
Hinter der Ecke des Küchenblocks sah ich- nichts. Worauf immer Tinsa da losging, was auch immer ihr eine so schreckliche Angst eingejagt, sie gelähmt hatte, von dem Schrei an, der bis auf den Hügel zu hören gewesen war, bis zu dem Moment, in dem Isabella ihr durch die wenigen, beschwörenden Worte aus der Erstarrung geholfen hatte, es schien nicht real zu sein. Fragend blickte ich über die Schulter zurück zu der schönen Wirtin. Ihr Gesicht, ebenso wie der Ausdruck auf denen anderen deutete an, dass es noch nicht vorbei war.
“Verschwinde!”
Ich fuhr herum.
Der Stecken wirbelte durch die Luft, beschrieb einen Bogen wie die Klinge eines Samuraischwertes, geführt mit vollendeter Eleganz. Unmöglich, dass die Köchin das zum ersten Mal machte. Krachend schlug das Ende auf den Boden, kurz vor der Wand. In der Luft zitterten am anderen Ende die Borsten.
Stille. Spannung in der Luft, dass man sie in Blöcke geschnitten aus der Tür tragen könnte. Was ging hier vor?
Ein Rascheln. Ein Fiepen. Dann sah ich es.
Ein verschrecktes, grau-schwarzes Mäuschen. Es hockte auf den Hinterpfoten, den Ringelschwanz darum gelegt, die Vorderpfötchen vor der Brust. Auf eine rührende Weise erinnerte es in dieser Haltung an die der Köchin vor nicht einmal fünf Minuten. Seine langen Barthaare zitterten, der Besenstiel war genau vor ihm auf den harten Boden geschlagen.
“Verfehlt”, sagte ich tonlos, “Sie haben sie…”
“Und jetzt!” Als wollte sie eine Furche in die Platten kratzen, zog Tinsa den Besenstiel über den Boden, ein schreckliches, scharrendes Geräusch. Mit einer perfekten Linie zeichnete sie den Weg zur Tür, ein Stück weiter über die Schwelle hinaus.
Draußen rauschte eine Bö in den Bäumen.
“Verschwinde für immer!”
Es schien, als würde die Maus nicken. Dann machte sie sich mit flinken Pfoten davon und verschwand in den Schatten.
Felicia rannte zu Tinsa und schlang ihre kleinen Ärmchen um den Bauch. “Ja!”
Etwas gelassener trat Nadia hinzu und legte der Köchin die Hand auf die Schulter. Die Frau strahlte vor Stolz.

“Das war es?” Ich sah Isabella an, halb belustigt, halb im Zweifel darüber, was ich davon halten sollte. “Ein Kampf mit einer Maus?”
Sie winkte mich hinaus.
“Wann sind die Dinge schon einmal das”, fragte sie, während wir den Weg einschlugen zu dem Sandhügel vor dem Steg, den alle die Düne nannten, “wofür wir sie halten?”

Unter der Düne rauschte das Meer. Im Flüstern, das es mitbrachte, war alles enthalten, um den Tag zu beschließen. Abgesang auf das Erlebte, ein leichtes Schlummerlied und noch etwas anderes, das in der Luft neben mir prickelte.
“Menschen sind hochkompliziert in den Verstrickungen”, sagte Isabella und stützte sich mit den Ellbogen in den weichen Sand, “aber so einfach in den Ursachen.”
Vor dem abendlichen Horizont schob sich ein noch dunklerer Schatten entlang. Ein gewaltiger Kahn, wenn wir ihn auf diese Entfernung immer noch sehen konnten.
“Klingt nach etwas, dass sich gegenseitig ausschließt”, gab ich zu bedenken.
Ihr Gesicht schien in den heranziehenden Schatten zu verschwimmen, wodurch die Züge noch weicher wurden. “Stell dir ein Stück Wollfaden vor, ein ganz kurzes! Hast du es?”
Ich nickte.

Fortsetzung folgt.

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