Home › Page › Der Alte am Wegesrand VII

Der Alte am Wegesrand VII

Hier entlang zum vorhergehenden Teil.

Der Türriegel schnappte so behutsam, dass jedes Geräusch vermieden werden sollte, jede Aufmerksamkeit. Und ich lag hellwach.
Es ist mehr das Flüstern, als das Schreien, das unsere Sinne schärft.
Die Schatten und ich, wir durchdrangen uns gegenseitig. Im zweistimmigen Rauschen vor dem Fenster, wo Meer und Wald sich ihre Morgengrüße zuraunten, zog ein weiterer Tag herauf. In mir versuchte die Erinnerung aus der letzten Nacht ans Licht zu kommen.
Jede Muskelfaser summte in einer anderen Tonlage, je nach Beschaffenheit und Platzierung im Körper. Ich spürte ihn überall. Auf diese Weise, die mit der Befriedigung einhergeht, es nach hingebungsvollem Kampf geschafft zu haben. Nur war es diesmal kein Workout gewesen, sondern Loveout.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, fortgewischt von der verspielten Dämmerung. Der Vorhang am Fenster schwang leicht hin und her, als wollte mir das Meer mit seinem Atem voller Salz einen Morgenkuss schicken. Ich tastete mit der Zunge die Lippen ab. Sie waren geschwollen von ihren Küssen und in den Poren hatte sich ihr Geschmack verfangen.
Die Matratze in Isabellas Bett war einfach, fest und dick, ein bequemes Lager für einen, und für zwei genau das Richtige, um sich eine Nacht lang nicht aus der Halbdistanz zu verlieren.
Wenn es ein Kampf gewesen war, dann nur, wenn Schenken und Annehmen auch Formen von Kampf sind.
Ein paar Dehnungsübungen am Fenster brachten mein Blut in Schwung und verstärkten damit den gärenden Rausch. Die Lunge ganz voll gesogen mit der frischen Luft, wie es sie so nur gibt auf der messerscharfen Schneide, die den Schlaf trennt vom Erwachen des Morgens, das Aufpumpen, immer ein Stückchen weiter mit jedem Atemzug, ließ mich die Trennung von der Umwelt durch den Körper vergessen. Es war kein Gefühl von Verbindung, sondern Erleben. Ich stützte mich am Fenstersims ab, als wäre ich wirklich betrunken.
Menschen! Nichts ist diesem Rauschen zu vergleichen, dem Singen des Blutes im Kopf, im Körper. Und doch betrinken wir uns öfter, als dass wir uns lieben.
Die Beine angewinkelt hockte ich mich in den Fensterrahmen. Wie von einer Loge aus schaute ich der ewig gleichen, ewig immer wieder anders wirkenden Vorstellung der Natur zu, die sich selbst inszenierte. Im Gegensatz zu uns kann sie das. Weil Spiel und Wesen eines sind.
Ein Lächeln zog meine Mundwinkel in die Breite, bis ich genüsslich gähnte, ohne es aufhalten zu können. Mir steckte das Erwachen mir in den Knochen.
Die Natur ist kongruent.
Während die Sonne begann, den Wald im Morgenrot auflodern zu lassen, als wollte sie Feuer legen an die sommertrockenen Stämme, kam ausgerechnet mein alter Mathelehrer mir in den Sinn und sein Lieblingswort. Welch makabere Wege doch im Labyrinth des Unterbewusstseins zu neuen Verknüpfungen führen. Spuren kreuzen sich, deren Verbindung wir nie für möglich gehalten hätten. Unsere Vorausschau bleibt ewig Laie im Gegensatz zum Potential der Wirklichkeit. Die Erinnerung ausgerechnet an diesen Mann hatte etwas zutiefst Logisches, war doch niemand, den ich kannte, weniger kongruent als er selber. Wie hätte er das formuliert? Sein Verhalten war umgekehrt proportional zu seinen Prinzipien?
Im aufbrausenden Lärm des Federvolks, das sich wohl um die besten Brocken beim Frühstück stritt, schlüpfte ich in meine Hose und nahm den Rest unter den Arm.
Zurück in meinem Zimmer legte ich mich unter das Fenster und breitete die Arme auf dem Schattenkreuz aus, das die Sonne mit den Holzstreben auf den Boden warf. Blankpolierte Kühle kribbelte auf dem Rücken, und auf den Lippen brannte das Leben. Die Erinnerung an die Vergangene Nacht.
Isabella.
Nur wenige Male war es so gewesen, wie mit ihr. Nicht mehr der sein, den das Verlangen in die Umarmung getrieben hatte. Sich ausgetauscht haben in einem viel wahreren und realeren Begreifen, als diese Floskel allgemein bedeutet. Meine Zunge schmeckte immer noch ihre Lippen, wenn sie über meine fuhr, und ob das Gefangensein in ihrem Duft jemals eine Begnadigung finden würde, daran wagte ich in diesem Moment zu zweifeln. Es gibt Haftanstalten, in die man sich nicht nur freiwillig begibt, sondern auch dort bleibt. Ein Vibrieren in allen Fasern, wie der riefe Grundton einer Orgel, schlief ich ein.

Ich drehte mich auf den Bauch und blinzelte von meiner Strohmatte im Sand hinaus in das Glitzerspiel der Wellen. Ein Tag, an dem ich kaum mehr Lust hatte, etwas zu unternehmen, also legte ich mich nach dem Duschen an den Strand. Am späten Vormittag war die Sonne auf der Haut noch zu ertragen, später wechselte ich in den Schatten. Nur ein paar Meter von hier hatte Isabella mir am Abend zuvor von der Musophobie der Köchin erzählt.
“Wenn du einmal dieses Bild hast”, sagte sie, nachdem ich mir einen Wollfaden vorstellte, “kannst du damit machen, was du willst. Wie übrigens mit jedem Bild. Der Wollfaden symbolisiert sehr gut das menschliche Leben, wenn man sich auf die Analogie einlässt.”
Sie drehte sich und schaute mit dem Kopf auf meiner Schulter hinauf in die immer deutlicher heraufziehende Dunkelheit, als könnte sie dort alles ablesen, wo in Stunden oder auch nur Minuten die Sterne als Punktstickerei über uns auftauchen würden. Ich sog den Duft von Rosmarin aus ihren Haaren tief ein und lauschte mit geschlossenen Augen.
“Am Anfang”, sagte Isabella, “ist es noch gar kein Faden. Wir kommen als Punkt auf die Welt, als Filzpunkt, aber doch schon mit eigenen Dimensionen. Daraus hervor zwirbelt sich der Faden, unser Lebensfaden. Man kann auch sagen, die Nabelschnur.”
Ich legte meine Hand auf ihren Bauch, ganz leicht, spürte den Atem, der ihn hob und senkte, fühlte das Pochen einer Ader irgendwo unter der Haut. “Aber bei der Geburt werden wir doch abgenabelt.”
“Und doch verbindet uns etwas das ganze Leben lang- eben mit diesem Leben. Der Faden spinnt sich von seinem Ursprung fort, und ob wir nun annehmen, die eine Seite bewegt sich, während die andere den Anfang markiert, oder denken, dass der Beginn in der Mitte ruht und wir uns, mindestens, in zwei Richtungen entfalten, spielt für die Erfahrung keine Rolle, dass die beiden Enden sich immer weiter voneinander entfernen. Nicht wahr?”
Sie konnte mein Nicken nicht sehen, spürte und deutete aber die Bewegung. Ganz tief sog sie die Abendluft ein, als wollte sie sich meiner Hand entgegen strecken, um dann noch dichter an mich zu rücken. Die aufflammende Unruhe in mir versuchte ich in den Griff zu bekommen, indem ich mich kurz auf das Rauschen der Wellen konzentrierte. Dann hörte ich der Frau weiter zu, die an diesem Tag so unverhofft sämtliche Hürden zwischen uns mühelos übersprungen zu haben schien.
“Wenn du einen Wollfaden auseinander zwirbelst, entdeckst du die immer feineren Strukturen, aus denen er sich zusammensetzt. Die ihm letztlich seine Stabilität verleihen. Alles ist entlang dieser spinnwebenfeinen Fädchen aufgereiht, all dein Erleben, deine Erinnerung. Ob sie dir bewusst sind oder nicht. Nichts geht verloren. Die Alten haben das schon immer gesagt. Die Neuen bestätigen es und nennen es wissenschaftliche Entdeckungen.”
“Das Romantisieren des Alten ist doch auch nur eine Pose”, sagte ich leise an ihrem Ohr. Ich war versucht, das wie einen Tropfen geformte Ohrläppchen zu küssen, schluckte aber nur trocken. “Mir hat sie gelegentlich den Anschein von Weltflucht.”
Sie stützte sich auf den Ellenbogen. Ihre Augen konnte ich nur ahnen. Und fühlen. Wie intensiv sie mich ansah. Dick und weich fühlte ich ihr Haar, als meine Hand darin die Kontrolle verlor.
“Ebenso wie das Glorifizieren alles Modernen, Hauptsache, es ist neu! Wenn es…”
Ich verschloss ihr den Mund mit meinen Lippen und lernte in Sekunden dieser Berührung mehr, als man über Menschen in Jahren in Erfahrung bringen kann. Sie sprach ebenso leidenschaftlich, wenn sie auf diese Weise schwieg, wie sie ihre Meinung vorbrachte.
Zwischen diesem ersten Kuss und dem nächsten erzählte sie mir, dass Tinsa als kleines Kind von einer Maus in den Finger gebissen worden war. Bis auf den Knochen. Eine schmerzhafte Wunde war die Folge, die sich entzündete. Eiter und Wundbrand, schließlich sogar die Gefahr, das Glied zu verlieren durch eine Blutvergiftung. Ein Heiler, der schon seit Jahren Warzen durch Umwickeln mit Wollfäden und Besprechen verschwinden ließ und andere kleine und große Beschwerden zu lindern und heilen wusste, hatte für den Erhalt des Zeigefingers sorgen können. Wenn man genau hinsah und Tinsa die inzwischen älter gewordene Haut am Finger straffte, sah man die Narbe, die die scharfen Mäusezähnchen hinterlassen hatten. Gravierender war aber die Narbe im Innen, in der Erinnerung. Das Trauma, das ihr diese Angst bescherte vor den kleinen Nagern, dass sie in deren Gegenwart Panikattacken bekam, wollte sich nicht auflösen lassen.
“Und durch dich ist sie nun geheilt worden”, sagte ich.
Sie blickte wieder an mir vorbei hinauf in den Himmel voller Sterne. Leise, aber mit großem Ernst sagte sie: “Medicus curat, spiritus sanat.”
“Tut mir leid”, antwortete ich ebenso leise, “mein Latein ist keinesfalls der Rede wert. Muss es nicht aber natura heißen? Natura sanat.“
„Für mich sind das zwei der möglichen Namen für ein und dasselbe“, sagte sie. „Heutzutage mag man lang und breit darüber diskutieren wollen, macht es aber wirklich einen Unterschied, ob ich sage: Der Medikus behandelt, der Geist heilt, oder das Heilen der Natur zuschreibe?”
Ich schwieg. Sie ließ mir einmal mehr keine Zeit zum Nachdenken.
“Die Menschen reden immer von Naturgesetzen”, erklärte sie, “es gibt aber wirklich welche, die dem Leben und der Heilung dienen. Sie anzuwenden heißt, den Geist fließen lassen. Fließender Geist führt zur Heilung, da er die Dinge zu sich selbst zurückführt.”
“Klingt interessant”, musste ich zugeben, “nur, was ist…”
“Zunächst muss der Mensch seine Rolle akzeptieren. Bleiben wir bei Tinsa und dem, wovon du gerade Zeuge geworden bist. In dem Moment, in dem sie bereit war wirklich zu sehen, dass die Blockaden in ihr waren, nirgendwo anders, so weit und so lange sie auch das Universum absuchen würde, öffnete sich die Tür.”
“Und die Heilung trat ein?” fragte ich.
Isabella kämmte meine Haare mit gespreizten Fingern nach hinten. Es kribbelte unter der Kopfhaut.
“Den ersten Schritt über diese Schwelle müssen immer wir machen. Heilung kommt, wenn wir auf sie zu gehen. Als Tinsa bereit war, zu akzeptieren, bereit war, den ersten Schritt zu tun, musste nur noch eine Situation eintreten, die die Akzeptanz in Wirklichkeit verwandeln konnte. Mit dem kleinen Wesen, das da in der Küchenecke von einem alten Stück Käse genascht hat, ist auch die Angst für immer in den Abend geflohen.”
„Und hat den Wollfaden mitgenommen?“
Ihr Lachen klang dunkel. „Das eine Ende des Fadens war das Ereignis, das die Phobie ausgelöst hatte, der Biss der kleinen Maus. Wenn wir nach Jahren immer noch davon gefangen sind, hängt alles immer noch an diesem Ende, das schon lange nicht mehr wirklich ist, sondern nur noch Erinnerung. Es verfilzt immer mehr, wird dadurch immer verworrener und undurchschaubarer. Das Symbol zeigt aber auch, dass wir im Heute den Faden immer noch in der Hand halten. Was geschehen ist, lässt sich nicht ändern. Aber die Beziehung dazu, wie wir die Dinge sehen, das lässt sich entwirren.“
Einen Moment ließ ich das auf mich wirken. Eine Menge Erkenntnis war möglich, wenn man sich das schlichte Beispiel vor Augen hielt. Eine Frage fiel mir dann noch ein:
“Du hast gesagt, die Situation musste eintreten? Wills du damit andeuten, du hast die Maus in die Küche gesetzt?”
Ihre Hand, inzwischen an meinem Nacken angelangt, zog mich wieder fest zu sich heran.
Atemlos hob ich sie auf nach dem zweiten Kuss. Der Weg führte wie eine gezogene Linie zum Haus.
“Lass mich wieder hinunter”, bat sie nach ein paar Schritten.
“Habe ich mich getäuscht, und es ist nicht unser beider Wunsch?”
Sie lehnte sich an mich. Ihre Halsbeuge duftete heiß und sinnlich.
“Wo ich hinwill”, sagte sie, “will ich gemeinsam mit dir gehen. Auf meinen eigenen Füßen.”
Das Haus nahm uns auf, hinter mir fiel die Tür zu ihrem Zimmer ins Schloss.

“Dein Durst sitzt ganz woanders, als in deiner Kehle!”
Ich zuckte zusammen. Immer noch hatte ich kein Wasser gefunden hier oben auf dem Berg. War ich inzwischen so dehydriert, dass ich Stimmen hörte, die sich knarrend in mein Bewusstsein fraßen? Vielleicht war es an der Zeit, den Weg zurück anzutreten. Wenn ich langsam ging, würde ich es schaffen zurück zur Ferienpension. Manchmal ist es nicht heroisch, weiterzumachen und keine Schande, aufzugeben. Die letzte halbe Stunde hatte ich einfach nur dagehockt und war von den berauschenden Bildern der jüngsten Vergangenheit gehindert worden, irgendetwas zu unternehmen.
Der karge Bewuchs zwischen den Felsspalten nickte leicht im Wind, der über den Berg strich. So wie der älter werdende Morgen dem Tag die Farbe zurückgegeben hatte, bleichte der Mittag sie wieder aus.
Der Berg hatte gerufen, hatte ich noch in der Nacht gedacht, und ich war gefolgt. Wie ein Kind dem Rattenfänger.
Ich verstaute die leere Wasserflasche im Rucksack und erhob mich.
“Glaubst du, in deinen hohlen Händen kannst du genug Wasser schöpfen?”
Ich fuhr herum. Entweder waren die Halluzinationen stärker, als ich selber bisher vermutet hatte, oder…
“Keine Angst, ich bin echt!”
Der weiße Bart des Alten wippte am Kinn, während er lautlos in sich hinein lachte. Wie der sprichwörtliche Opa, der seinem Enkel eine Geschichte erzählen will, saß er entspannt auf dem Findling, an dem ich vorbeigegangen war, als ich am Morgen aus dem Wald trat.
Kurz presste ich die spröden Lippen aufeinander, bevor ich antworten wollte. Er hob abwehrend die Hand.
“Du suchst die Quelle?” fragte er.
Ich nickte.
“Dann lauf doch nicht ständig dran vorbei, du Narr!”

Fortsetzung folgt: Und zwar hier!

___
Scheinhardt auf Posterous
Scheinhardt auf Tumblr

Leave a Comment