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Der Alte am Wegesrand VIII

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Ich deutete hinüber zu den Felsen. Wie ein Netz aus Licht funkelte die Sonne in den Glimmereinschlüssen an der Oberfläche.
„Da oben gibt es kein Wasser, an dem ich vorbeigelaufen sein könnte!“
Er lachte so, dass es mehr durch die schüttelnden Bewegungen seines Körpers zu sehen, als zu hören war. Mit weit geöffneten Augen sah er zu mir auf, dass ich es war, der unwillkürlich blinzeln musste. Ähnlich wie bei einem ansteckenden Gähnen, nur mit vertauschten Vorzeichen. In den großen Kinderaugen zwischen den Falten flimmerte das Licht des Mittags so grell, dass sie ständig zwischen verschiedenen Farben wechselten. Als hätte seine Iris die Eigenschaften von Chamäleonhaut.
„Die meisten Menschen sehen nur, was sie sehen wollen“, sagte er.
“Sie meinen”, fragte ich, nachdem ich mir mehrmals die spröden Lippen vergeblich versucht hatte, mit der Zunge zu befeuchten, “ich habe etwas übersehen?”
“Sonst wärst du nicht hier.”
Ich runzelte die Stirn. “Ich meine, ob ich hier oben…”
Er winkte ab. “Ich weiß. Und du?”
“Was?”
“Ich frage mich, ob du weißt, was du meinst.”
Auch mit geschlossenen Augen kam ich nicht annähernd hinter den Sinn seiner kryptischen Rede. Mir wurde schwindlig und ich wusste nur, dass ich dringend Wasser brauchte. Ohne ihn weiter zu beachten, drehte ich mich um und ging auf die Schneise zu. Ich ermahnte mich, einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Überhastet zu sein, würde mich nicht schneller machen, sondern weiter für Flüssigkeitsverlust sorgen.
Die Briese den Berg herauf, hatte längst ihre Frische verloren, blies mich an wie abgestandener Atem.
“Du Narr!”
Ich drehte mich um. Nicht, weil er mich wiederholt beschimpfte, sondern wegen dem Geräusch, das aus seiner Richtung kam. Wasser plätscherte. Mein Mund fühlte sich noch rauer an. Der Alte schwenkte eine bauchige Flasche. Unsicher ging ich zurück.
“Nicht so hastig! Kleine Schlucke, hol Luft zwischendurch!”
Er packte meinen Ellbogen, ohne sich im Geringsten anzustrengen oder auch nur einen Millimeter zu bewegen von dem Stein. Allein sein Griff war voller Kraft und seine Augen strahlten noch heller. In allem wirkte er wie ein junger Mann, dem man eine faltige Maske über das Gesicht gezogen hatte. Unmöglich, sich seinen Fingern zu entziehen, die sich hart in meinen Arme gegraben hatten. Ich biss die Zähe zusammen.
“Langsam”, wiederholte er seine Aufforderung. “Es ist nicht die Menge der Nahrung, die nährt, sondern Maß und Zeitpunkt.”
Mein Brustkorb hob und senkte sich schnell, ich keuchte. Die Flasche aus Kürbishaut immer noch in der Hand, sah ich ihn fragend an. Er nickte, warnte aber noch einmal: “Denk an das Maß!”
Ich schaffte es, mich zu beherrschen, nahm einen langen Zug, schluckte nicht sofort, sondern versuchte mehr von dem Wasser zu erfahren, als dass es den Durst stillte.
“Danke!” sagte ich und hockte mich ihm gegenüber auf den Boden in Schneidersitz, die Flasche im Schoß. Selbst wenn der Alte den Anschein erweckt hätte, dass er sie wiederhaben wollte, ich war nicht gewillt, sie ihm zu geben. Jedenfalls nicht, solange noch ein Tropfen drin war.
“Gut!” Er nickte. “Was ist dir beim letzten Schluck aufgefallen, außer, dass es das köstlichste Wasser ist, dass du je getrunken hast? Weil alles so schmeckt, wenn man kurz vor dem Verdursten war.”
Noch einmal spürte ich kauend dem Geschmack nach und sah verlegen auf. Schließlich war ich nicht bei einer Weinverkostung. Was er sagte, stimmte nur bedingt. Selbst jetzt, wo der erste und der zweite Durst gestillt waren, schmeckte es auf eine nicht zu erklärende Art besonders. Ich sagte ihm das.
“Kann das sein?” schob ich gleich die Frage hinterher.
„Ist das, was ist, nicht das, was sein kann?“
Mit Daumen und Zeigefinger massierte ich meine Stirn. „Entschuldigen Sie, aber das ist wohl nach diesem halben Tag alles zu viel für mich.“
„Ich frage dich: Wie kann es sein, dass du mittendrin steckst und fragst, ob das sein kann?“
Aus dem Nadelteppich vergangener Jahre duftete es unter mir trocken nach Kiefer herauf. Mit einem kurzen Blick ringsum fragte ich mich, was es wohl war, in das ich hier mitten hinein geraten war.
„Wie bist du hergekommen?“ fragte er. „Ich meine nicht den Weg herauf, den du in der Nacht gegangen bist. Was hat dich dazu bewegt, hier zu sein? Was wurde wirklich mit dem Moment, in dem du aus dieser Schneise zwischen den Bäumen das Plateau betreten hast?“
Halb schloss ich die Lider, sah alles vor mir durch den halbgeschlossenen Vorhang meiner Wimpern in einem verwischten Licht.
Wenn ein Traum zur Verwirklichung drängt…

Es kann nicht allein von fremder Hand eingepflanzt werden: Dieser Drang zu suchen, das Findenwollen.
Wie soll ein Ton aus einer Muschel klingen, in der keine Resonanz entsteht, wie der Wind am Boden rascheln, wenn alles Laub fehlt? Damit Licht einem Strahl aus dem Inneren heraus zurückfolgen kann, muss es innen einen Spiegel geben.
Durch all ihren Andeutungen und Erzählungen war es geweckt worden, was da in mir schlief.
Isabella hatte es gesagt, wie mir jetzt einfiel: “Der Traum will erwachen zur Wirklichkeit.”
Das Meer schwieg am Abend meiner Ankunft, kupfern war der Himmel am Horizont versunken, als würde ein geheimnisvolles Feuer dahinter ihn einschmelzen.
“Träume sind meist ohne Erinnerungen”, war meine Erwiderung gewesen zwischen zwei Oliven, “und in unseren realen Erinnerungen sind keine Bilder von Träumen. Zwei Welten, die sich vielleicht ab und zu berühren, aber die getrennt sind und bleiben.”
Sie hatte gelächelt und ich hatte instinktiv mit Ablehnung reagiert. An diesem Abend vor ein paar Tagen hatte ich noch nicht wissen können, dass ihr mildes Lächeln kein Ausdruck war von Überheblichkeit, sondern ein tief innerer Bestandteil ihres Wesens. Ich hatte gedacht, sie betrachtete mich wie eine nachsichtige Lehrerin ihren begriffsstutzigen Schüler, und das hatte mir nicht gefallen.
“Das ist die Erklärung der Wissenschaft”, sagte sie, “weil sie nichts anderes herausgefunden hat. Ist es nicht eher wie, um im wissenschaftlichen Bild zu bleiben, wie eine Membran, durch die hindurch ein Konzentrationsausgleich stattfindet?”
Ich nippte an dem schweren Rotwein, tauchte mit geschlossenen Augen ein in das Bouquet. “Das ist ja der Denkfehler. Weil es keinen Ausgleich gibt.”
Ringsum lauschten die anderen Gäste. Wie ein Blinzeln glomm immer wieder die Glut in einem klobigen Pfeifenkopf mir gegenüber auf, ließ die Lippen, zwischen denen schief das Mundstück hing, gespenstisch aufleuchten. Ich mochte das würzige Aroma des Tabaks, so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, war allerdings überhaupt nicht meine Sache. Auch die Wirtin schien kurz zu überlegen, dann atmete sie tief durch, schwang ein Bein über die Bank und setzte sich rittlings darauf.
“Was ist Voraussetzung für einen solchen Ausgleich?”
Ich runzelte die Stirn. “An der Membran treffen zwei Flüssigkeiten aufeinander, mit unterschiedlicher Konzentration.”
“Nur Flüssigkeiten?”
“Damit lässt es sich am besten verdeutlichen.”
“Also ist es möglich mit jeder Art von Materialien, die sich- vermischen können?”
Ich nickte.
Sie legte den Kopf schief. „Besteht das, was wir Leben nennen, nicht immer aus irgendwelchen Stoffen“, fragte sie, „aus Materialien?“
Ich hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte, zuckte daher erst einmal mit den Schultern.
Isabella beugte sich vor. „Und aus welchem Stoff bestehen Träume?“
„Das kommt darauf an“, sagte ich, „wovon wir träumen.“
„Ich meine nicht die Kleidung, die sich der Eine so schneidert und die Andere wieder anders. Woraus besteht der Stoff, aus dem der Stoff der Kleidung besteht?“
Mir kamen Zweifel daran, ob die Wahl dieses Urlaubsortes klug gewesen war. Abschalten hatte ich wollen, den Kopf frei bekommen. Und schon in den ersten Stunden ging es hier los, als wäre ich auf der Vorlesung einer geheimen, dabei auch noch vertrackt komplizierten Fakultät. Meine Gedanken müssen sich in meinem Gesicht widergespiegelt haben, denn Isabella lachte und legte mir ihre Hand auf den Arm.
„Keine Angst, es ist ganz einfach, worauf ich hinaus will. Laut Wissenschaft ist Gehirntätigkeit das Feuern von Neuronen. Habe ich das richtig in Erinnerung?“
„Ich denke schon“, sagte ich.
„Also, noch einfacher, es ist Elektrizität. Aber warum sollte es, vom Grundlegenden her, einen Unterschied geben zwischen der Elektrizität des wachen Denkens und der des Träumens? Denn- Ist Träumen nicht auch Hirntätigkeit? Und damit Elektrizität.“
Was sollte ich anderes machen als nicken?
„Und damit sind wir bei der Frage“, sie klopfte sich leicht auf den Oberschenkel, „warum sollte es zwischen den unterschiedlichen Spannungszuständen dieser Elektrizität nicht das Bestreben zum Ausgleich geben?“
Die Dochte in den Öllämpchen auf dem Tisch knisterten, jemand reichte den Krug herum, um Wein nachzuschenken.
Es war so ganz simpel, wie sie das hergeleitet hatte, doch meinem Denken fremd. Als würde jemand versuchen, einen völlig intakten Zug auf ein Gleisbett zu setzen, das zu schmal für seine Spurbreite war. Oder zu eng. Aber das machte keinen Unterschied.
Alle hingen wir unseren Gedanken nach.

Eine junge Frau kam aus dem Haus im Schatten, ein kleines, plapperndes Mädchen an der Hand. Sie lächelten und nickten herüber zu unserer stillen Abendgesellschaft, die Kleine winkte kurz, war dann wieder voll auf das konzentriert, was sie der Frau zu erzählen hatte. Sie verschwanden den Hügel hinauf, hinter dem das Meer rauschte, waren bald nur noch als dunkle Schatten vor einem nachtblauen Hintergrund zu erkennen.
“Mutter und Tochter”, erklärte Isabella. “Ich erinnere mich noch gut an den während der Schwangerschaft immer stärker schwellenden Bauch. Ein Traum wuchs dort unter dem Herzen der jungen Frau, ein Traum, der in die Wirklichkeit drängte. Und sehen Sie, eben ist sie hier an uns vorbeigelaufen, ein Stück Traum, der ins Leben gekommen ist.”
Der Wein schmeckte hervorragend, fast ölig rollte Schluck um Schluck wie von allein über die Zunge. In den letzten Minuten hatte ich mich aber mehr an das frische Wasser aus dem anderen Krug gehalten, um einen klaren Kopf zu behalten. Der exotische Rausch der Ferne, die ich in diesem Urlaub erlebte, ließ mein Blut schon genug singen im Kopf.
“Aber”, fragte ich schließlich, “was hat das mit Konzentrationsausgleich zwischen den Welten zu tun?”
Im dunklen Lächeln ihrer Pupillen spiegelte sich das Flackern der Wachslichter auf dem Tisch. “Lebensüberfluss wollte zu Lebensmangel”, sagte Isabella.
Mit einer vagen Geste machte ich deutlich, dass mir das nichts sagte.
Sie fuhr fort: “Im Leib meiner Tochter, ja, die Kleine ist meine Enkelin, war das Leben zu einer solchen Reife gelangt, dass es dort nicht bleiben konnte. Schauen Sie sich die Samen in den Früchten an. Irgendwann platzen die sie behütenden Hüllen und müssen sie herauslassen. Leben entsteht durch lassen. Loslassen, Freilassen, Lebenlassen.”
“Und dennoch”, beharrte ich, “das ist doch kein Konzentrationsausgleich.”
“Nein?” Da war wieder nur dieses Lächeln. “Glauben Sie nicht auch…”
Der Klang der hellen Kinderstimme hinter mir unterbrach sie. Wie ein wild aus seiner Koppel ausgebrochenes Fohlen sauste das Mädchen an mir vorbei in die Arme seiner Großmutter. Ich lachte innerlich. Isabella war schön und wirkte jung wie ein anbrechender Sommermorgen. Großmutter.
Sie drückten und küssten sich. Was die Kleine in ihrer wie Wasser plätschernden Sprache hervorsprudelte, konnte ich nicht verstehen. Aber es klang wichtig und gewichtig wie alle Abenteuer, die man als Kind erlebt. Immer wieder zeigte sie in Richtung Meer, von wo sie mit ihrer Mutter gerade zurückgekehrt war. Die junge Frau mit dem langen Haar, das in der Abendbrise hin und her schwang, stand dabei und lächelte einfach nur. Die Generation zwischen den Generationen.
“… glauben Sie nicht auch”, fuhr die Wirtin fort, als hätte es die Unterbrechung nicht gegeben, “dass in der Welt ein Leben gefehlt hat, und nur deswegen dieses hierher kommen konnte? Konzentrationsausgleich und ein Traum, der Wirklichkeit werden wollte.”
Sie strich der Enkelin über das Haar, küsste und verabschiedete sie dann, damit die Mutter sie ins Bett bringen konnte.
Ich sah sie verwirrt an. Dass hier in der Welt ein Leben fehlen sollte, damit eines geboren werden konnte, war ein Gedanke, der sich nicht so ohne weiteres fassen ließ. Es war weniger so, dass er davon schnippte, wenn man ihn anpacken wollte wie das berühmte Stück Seife unter der Dusche. Da war die Scheu, ihn überhaupt erst einmal anzutasten, weil er so fremd war.
Für den Abend war das Gespräch beendet. Die Gruppe löste sich auf, im letzten Schein der Kerzen vom Tisch verabschiedete man sich und auch ich spürte die Müdigkeit der Anreise in den Knochen.
Am nächsten Morgen wehrte Isabelle meine Fragen, die sie vorausahnte ab. Ihr Lächeln kam mir nicht mehr allwissend überheblich vor.
“Bevor du die Quelle nicht entdeckt hast”, sagte sie, “kannst du nicht wirklich den Fluss erkennen. Sehen vielleicht, aber nicht erkennen.”
Es war das erste Mal, dass sie mich duzte. Aber gleich darauf:
“Vielleicht entdecken sie in ihren Tagen hier die Möglichkeit, nach der Quelle zu suchen? Wer weiß.”
Die Quelle.
Da hatte ich zum ersten Mal von ihr gehört.

„Und nun bist du hier auf meinem Berg“, holte mich der Alte aus meiner Erinnerung zurück, „und glaubst, etwas mitnehmen zu können, ohne was zu bringen.“
Er stand auf wie von einer Feder geschnellt und schwang seinen knotigen Knüppel. Auf mich machte er nicht den Eindruck, als würde er ihn zum Gehen brauchen, aber er schien ihn zu mögen.
„Man kann nichts holen von dem, von dem man nicht auch etwas dazulassen bereit ist!“
Ohne ein weiteres Wort ließ er mich zurück am Rand des Baumwuchses. Da stand ich, die leere Kürbisflasche immer noch in der Hand, während er unbeirrt auf das schroffe Felsmassiv zumarschierte, in dem ich vorhin lange selber gesucht hatte. Sollte ich ihm noch einmal dorthin folgen?

Fortsetzung folgt.

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