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Eintauchen

“Um sie zu verstehen, musst du dich ihnen hingeben!”
Ich fuhr herum. Das gegerbte Gesicht hinter mir war im langen Schatten des Fischerbootes kaum noch zu erkennen. Ob der Mann schon länger hinter mir gestanden hatte? Seine Augen wirkten, als würde in seinem Kopf dahinter eine Glut brennen, die hinausdrängte in das Licht der untergehenden Sonne am Horizont.
“Was?” fragte ich.
Der alte Fischer streckte den Arm aus zum Meer, wo unermüdlich die Dünung an den Strand schwappte. “Eintauchen musst du darin, dich berühren lassen. Darin untergehen und aufgehen, dich von ihnen tragen lassen.”
Noch etwas benommen, weil so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen, schüttelte ich den Kopf und lachte leise. “Mir steht nicht der Sinn danach, hinauszuschwimmen in die untergehende Sonne.”
“Weil du nicht weißt, wie man schwimmt!”
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete ich ihn genauer. Nein, in den zehn Tagen auf der Insel war er mir noch nicht begegnet. Mag sein als einer von vielen, wenn ich die Fischer am Vormittag beobachtet hatte, wie sie nach und nach aus der wogenden Ferne zurückkamen, um gleich am Strand ihren Fang bereit zu machen für den Verkauf. Am befestigten Uferweg warteten schon die Wagen der Restaurants und der Fischhalle. Wer dort nach Frischfisch verlangte, bekam ihn auch.
Die Eindringlichkeit der Gerüche war davon geweht, was blieb, war der salzige Atem des Meeres, der in meinen Ohren wisperte und den Sand in alle Ritzen trieb.
“Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht schwimmen kann?”

Die endgültig überarbeitete Fassung dieses Textes erscheint demnächst in meiner Prosasammlung im Buchhandel!

2 Comments.[ Leave a comment ]

  1. ladyfromhamburg / M.B.

    Für mich eine der schönsten Geschichten, die ich bisher gelesen habe. Schön nicht im Sinne von nett gemacht, sondern von eindrücklich, Bilder und Emotionen verratend und teilend, ergreifend.
    Sie wirft Fragen auf, die jeder Mensch, zumindest irgendwann in seinem Leben, einmal stellt. Innere Leere, Zerrissenheit, Unruhe, Flucht sind auch Teile des Daseins, denen wir uns gelegentlich stellen (müssen). Oft irren wir lange herum und übersehen schon mal den ein oder anderen Wegweiser, schauen – wie du es schreibst – nur auf die spiegelnde Oberfläche des Wassers.
    Deine Begegnung mit dem alten Fischer zeigt, dass das Leben uns doch manchmal eine Hand oder einen Finger ausstreckt, um einem wieder hochzuhelfen. Zufassen muss jeder alleine. Ich freue mich, dass die Kruste bei dir aufgebrochen ist und alles herauskonnte, was zugeschüttet und eingesperrt war.

    LG – M.

  2. ladyfromhamburg / M.B.

    Für mich eine der schönsten Geschichten, die ich bisher gelesen habe. Schön nicht im Sinne von nett gemacht, sondern von eindrücklich, Bilder und Emotionen verratend und teilend, ergreifend.
    Sie wirft Fragen auf, die jeder Mensch, zumindest irgendwann in seinem Leben, einmal stellt. Innere Leere, Zerrissenheit, Unruhe, Flucht sind auch Teile des Daseins, denen wir uns gelegentlich stellen (müssen). Oft irren wir lange herum und übersehen schon mal den ein oder anderen Wegweiser, schauen – wie du es schreibst – nur auf die spiegelnde Oberfläche des Wassers.
    Deine Begegnung mit dem alten Fischer zeigt, dass das Leben uns doch manchmal eine Hand oder einen Finger ausstreckt, um einem wieder hochzuhelfen. Zufassen muss jeder alleine. Ich freue mich, dass die Kruste bei dir aufgebrochen ist und alles herauskonnte, was zugeschüttet und eingesperrt war.

    LG – M.

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