“Mama, ich brauche dann jetzt noch Pfeil und Bogen!”
Kinder und ihre Wünsche. An einem Sonntagnachmittag, auf einer kurvenreichen Straße durch den Thüringer Wald, während Miriam versuchte, den Wochenendbesuch, die übliche Pflichtveranstaltung zum Geburtstag der Schwiegermutter, hinter sich zu lassen. Es waren nicht die Treffen an sich, die so anstrengten, sondern das Aufeinanderprallen von drei Generationen. Kaum, dass die eigenen Kinder erwachsen geworden waren und selber Nachwuchs hatten, wurden sie praktisch wieder entmündigt, und die Großeltern wussten angeblich stets besser was gut war für die Enkel, als die Eltern es jemals wissen könnten. Miriam griff zum Lautstärkeregler des Autoradios. Manchmal war Klaviermusik, dahinplätschernd wie Frühlingsregen, das Einzige, was half.
Theo, straff angeschnallt auf seinem Kindersitz, beugte sich auf der Rückbank vor. “Mama?”
Miriam wandte sich halb um. “Was ist denn, mein Schatz?”
“Hast du gehört?”
“Es ist Sonntag, wo sollen wir da so etwas her bekommen?”
“Na”, der Junge schüttelte verständnislos den Kopf, “das müssen wir kaufen!”
“Aber doch nicht heute, Spatz.”
Die steile Falte auf der kindlichen Stirn zeigte, dass er das nicht gelten lassen konnte. “Aber Opa hat gesagt, ein richtiger Indianer braucht Pfeil und Bogen.”
“Was Opa dir immer erzählt”, sagte sie und wandte sich ganz nach hinten. Ihr anderer Sohn, Frido, war neben seinem Bruder endlich eingeschlafen. Als wollten ihn Flügel streicheln, huschten die blassen Schatten der vorübereilenden Bäume über seine Pausbacken.
Theo holte tief Luft, um der Entrüstung in seinem kleinen Brustkorb Raum zu geben.
“Aber Opa ist viel älter als wir alle”, sagte er.
Miriam nickte. “Darum ist er unser Opa.”
“Also weiß er auch alles besser!”
Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Mutter.
…
Die komplette Geschichte wird im Prosaband “Fang das Licht!” enthalten sein, der in Kürze erscheint.