|||
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
„Wie viele Väter gibt es eigentlich für deine drei Kinder?“
Ganz beiläufig stellte ich Miriam die Frage, laut genug, dass jeder sie hören und verstehen konnte.
Die Mainacht schien auf einmal zu gefrieren. Selbst im Flackern der Flammen aus dem Feuerkorb, der Mitten im Hof für tanzende Schatten und behagliche Wärme sorgte, konnte ich erkennen, wie blass die junge Frau neben mir schlagartig wurde. Die Gespräche rund um das prasselnde Feuer waren augenblicklich verstummt. Ich spürte die Präsenz von Aggression, Adrenalin begann in den Blutbahnen der Kerle zu kreisen, die mich alle wenigstens um einen Kopf überragten. Das Ende dieser Herrentagsparty schien auf einmal nah. Zumindest für mich.
Miriam starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, das Feuer tanzte als Reflex in ihren dunklen Pupillen. Die Schatten um mich herum verdichteten sich, wie eine Wand schoben sich die Freunde der Familie heran. Jederzeit bereit, die zierliche Frau neben mir passiv und aktiv zu beschützen. Auch ohne dass sie etwas sagten wusste ich, dass sie eine Entschuldigung erwarteten. Einen Teufel würde ich tun!
Einer der dick glühenden Kloben zerbarst zwischen den geschmiedeten Stäben, wie ein Feuerwerk aus Glühwürmchen stob es uns entgegen. Reflexartig sprang ich nach hinten, erwischte Miriam am Ärmel der dicken Jacke und zog sie mit.
Sie schüttelte meine Hand ab wie ein ekliges Tier. Es war klar, dass sie am dringendsten eine Erklärung wünschte. Da niemand etwas äußerte in dem Spiel von Licht und Schatten, von dem wir alle ein Teil waren, schwieg auch ich.
Miriams Mann füllte den Feuerkorb auf mit Bruchholz, das er am frühen Abend mit den Kindern aus dem Park hinterm Haus geholt hatte. Als wollte er das Schauspiel besser ausleuchten, das sich anbahnte. Die Flammen leckten erregt an der frischen Nahrung empor, spuckten neue Hitze und erweiterten den Kreis des Lichts, in dem wir standen.
Durch die auflodernden Flammen lächelte Manu zu mir herüber. Sie schien die Einzige, die meine Frage nicht empört hatte. Die Arme gegen die Nachtkälte unter den Brüsten verschränkt, um die lange, dicke schwarze Strickjacke ganz eng an sich zu pressen, nickte sie mir zu.
Ich holte tief Luft und seufzte, und dann wurde es ganz still, als ich erzählte.
Für eine Party im Hof hätte der Tag Mitte Mai wärmer sein können. Allerdings waren gestern gerade die Eisheiligen zu Ende gegangen, durch die noch einmal Erinnerungen an den bitterkalten Winter geweckt worden waren. Also genossen wir den Sonnenschein, der recht warm auf der Haut lag am Nachmittag, und waren froh, dass nicht Regen unsere Herrentagsfeier ins Wasser fallen ließ. Auch abends und nachts sollte es trocken bleiben.
Wir fanden uns ein zu Kaffee und Kuchen, Manu hatte bei mir noch etwas mit Schokolade und Puderzucker kreiert, und als die Tür aufging bei Familie Kanne, roch es bereits nach frisch gebrühtem Muntermacher, der richtigen Mischung für ein „Scheelschen Heessen“.
Vorher mussten wir natürlich noch das aufgeräumte Kinderzimmer inspizieren, die Kunstsprünge von Lilly auf ihrem Bett bewundern und zur Bauabnahme der Butze schreiten, die Theo und Frido sich mit Decken ringsum ihr Etagenbett gebaut hatten.
Der Kaffee glänzte schwarz aus großen Bechern, die man gut beidhändig umfassen konnte. Nicht wegen der Kälte, es war einfach gemütlicher. Warme Muffins lächelten aus einer flachen Schüssel mit ihren Schokostückchen in der Tischmitte. Ich ertappte mich beim wiederholten Griff zum Gebäck und beschloss, mich zu beherrschen, um mir nicht die Vorfreude auf den Abend zu verderben. Unser Herrentagstreffen war in diesem Jahr gleichzeitig Angrillen.
Manu und ich zogen uns Jacken über, bevor wir mit den Jungs in den Hof gingen. Der Hausflur schien den Bohnerwachs zu atmen, der schon vor Jahrzehnten auf die Holzdielen geschmiert worden war.
Theo brauchte nicht mehr die Treppe hinunter getragen werden. Während ich lediglich darauf achtgab, dass der Knirps mit seinen kurzen Beinen die Stufen richtig erwischte, war Lilly schon längst nach unten gesprungen. Ihre helle Stimme klang durch das Flurfenster herein, als sie Manu zu irgendeiner ihrer wilden Tobereien aufforderte. Sein kleines Basecap frech in den Nacken geschoben, erzählte Theo mir mit munterem Geplapper von seinem letzten Ausflug mit Pfeil und Bogen. Er bedauerte, dass er sein Jagdwerkzeug heute nicht mitnehmen durfte in den Hof. Zu viele Leute wären in Gefahr, hatte seine Mutter gesagt.
Aus den Vertiefungen der Plastikplane waren die Pfützen vom letzten Schauer noch nicht komplett verdunstet. Manu griff sich das andere Ende, und zusammen ließen wir die Lachen erst ablaufen, dann legten wir den Buddelsand für die Kiddys frei. Lilly schwang sich in einem der Bäume über den Bänken von Ast zu Ast, Theo kam mit seinem knallbunten Dreirad zurück aus dem kleinen Schuppen in der Ecke des Hofes.
Der große Findling inmitten von Sand und Kinderspielzeug, der mal als Schiff, dann wieder als Ritterburg oder auch als Indianerfels herhalten musste, hatte in der Sonne Wärme getankt. Manu und ich hockten uns hin und beobachteten die Kinder. Mit neugierigen, schwarzen Knopfaugen spähte eine Amsel von einer Wäscheleine zu uns herab, sang uns, nachdem sie uns wohl als freundlich eingestuft hatte, ein, zwei Strophen ihres Frühlingsliedes, bevor sie über den Bäumen in den Himmel verschwand.
Den Dreh mit den Pedalen hatte Theo noch nicht raus. Er rollerte mit dem Gefährt umher, zog seine Kreise immer dichter um unseren Sitzplatz. Wir kamen uns vor, als würden wir in Dünen hocken. Der Sand knirschte unverwechselbar, als er vor uns zum Stehen kam.
„Wo ist denn Volker?“ wollte er wissen.
Ich runzelte die Stirn und spürte, wie Manu neben mir eine Bewegung machte.
Von Anfang an war es klar, dass die Kids uns als Freunde ihrer Eltern mit Vornamen ansprachen, ohne dieses Onkel-Tante-Gedöns, das sich anderswo gegönnt wird. Aber ihre Eltern?
„Wer ist Volker?“ fragte ich vorsichtig zurück.
Theo schob mit gesenktem Blick die Unterlippe vor und antwortete nicht. Er rollerte ein Stück zurück mit seinem kleinen Gefährt, die Sandkörner klagten unter den breiten, schwarzen Rädern mit einem weiteren Knirschen ihr Leid. Ich nahm mir vor, Miriam zu fragen, ob er seinen Vater letztens öfter so nannte.
Theo sah auf und uns über das Buddelparadies der Kinder dieses Hofes hinweg an. „Wo ist denn nun Volker?“
Manu und ich wechselten schnell einen Blick.
„Na, Theo, wer ist denn das?“ fragte sie diesmal zurück.
Für einen Moment sah er uns mit seinen klaren Augen an, als hätte er zwei vor sich, denen er nicht alles anvertrauen, dafür aber zutrauen durfte. Er schüttelte den Kopf mit der auf halb acht hängenden Kappe und knirschte mit dem Dreirad ein Stück davon. Die Kunststücke seiner Schwester, die kopfüber von einem der Äste hing, nahm eine Weile seine Aufmerksamkeit in Anspruch.
Kinder, die so ganz frei von eigenem Rollenspiel und Rollenverständnis auf diese Welt kommen, müssen durch einen sehr beschwerlichen, sehr zähen Prozess der Selbst- und Fremderkenntnis. Als Erwachsene glauben wir zu wissen, wer wir sind, glauben sogar, dass das schon immer so war. Dass wir waren, wer wir sind und es wussten. Das Kind hat keine Ahnung von ich und du. Solange seine Lebensbedürfnisse befriedigt werden, solange es ausreichend Nahrung, Schlaf, Sauberkeit und Zuwendung erfährt, lebt es in einem Zustand dauernder Verbundenheit. Die Glücksseligkeit wird unterbrochen und endet schließlich in der Konfrontation mit den Teilen der Welt, die das Baby als etwas von ihnen verschiedenes betrachten, weil sie sich selber der Welt des Gemeinsamen entfremdet haben. Das Paradoxe liegt in der zwingenden Notwendigkeit dieses Prozesses. Ohne fremde Hilfe kann Kind nicht überleben und diese Abhängigkeit löscht im Laufe der Zeit die Erinnerung an die Verbundenheit aus. Mensch wird jemand, indem er sich entfremdet.
Manu sah mich neugierig an, während ich sprach und strich sich eine Strähne ihrer im Licht schimmernden Haare hinters Ohr. Ich erinnerte mich an das seidige Gefühl dieser Berührung, als ich sie vor Wochen im Arm gehalten hatte, um sie zu trösten.
Die allmählich sinkende Sonne spiegelte sich in den oberen Fenstern der Häuserzeile gegenüber, und in dem Moment saßen wir auf unserem Findling mitten im Buddelsand wie in einem Spot.
Und das Verwirrspiel geht weiter, fuhr ich fort! Wenn Kind glaubt, langsam dahinter zu kommen, wer im Spiel des Lebens wer ist, stellt es fest, dass die Menschen, mit denen es zu tun hat, nicht immer die gleichen sind. Für das Kleine ist Mama, was und wer sie ist, ebenso wie Papa. Aber dann kommen andere Menschen hinzu, und die sagen etwas ganz anderes zu diesen für das kleine Wesen so wichtige Menschen. Sie nennen sie Hans, Uschi, Klaus oder Bärbel. Oder wie sie eben heißen oder von anderen gerufen werden. Nur nicht- Mama und Papa. Das sagen sie selber, also Mama und Papa, zu denen, die doch eigentlich Oma und Opa sind. Ohne es formulieren zu können, kommt Kind zu dem Schluss, dass dies alles sehr suspekt ist. Zumindest verwirrend. Aber aus diesem Dickicht des Undurchschaubaren gibt es einen Ausweg. Man kann sich Klarheit verschaffen, indem man eine klare Richtung einschlägt. Wenn die Beiden, die einen Abends immer viel zu früh ins Bett zwingen, von aller Welt eben Karl und Lisa genannt wurden, würde Kind das von jetzt an auch tun.
Ich habe keine Erinnerung daran, ob das bei mir genauso war. Mir versichern das lediglich die Erzählungen meiner Mutter.
Manu nickte und nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit zuhause nachzufragen, ob es auch bei ihr eine solche Phase gegeben hatte.
Ohne, dass wir es bemerkt hatten, war Theos Dreirad wieder heran geknirscht.
„Sagt ihr mir nun“, bat er, „wo Volker ist?“
Manu hockte sich zu ihm, die Hände auf der Lenkstange des Gefährts. „Verrat uns doch mal, wer dieser Volker ist“, sagte sie.
Wieder sah der Kleine sie an wie schon vorher, die weise Altklugheit des Kindseins dieser Welt in den Augen. Schließlich seufzte er aus tiefster Seele, hob eine Hand, eine verzweifelte Geste, ließ sie auf seinen Oberschenkel klatschen und rief halblaut aus:
„Na, das ist so ein Papa!“
Im nächsten Moment war das Knirschen der sich entfernenden Räder das einzige Geräusch im Hof. Bis Manu und ich in schallendes Gelächter ausbrachen.
Einen Moment blieb es noch still, nur das Knacken der Äste im Feuerkorb war zu hören. Manu und ich grinsten uns über die Flammen hinweg an, dann brach es wieder aus uns heraus. Miriam stimmte ein, gefolgt von den anderen. Die Atmosphäre reinigte sich augenblicklich und irgendwelche bitteren Verärgerungen wurden mit Bier oder Wein oder Schorle einfach hinunter gespült.
Seither ist es so, dass die, die bei der Feier dabei waren, auf die Frage, wer denn Volker sei, erst einmal antworten: „Na, das ist so ein Papa!“ Um anschließend die kleine Geschichte zum Besten zu geben, mit der Theo uns durch seinen Kindermund wieder einmal gezeigt hatte: Die schönste aller Geschichten, der man zuhören kann, ist das Leben selber.