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Nachahmer & ihre Vorbilder

Die jüngeren Geschwister haben es nach einer weit verbreiteten, allgemeinen Lesart der Dinge dieser Welt einfacher, als die zuerst geborenen. Die nämlich, so denkt man, fangen im Lauf der Zeit durch ihren immerwährenden Vorsprung gegenüber den “Kleinen” alle Erziehungsversuche der Eltern ab; die dann ihre (aus)gereiften Erfahrungen auf diesem Gebiet an den jüngeren erfolgreich anwenden können, um in diesen Fällen keine Versuchspersönlichkeiten, sondern wahre Menschen duch Erziehung zu kreieren.
Als jüngstes von vier Kindern, ein Nachkömmling, sechs Jahre nach dem letzten derartigen Experiment meiner Eltern, betrachte ich die Sache natürlich etwas differenzierter.
Meine Eltern kannten sich nach einem Überraschungserlebnis, einer Generalprobe und der Vorpremiere wohl einigermaßen aus. Und dann kam ich, und alles begann noch einmal von vorn.
Aber mal ehrlich, wieviel Zeit verbringt ein Kind tatsächlich mit seinen Eltern, wenn es in ein Alter kommt, in dem es “aus dem Gröbsten raus ist”? Zumal, wenn es ältere Geschwister hat?
Ohne es beweisen zu können, weil auch mir natürlich die Erinnerung fehlt (und was ist Erinnerung schon für ein überzeugender Beweis, außer für einen selber), ohne den Beweis also, vermute ich, dass ich zum Experimentierfeld für meine älteren Geschwister wurde.
Das ist eine ganz natürliche Sache.
Kinder ahmen nach.
“Kinder tun nicht, was ihre Eltern ihnen sagen, dass sie tun sollen; Kinder tun das, was ihre Eltern tun.” (Frei nach M. Winterhoff: “Warum unsere Kinder Tyrannen werden”)
Das Leben scheint eine gewisse Stabilität zu erreichen durch Kopieren. Originale vermuten in Kopien zunächst Spiegel, bis sie feststellen, dass es in diesem Fall zuerst nur Zerrbilder sein können, die später sogar noch ein Eigenleben entwickeln. Ob uns das passt oder nicht, so ist es von der Natur nicht einfach zufällig eingerichtet, es ist gewollt.
Wir wollen und erfahren Zugehörigkeit durch Nachahmung, weil unser Verhalten uns als ungefährlich ausweist für die, denen wir durch unser Verhalten ähneln. Der Mensch braucht Zugehörigkeit. Wen wundert es, dass Kinder ihren ersten Vorbildern nacheifern? So fängt das Leben an, das über eine reine biologische Funktionalität zur Reproduktion hinausweist: Das Erleben.
Zeit und Erfahrung müssen lehren, was des Nachahmens wert ist, und was man lieber unterlassen sollte. Aus eigenem Interesse oder dem eines anderen.
Ältere Geschwister haben diese Fähigkeit der Unterscheidung noch nicht. Also ahmen sie die Eltern nach, was das Zeug hält. Sie machen sich zum Bild ihrer VorBilder. Und damit hat ein Mensch, wenn er jüngere Geschwister hat, seine ersten, sicherlich unbewussten und schwer an der Oberfläche erinnerbaren Erlebnisse als “Erziehender”, schon im Kindesalter.
Die Kehrseit der Medaille ist, dass die Jüngeren noch mehr dem Experimentieren unterworfen sind, als es ihre früher geborenen Schwestern und Brüder waren, oder Einzelkinder sind.
Unbewusst haben die Großen die ersten Schritte noch nicht wieder vergessen. Laufen lernen, sag mal “Mama!”, den Löffel mit dem Brei richtig halten, das sind Dinge, die sie somit vielleicht mit mehr “Sachverstand” dem kleinen, noch viel neueren Erdenbürger als sie selber inzwischen sind, beibringen können.
Ich weiß, dass ich den Drei Großen viel zu verdanken habe. Auch, wenn ich es nicht wirklich weiß.
Manche Prägung, die wir mitbekommen haben, und die uns im Hinblick auf unsere Erzeuger seltsam erscheinen mag, bis hin zu der Frage, sind das wirklich meine Eltern, lässt sich aus der Natur der Verbindung zu unseren älteren Geschwisten erklären. Wenn nur nicht der Nebel eines vagen Vergessens so vieles von dem verhüllen würde, was als unsere früheste Kindheit unter den Fundamenten unseres jetzigen Lebens schlummert…

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